Der Unhyeon-Palast: Schauplatz der modernen koreanischen Geschichte  open the window of AOD

2011-11-01

In den Monaten April, Mai, September und Oktober bietet sich im Seouler Stadtteil Insa-dong jeden Sonntag Nachmittag ein ganz besonderer Anblick: umringt von 20 Leibwächtern wird in einer großen Sänfte ein Mann in den Adelskleidern der Joseon-Ära durch die Straßen getragen.

Die Parade stellt den Arbeitsweg des Heungseon Daewongun nach, der der Vater des König Gojong war und in Korea meist nur unter seinem Titel Daewongun bekannt ist. Die Parade, die die Passanten ins späte 19. Jahrhundert versetzt, startet am Wohnsitz des Daewongun, dem Unhyeon-Palast. Und genau diesem wollen wir heute einen Besuch abstatten.

Der Unhyeon-Palast, auf Koreanisch Unhyeongung, befindet sich in Unni-dong im zentralen Seoul, und ist am besten von der U-Bahn-Station Anguk auf der Linie 3 zu erreichen. Rund 50 Meter vom Ausgang 4 entfernt gelangt man zu einem weitläufigen traditionellen Anwesen und ist am Ziel. Der Palast ist einer der wichtigsten Schauplätze der koreanischen Geschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, denn von hieraus übte der Daewongun seinen gewaltigen politischen Einfluss aus. Herr Jeong Gi-cheol, Direktor der Palastverwaltung, erzählt uns mehr dazu.

Der Unhyeon-Palast war ein wichtiger Ort in der Geschichte der späten Joseon-Ära. Damals durchlief das Reich gerade den Transformationsprozess von einem mittelalterlichen Königreich zu einem modernen Staat, und dementsprechend chaotisch waren die Zeiten. Nach der Krönung des minderjährigen König Gojong regierte zunächst der Daewongun für zehn Jahre, von 1863 bis 1873, als Regent das Land. Er beschnitt die Macht der herrschenden Familien, versammelte neue und fähige Beamte um sich und führte Reformen in Militär, Bildung und Sitten ein. Die Planung und Umsetzung all dieser Veränderungen soll in seinen Arbeitsräumen im Unhyeon-Palast stattgefunden haben. Doch der Daewongun wird auch viel kritisiert. Vor allem dafür, dass er alle Einflüsse von außen wie westliche Wissenschaft und den Katholizismus ablehnte und dadurch die Chance einer eigenständigen Modernisierung des Landes verpasste.

Bei der Thronbesteigung 1863 war König Gojong gerade einmal 12 Jahre alt, weswegen sein Vater zunächst als Regent an seiner Stelle regierte. Er erhielt den Titel Daewongun und regierte das Land mit eiserner Faust, stärkte die Macht des Königs und verfolgte eine Reformpolitik. Gleichzeitig wurde sein Wohnsitz zum Palast erhoben, und um diesem Titel zu entsprechen, wurde der Unhyeon-Palast immer größer und prächtiger. Herr Jeong.

Auf dem Höhepunkt nahm der Unhyeon-Palast eine Fläche von 33.000 m2 ein. Zu dem Zeitpunkt gehörte alles vom heutigen japanischen Kulturzentrum bis zur Gyodong-Grundschule und vom Kulturzentrum bis zum Gebäude der Firma Samwhan zu dem Anwesen. Laut einem historischen Dokument waren die Mauern des Palastes mehrere hundert Meter lang und hatten vier große Tore, die denen eines Königspalastes in nichts nachstanden. Der Unhyeon-Palast stand also auf einer Stufe mit den anderen Palästen der Stadt.

