Oh Sang-hoon, Betreiber des Teehauses Jebidabang  open the window of AOD

2017-02-28

Jazzklänge erfüllen das Café Jebidabang im Viertel Sangsu in Seoul. Jebidabang bedeutet übersetzt so viel wie „Schwalben-Teehaus“. Live-Auftritte finden hier jeden Donnerstag- bis Sonntagabend statt. Lediglich sechs Tische und weniger als 20 Stühle stehen im Raum. Und die Bühne bietet nur Platz für drei bis vier Musiker. Dennoch sind die Musikveranstaltungen hier so beliebt, dass sich bereits zwei Stunden vor Konzertbeginn lange Schlangen vor dem Café bilden.

Mann 1: Ich liebe die Stimmung, die Musik und die Leute. Sogar das Gerede der Gäste wird Teil der Musik. Gerade weil der Laden so klein ist, ist er so beliebt. Ich bin bereits anderthalb Stunden vor Konzertbeginn gekommen.

Frau 2: Ich liebe es. Es ist so intim und jeder kann die Musik genießen. Und ich mag, dass man die Musiker aus allernächster Nähe betrachten kann.

Mann 3: Ich finde es gut, dass ich mich um andere nicht kümmern muss und die Musik allein genießen kann. Ich mag experimentelle Bands und entdecke gern neue Musiker. Die Zuschauer brauchen nicht dazusitzen und zuzuhören. Und ich mag das Gefühl, den Musikern nahe zu sein.


Nur ein Meter trennt die Musiker von ihrem Publikum. Mikrofone sind da nicht nötig. Diese ungefilterte Natürlichkeit setzt die Musiker unter Druck, ihr Bestes zu geben. Dazu der Jazz-Schlagzeuger Lee Jae-gyu:

Das Publikum kann alles hören, was auf der Bühne geschieht. Es gibt nur wenige Plätze in Seoul, wo man ein Schlagzeug ohne einen Lautsprecher hört. Das ist eine Seltenheit, sowohl für die Musiker als auch für das Publikum. Das Café ist klein, aber wir alle wollen hier spielen. Sogar das Publikum scheint hier ungehemmter zu reagieren.

Jebidabang ist tagsüber ein Café und abends ein Club mit Alkohol und Live-Musik. Am Abend verwandelt sich deshalb das Ladenschild in eine betrunkene Schwalbe. Der Café- und Clubbetreiber ist Oh Sang-hoon, Architekturprofessor an der Dankook Universität und Liebhaber von Musik, Film, Kunst und Literatur. Mit dem Laden verdient er nicht viel, schließlich erfordern der Café-Betrieb, das Organisieren der Konzerte und die Albenverkäufe umfangreiche finanzielle Investitionen. Doch bislang hat sich das Jebidabang halten können und dafür ist Oh sehr dankbar.



Es ist finanziell sehr aufwändig, Alben herauszugeben und Konzerte zu veranstalten. Aber nichts ist aufregender und interessanter als Konzerte zu geben und zu sehen, wie die Gäste sich daran erfreuen. So etwas findet man nirgendwo anders. Diese Arbeit bereitet Freude, hat einen Wert und bringt Energie in unser Leben.

2005 begann sich Oh Sang-hoon zum ersten Mal für kulturelle Spielplätze zu interessieren. Zu dieser Zeit bereiste er mit seinem jüngeren Bruder Europa. Die Brüder beschlossen, ein Konzept für einen kulturellen Spielplatz für Erwachsene zu erarbeiten. Und sie fanden Künstler, die bereit waren, mitzumachen. Dann eröffneten sie das CTR bzw. das Cultural Topography Research, wo sich Künstler versammelten, um kulturelle Themen zu diskutieren oder Musik zu machen.

Wir schufen diesen Raum für unsere kreativen Freunde. Sie trafen sich dort, um kulturelle und künstlerische Ideen auszutauschen und gemeinsam an Projekten zu arbeiten. Mein Bruder hatte an der Hongik-Universität Industriedesign studiert und ich war Architekt. In unserer Gruppe gab es auch Drehbuchautoren, Maler, Bildhauer, Installationskünstler und Musiker. CTR war eine Art Workshop, das im September 2005 eröffnet wurde.

