Mirok Li: ein koreanischer Schriftsteller in Deutschland

2013-10-24

Auf dem Gräfelfinger Friedhof in München gibt es einen besonderen Grabstein. Die Inschrift auf der Vorderseite ist auf Deutsch, auf der Rückseite ist jedoch Koreanisch zu lesen. Hier liegt Mirok Li begraben, ein koreanischer Schriftsteller.

Mirok Lee machte sich in deutschen Literaturkreisen vor allem mit seinem 1946 erschienenen Roman "Der Yalu fließt" einen Namen. Das autobiographische Werk, das der Autor über einen Zeitraum von zehn Jahren ab Mitte der dreißiger Jahre verfasst hatte, war eine Sensation. Es wurde nach seiner Veröffentlichung zum besten deutschsprachigen Roman des Jahres gekührt und schon bald ins Englische und Koreanische übersetzt.

Mirok Lee war so beliebt in Deutschland, dass eine Frau sogar in ihrem Testament festhielt, dass sie neben dem Autor begraben werden wollte. Ausschnitte aus "Der Yalu fließt" tauchen auch in deutschen Schulbüchern auf. Er ist bis heute der einzige koreanische Schriftsteller, der auf Deutsch schrieb. Wie kam es dazu, dass dieser Mann, der 1899 in Haeju in der heute nordkoreanischen Hwanghae-Provinz geboren wurde, im deutschen München starb?

Unabhängigkeitskämpfer im Exil



Mirok Lis Geburtsname war Lee Eui-gyeong. Sein Pseudonym Mireuk, aus dem auf Deutsch Mirok wurde, war ein Kosename, den ihm seine Mutter als Kind gegeben hatte.

Mirok Lee war der Spross einer wohlhabenden Familie. 1919 nahm er als Student an der Medizinischen Hochschule in Kyeongseong, wie Seoul damals hieß, aktiv an der Unabhängigkeitsbewegung vom 1. März gegen die japanische Kolonialherrschaft teil. Er verteilte anti-japanische Flublätter und führte Aktionen von Studenten an. Als er daraufhin von der japanischen Polizei gesucht wurde, entschloss er sich, ins Exil zu gehen. Er überquerte den Yalu-Fluss an der Grenze zu China und ging zunächst nach Shanghai, um dort die Provisorische Regierung der Republik Korea im Unabhängigkeitskampf zu unterstützen.

1920 ging er dann nach Deutschland. Im März 1921 nahm er an der Universität Würzburg sein Medizinstudium wieder auf, musste es aber aufgrund von Gesundheitsproblemen bald wieder abbrechen. 1923 begann er Zoologie zu studieren, diesmal in Heidelberg, bevor er 1925 nach München ging und dort Philosophie belegte. 1928 wurde er an der Universitãt München promoviert.


Trost für ein besiegtes Volk



Die erste literarische Veröffentlichung von Mirok Li war die Kurzgeschichte "Nachts in einer koreanischen Gasse", die in dem Literaturmagazin "Die Dame" erschien. Die meisten Werke von Lee sind volkstümlich gefãrbt, mit Motiven aus der ostasiatischen Kultur, Tradition und dem Brauchtum, und spielen vorzugsweise in Korea.

Sein bekanntester Roman "Der Yalu fließt", 1946 veröffentlicht, wurde zum Bestseller. Nach dem Erscheinen des Buches druckten Zeitungen und Zeitschriften fast 100 Rezensionen, und das Werk wurde zum besten deutschsprachigen Buch des Jahres gekührt. Die erste Auflage war bald ausverkauft, und der Name Mirok Li in der deutschen Literaturszene in aller Munde.

Die Veröffentlichung des Romans fiel direkt in die Nachkriegszeit. Nach dem Niedergang des Naziregimes und der vernichtenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg lag Deutschland in Trümmern, und die Deutschen waren am Boden. Mirok Lis warme, bescheidene und einfache Sprache spendete da großen Trost.

Selbst heute noch wird Mirok Lee dafür gelobt, dass er es vermochte, die Sehnsucht nach einer reinen Seele zu wecken und Ideale wieder auferstehen zu lassen. Er wird als ein wahrer Freigeist erinnert, der danach strebte, ganz durch den Geist zu atmen. Das zeigt, das Lis Literatur offensichtlich ein tiefes Bedürfnis in den Menschen in Deutschland ansprach.

Mirok Li hinterließ neben "Der Yalu fließt" noch viele andere Werke, darunter "Der andere Dialekt".


Tod im Exil



Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit unterrichtete Mirok Li außerdem an der Universität München die Fächer Asiatische Philosophie und Koreanische Literatur und widmete sich der Förderung von Ostasienwissenschaftlern in Deutschland. Er trug auch viel zur Bekanntmachung der koreanischen Kultur in Deutschland bei. So war dieser brilliante und literarisch hochtalentierte Mann in der Fremde sehr erfolgreich. Aber es sollte ihm nicht vergönnt sein, seine Heimat noch einmal wiederzusehen. Mirok Lee starb 1950 in Deutschland an Magenkrebs, drei Monate, bevor der Koreakrieg ausbrach. Rund zehn Jahre später wurden seine Werke ins Koreanische übersetzt und sind seitdem auch koreanischen Lesern zugänglich.

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