Der Daewongun lebte bis zu seinem Tod 1898 in dem Anwesen. Während der japanischen Kolonialzeit und dem Koreakrieg wurde der Unhyeon-Palast immer kleiner, und heute macht er nur noch ein Viertel seiner ursprünglichen Größe aus. Lange Zeit war der Unhyeon-Palast im Besitz der Nachfahren des Daewongun, doch schließlich konnten sie ihn nicht mehr unterhalten. So kaufte die Stadt Seoul ihn 1993 auf. Der Stadtführer Ha Jeong-hyo erklärt uns genaueres.

Heute hat der Palast noch eine Fläche von ca. 7.100 m2, was nicht einmal ein Viertel von seiner ursprünglichen Größe ist. Die Nachfahren des Daewongun baten die Stadt 1993, ihnen das Anwesen abzukaufen, und die Stadt erstand es für 8,3 Milliarden Won, was heute etwas mehr als 5 Millionen Euro sind. Anschließend renovierte sie den Palast für gut 2 Millionen Euro. Seit 1997 ist er als historische Stätte Seouls anerkannt.

Nachdem der Palast in den Besitz der Stadt Seoul überging, wurde er für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So können die Besucher hier heute sehen, wie Mitglieder der Königsfamilie im späten 19. Jahrhundert lebten.

Ich hatte eine große und protzige Anlage erwartet, schließlich heißt es „Palast“. Aber das Anwesen ist recht klein und bescheiden, dafür aber auch viel familiärer und vertrauter.

Der Unhyeon-Palast ist heute nur noch ein Bruchteil dessen, was er früher war, sodass man sich nur schwer vorstellen kann, dass er im späten Joseon das Zentrum aller politischen Aktivitäten war. Ein Rundgang durch den Palast beginnt bei dem Gebäude rechts vom Eingang, welches Sujiksa heißt. Hier lebten die Wachgarde und die Verwaltungsangestellten des Anwesens. Nach dem Umzug König Gojongs in den Königspalast sollen viele Bedienstete von dort entsandt worden sein. Hinter dem Sujiksa steht das Gebäude Noandang. Hierbei handelt es sich um die Arbeitsräume des Daewongun, von wo aus er die meisten seiner Angelegenheiten erledigte.

Der Name Noandang bedeutet „Friede im Alter“, und in diesen Räumen setzte der Daewongun seine politischen Pläne in die Tat um und entwickelte viele seiner Reformideen. Heute befinden sich in dem Raum nur ein achtteiliger Paravent sowie eine Sitzmatte mit Schreibtisch. Für einen Regenten, der im Hintergrund des Königs die Fäden spann und über großen politischen Einfluss verfügte, eine recht bescheidene Ausstattung.

Ich sehe die Arbeitsräume des Daewongun heute zum ersten Mal. Sie sind viel kleiner und bescheidener, als ich mir vorgestellt hatte. Die Politik, die von hieraus getätigt wurde, brachte zwar keine besonders guten Resultate, aber der Raum ist trotzdem von großer historischer Bedeutung.

Auf dem Höhepunkt seiner politischen Macht war das Gebäude Noandang für den Daewongun der wichtigste Arbeitsplatz. Doch es war auch das Exil, an dem er nach seiner Absetzung die meiste Zeit verbrachte. 1898 starb er im Alter von 79 Jahren im innersten Raum des Gebäudes.

Durch ein Tor geht es weiter zu den Wohnquartieren des Unhyeon-Palastes, Norakdang. Das Tor wird auch das „Tor der Ernennung“ genannt, denn all diejenigen, die vom Daewongun für den Dienst am königlichen Hof ausgewählt wurden, mussten durch das Tor schreiten. Norakdang wiederum bedeutet „Freude im Alter“ und ist das wichtigste und beeindruckendste Gebäude des Unhyeon-Palastes. Es hat insgesamt neun Räume, und hier fand unter anderem die Hochzeitszeremonie von König Gojong und seiner Frau, der späteren Kaiserin Myeongseong, statt. Hier ist noch einmal der Stadtführer Ha Jeong-hyo.