Musiker, Künstler, Filmemacher und Autoren trafen sich im CTR. Es wurde zu einem Salon für Kunstliebhaber.

Künstler und Musiker bezeichneten es bald als Lemon Salon. Kleine Ausstellungen und Seminare zu künstlerischen und kulturellen Themen fanden dort statt. Musiker besuchten das Lemon Salon, um etwas zu trinken und Minikonzerte zu geben. Das waren keine richtigen Konzerte mit eingeladenen Gästen, sondern spontane Jamsessions. Musikerfreunde kamen vorbei, machten Musik und übernachteten, wenn es zu spät wurde.

Mittels dieses Kulturprojekts teilten die Künstler miteinander ihre Arbeitsprozesse, stellten ihre Werke aus und gaben das One Piece Magazine heraus. Das Konzept dieser Zeitschrift war, dass jede Seite selbst ein Kunstwerk darstellte, das wiederum eingerahmt und ausgestellt werden konnte.

Jede Ausgabe war einem Thema unterstellt. Danach wurden Künstler und Artikel ausgewählt. Das Magazin wurde später an das Tate Modern Shop in London verkauft. Das Projekt hielt sich drei Jahre. Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift war zwischen 250 bis 300 Seiten lang und höchste Priorität wurde auf ihre Unabhängigkeit gelegt. Deshalb gab es in der Zeitschrift auch keine Werbung.

Doch die vierteljährliche Herausgabe eines 300-Seiten-Magazins ohne jegliche Werbeeinnahmen wurde zu einer schweren finanziellen Belastung für den Herausgeber. Deshalb wurde das One Piece Magazine nach drei Jahren eingestellt und wartet nun auf ein Comeback.

Ende 2011 kaufte Oh Sang-hoon im Viertel Sangsu ein Gebäude, das nach umfangreichen Renovierungsarbeiten zu einem neuen Heim für das CTR werden sollte.

Das Gebäude ist sehr klein. Deshalb überlegte ich, wie man das Untergeschoss am besten nutzen könnte. Durch Öffnungen sollte das Tageslicht hereingelassen werden, damit es nicht wie ein Keller wirkt. Und bei einem Konzert sollten die Öffnungen wie Verstärker wirken, die die Musik bis zum ersten Stock tragen. Ich stellte dort auch Bücher vom Lemon Salon aus. Sie sollten gleichzeitig den Schall abfangen.

Die Bücher in den Regalen im Untergeschoss vom Jebidabang dienen damit einerseits als Schmökermaterial für die Gäste, anderseits wirken sie auch als Schalldämpfer.

Das Jebidabang oder das Schwalben-Teehaus wurde nach langen Umbauarbeiten im April 2012 eröffnet. Die Schwalbe symbolisiert dabei die Ankunft des Frühlings. Das Besondere am Jebidabang ist auch das Bezahlsystem. Der Eintritt bei Konzerten ist frei. Erst nach einer Aufführung zahlen die Besucher, und zwar nur so viel, was sie je nach erlebten Unterhaltungswert für angemessen halten.

Für die Konzerte werden keine festen Preise gesetzt. Wir vertrauen unseren Gästen und mischen uns nicht in ihre Entscheidungen ein. Das gesamte Geld, das in die Trinkgeldkiste eingezahlt wird, geht an die Musiker. Die Beträge unterscheiden sich je nach dem, wer spielt. Unbekannte Künstler erhalten weniger Geld, während große Namen mehr Trinkgeld bekommen. Den Musikern selbst ist das Geld nicht so wichtig, aber sie können daran ablesen, wie sehr die Gäste ihre Musik genossen haben.

Die Trinkgeldkiste wird während des Konzerts herumgereicht und die Gäste zahlen so viel, wie es ihnen angemessen erscheint. Je größer das Vergnügen, desto mehr Geld wird in die Kiste eingezahlt. Die Kiste bekommen am Ende die Musiker. Das Jebidabang-System verleiht der Kultur einen monetären Wert, weshalb die Musiker gern im Jebidabang auftreten – trotz der kleinen Größe des Veranstaltungsorts. Dazu der Jazzmusiker Jeong So-hwee:

Oh Sang-hoon ist ein Freund der Musiker. Er ist nicht nur ein Clubbetreiber, der sie einstellt. Wir koexistieren und ich mag diese Art von Beziehung. Oh ist eigentlich Architekt, deshalb unterscheidet sich seine Geschäftsführung von anderen Clubbetreibern. Er liebt die Musik und er erlaubt den Musikern ihre Musik zu spielen, wie sie es wollen. Es gibt keinerlei Beschränkungen hinsichtlich der Zeit oder des Repertoires. Im Jebidabang können wir frei unsere Stücke spielen. Ich trete hier gern auf, weil ich es liebe, hier zu spielen.

Nach dem Konzert werden die Musiker selbst zu Gästen. Nach einem oder zwei Gläsern gehen sie dann wieder auf die Bühne und spielen Zugaben. Auch Musiker, die sich nicht kennen, können zu einer Jamsession zusammenkommen. Dazu der Jazz-Schlagzeuger Lee Jae-gyu:

Jeden Mittwoch gibt es eine Jamsession mit Musikern, die sich vorher nicht kannten. Es ist wie eine Musikparty. Auch Oh Sang-hoon kommt vorbei, um sie spielen zu sehen. Und wenn ihm etwas gefallen hat, bittet er die Musiker wiederzukommen. Ich denke, Oh ist wirklich interessiert. Und er besitzt künstlerisches Know-how, das ihn dazu motivierte, dieses Café zu eröffnen.

Seit 2015 produziert Oh Sang-hoon Sammelalben von Bands, die in seinem Club gespielt haben. Das dritte Sammelalbum wird dieses Jahr herausgegeben. Für die Albumproduktion hat er ein Aufnahmestudio, das CTR Sound, auf der zweiten Etage des Jebidabang-Gebäudes eingerichtet. Auf der dritten Etage befindet sich sein Architekturbüro und Designstudio CTR Form Studio. Und seit Kurzem gibt es neben dem Jebidabang auch einen Besprechungsraum.

Vier Seilrollen sind mit dem Tisch im Besprechungsraum verbunden, sodass der Tisch zur Decke hochgezogen werden kann, wenn keine Meetings anstehen. Auf diese Weise wird der Raum zu einer kleinen Galerie, die sich perfekt für Ausstellungen eignet. Das Jebidabang bietet Untergrund-Musikern eine Bühne, der Besprechungsraum bietet Raum für Kunstwerke von unbekannten, aber talentierten Künstlern. Der Besprechungsraum kann zu einem experimentellen Raum werden, wo sich neue Künstler und die Öffentlichkeit treffen können.

Oh Sang-hoon ist es wichtig, diese kulturellen Projekte weiter am Laufen zu halten. Mit der Gründung von CTR Print wird das One Piece Magazine wohl bald zurückkehren. Oh hofft, dass die Künstler ohne finanzielle Sorgen kreativ aktiv sein können.

Mein Traum ist, dass unsere Programme Gewinne erzielen. Wir wollen, dass Künstler und Musiker mit ihren Tätigkeiten Geld verdienen können. Gegenwärtig können die meisten Musiker nicht von ihrer Musik leben. Sie alle haben einen Nebenjob wie z.B. Unterrichten. Ich wünschte mir, sie wären nicht abhängig von anderen Einkommensquellen und könnten einfach ihre eigene Musik machen. Mein kleiner Beitrag zu diesem Traum ist die Trinkgeldkiste im Jebidabang, in die Besucher für ihren Musikgenuss einzahlen. Ich denke, das ist ein guter Anfang.

In seinem fünfjährigen Bestehen hat das Jebidabang eine kleine Schar treuer Stammgäste um sich scharen können. Das Café mit seiner alten und vertrauten Innenausstattung ist ein einzigartiger Veranstaltungsort für originelle und experimentelle Aufführungen. Das ist auch der Grund, warum die Gäste neugierig und gespannt sind, wenn sie das Jebidabang besuchen. Sie wissen nicht, welche Überraschung sie erwartet. Oh Sang-hoon hofft, dass das Jebidabang noch lange als kultureller Spielplatz für Erwachsene bestehen bleiben wird.

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