Die Vermählung fand am 21. März 1866 um 2 Uhr nachmittags statt. Der König war fünfzehn, die Königin sechzehn. Einen Monat vor der Hochzeit war die Königin bereits hierher gezogen, um in der Hofetikette unterwiesen zu werden. Nach der Trauung zog König Gojong in den größten Raum, die Königin in den zweitgrößten, und für den Daewongun und seine Gemahlin blieben nur die kleinsten Zimmer. Daher baute der Königsvater für sich und seine Frau hinter dem Norakdang ein zweites Gebäude, das Irodang heißt. Das Norakdang wurde also zum Hauptwohnquartier des Unhyeon-Palastes, und Irodang war ein Nebengebäude für die Eltern des Königs.

Bei der Trauung soll ein Geleit aus 1.641 Personen und 700 Pferden durch den Unhyeon-Palast gezogen sein – Sie ahnen, wie groß der Palast damals gewesen sein muss. Heute sorgen lebensgroße Puppen in den Kleidern der Hofdamen und Bediensteten sowie verschiedene Gegenstände dafür, dass die Besucher eine Vorstellung von dem früheren Leben hier bekommen.

Irodang, wo König Gojongs Mutter lebte, war als Quadrat angelegt, um allen Männern außer dem Daewongun den Zutritt zu verhindern. Herr Ha.

„I“ bedeutet „zwei“, „Ro“ „alt“. Irodang bedeutet also „ein Ort für zwei alte Menschen“, den Daewongun und seine Frau. Das Gebäude hat eine dreistufige Fundierung, und der Hof befand sich in der Mitte der Anlage. So sollten Männer daran gehindert werden, die Hofdamen zu besuchen, die auf einer Seite des Hofes lebten. Von oben sieht das Gebäude wie ein Quadrat aus.

Vor dem Irodang steht ein Museum mit einer Ausstellung zum Unhyeon-Palast. Mit Hilfe von Gegenständen aus dem Besitz des Daewongun, den Gewändern von König Gojongs Hochzeit und anderen Reliquien bekommt man ein umfassendes Bild von Geschichte und Bedeutung des Anwesens.

Der Daewongun pendelte täglich zwischen dem Unhyeon-Palast und König Gojongs Palast, und diese Prozession wird heute im Frühjahr und im Herbst jeden Sonntag zweimal nachgestellt. Die Rolle des Daewongun steht dabei jedem offen, und der Auserwählte wird, in den Kleidern des Regenten gekleidet, in einer Sänfte durch den Palast getragen.

Ich habe jetzt die Kleider des Daewongun an und fühle mich, als wäre ich wirklich in seine Rolle geschlüpft. Ich werde in der Sänfte durch den ganzen Palast getragen, es ist eine tolle Erfahrung! Ganz als wär ich ein Adliger im Joseon-Reich!

Von zwanzig Leibwächtern umgeben in einer Sänfte durch den Palast getragen zu werden: ohne Zweifel ein ganz besonderes Erlebnis.

Jeden Sonntag werden im Unhyeon-Palast auch traditionelle Vorführungen und Konzerte abgehalten. Vor allem jetzt im Herbst klingen die alten Instrumente und Melodien im Palast ganz besonders schön.

Das Wetter ist gut, und es ist ganz ruhig und friedlich. Die Klänge des Saiteninstrumentes Haegeum verstärken die Atmosphäre noch. Ich finde es gut, dass man im Unhyeon-Palast solche Musik hören kann, damit wird die Ruhe und die Ehrwürdigkeit des Anwesens besonders deutlich.

Hier im Unhyeon-Palast spielte der junge König Gojong im Hof, hier erhielt die Kaiserin Myeongseong ihren Unterricht in der Hofetikette, und von hier aus regierte der Daewongun das Land – die Mauern des Anwesens erzählen von diesen längst vergangenen und eher düsteren Zeiten. Und genau dies macht den Unhyeon-Palast zu einem Ort von größter historischer Bedeutung, den jeder Koreabesucher einmal gesehen haben sollte.

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