Die Rückkehr des koreanischen Musicals: Madangnori  open the window of AOD

2014-12-30

Das Publikum bricht schon bei der kleinsten Geste der Schauspieler in Lachen aus. Dies ist eine Szene aus „Simcheong kommt”, die Madangnori-Version der „Geschichte Simcheongs“, eines der bekanntesten koreanischen Volksmärchen. Ganz ähnlich wie westliche Musicals ist Madangnori ein Genre der darstellenden Kunst, das durch eine Kombination aus durchgehender Musik, Gruppentänzen, pfeilschnellen spritzigen Dialogen, Satire und Humor sowie dem Jubel und Lachen des Publikums gekennzeichnet ist. Diese Elemente harmonieren perfekt miteinander und zeigen somit nachdrücklich, was die Koreaner in den vergangenen vier Jahren verpasst haben. Denn Madangnori ist nach einer langen, vierjährigen Pause wieder zurück.

Erschaffen wurde das koreanische Musical Madangnori von der Theaterfirma Michoo. Seit dem ersten Auftritt im Jahr 1981 hat die Michoo-Produktion in dreißig Jahren 2,5 Millionen Zuschauer angelockt und wurde damit zu einer unverkennbaren Kunstform Koreas. Im Jahr 2010 kam die Madangnori-Produktion nach drei Jahrzehnten Spaß und Freude jedoch zum Erliegen. Der Regisseur Sohn Jin-chaik erklärt, warum.

Traditionell war Madangnori Unterhaltung von einfachen Leuten für einfache Leute. Wir tauften es 1981 Madangnori, und seitdem führten wir es auf. Damals dachten wir, dass bei einem Aufführungszeitraum von dreißig Jahren die erste Generation der Madangnori-Produzenten viel zu lange am Ruder sein würde, und es wäre dann schwierig für eine neue Generation von Schauspielern und Mitarbeitern gewesen, einzusteigen. Wir wollten daher am Höhepunkt unserer Popularität unter großem Applaus abtreten, um einer neuen Generation den Schwung mitzugeben. So vergingen die ersten dreißig Jahre, und wir hatten gehofft, dass eine neue Generation die Tradition fortsetzen würde.

Die ursprünglichen Madangnori-Produzenten wollten, dass jüngere Schauspieler und Regisseure übernehmen sollten, doch es fand sich niemand. Aus diesem Grund gab es vier Jahre lang gar keine Madangnori-Aufführung. Doch dann bot das Koreanische Nationaltheater an, Madangnori für weitere dreißig Jahre aufzuführen, und zum ersten Mal in der Musicalgeschichte Koreas findet eine Madangnori-Aufführung nicht draußen, sondern innerhalb eines Theaters statt. Hier ist erneut der Regisseur Sohn Jin-chaik.



Bei der neuen Version hat sich nur die Bühne geändert. Es wird immer noch mit den Zuschauern auf allen vier Seiten der Bühne und mit deren tatkräftiger Unterstützung aufgeführt. Seit wir es jetzt im Theater aufführen, können wir aber die Technik und die Requisiten benutzen, die sonst nur in normalen Theaterstücken zum Einsatz kommen. Wir haben jetzt auch einen elf Meter langen Vorhang um das ganze Theater herum, um die Barriere zwischen Bühne und Publikum zu entfernen und die Zuschauer, wie in einem traditionellen Madangnori, stärker einzubeziehen.

Auf der Bühne wurden zusätzliche Stuhlreihen errichtet, um die traditionelle Madangnori-Umgebung herzustellen, eine zentrale Bühne, die von allen Seiten eingesehen werden kann. Zusätzlich wurde ein elf Meter langer Vorhang um die 1.500 Sitzplätze herum aufgehängt, um das Ambiente eines riesigen Zeltes herzustellen. In der neuen Version von „Simcheong kommt“ werden an bestimmten Punkten auch Videos abgespielt, um das Gefühl eines Madangnori wie im Kinosaal aufkommen zu lassen. Werfen wir einen Blick auf den großen Spaß namens Madangnori, der das Publikum im Hauptsaal des Nationaltheaters seit dem 10. Dezember erheitert.

Als die Aufführung beginnt, erscheinen die Schauspieler mit einer Band, die Taepyeongso spielt, ein traditionelles koreanisches Blasinstrument. Jede Figur hat ein Eröffnungsstatement, normalerweise etwas Lustiges über die Welt. Sie behaupten, dass sie die verwirrenden und sinnlosen Vorgänge in der Welt beiseite lassen und begrüßen die Zuschauer herzlich. Schon diese kurze Eröffnungssequenz lässt das Publikum in Gelächter ausbrechen.

Die Madangnori-Aufführung ist von der ersten Minute an fröhlich und voller Energie. Gebannt beobachtet das Publikum die nächsten zwei Stunden lang voller Erwartung jede Aktion der Schauspieler. Warum wurde eigentlich „Die Geschichte Simcheongs“ als erstes Schauspiel des neuen Madangnori ausgewählt?

Uns ist in den dreißig Jahren der Madangnori-Aufführung klar geworden, dass Madangnori das Publikum nicht nur zum Lachen bringt, sondern auch zum Weinen. Wir sahen, wie Koreaner das Stück „Die Geschichte Simcheongs“ lieben. Das Mädchen opfert sich, um ihren Vater und alle anderen zu retten. Derzeit ist die Welt so verwirrend, da dachten wir, dass die Leute so jemanden wie Simcheong brauchen, um gerettet zu werden. Dieses Bedürfnis nach einer Erlöserin stand hinter unserer Wahl von Simcheong.

Simcheong bietet sich selbst dem Meeresgott als jungfräuliches Opfer an, um dafür 300 Sack Reis zu erhalten, damit ihr blinder Vater wieder sehen kann. Der Himmel ist von ihrer Tat so gerührt, dass nicht nur die Sehkraft des Vaters wieder hergestellt wird, sondern Simcheong auch am Leben bleibt. Dieses klassische Volksmärchen stellt die Liebe zu den Eltern heraus. Jedoch würde es heutzutage keinen Theaterzuschauer mehr hinter dem Ofen hervor locken, wenn diese Geschichte genauso auf die Bühne gebracht werden würde. In der Aufführung sind moderne Aspekte und Trends eingebaut, um das Publikum zu enthusiastischen Reaktionen zu verleiten. Ein Beispiel ist die Bitte des blinden Vaters nach Muttermilch, um Simcheong als Baby zu füttern.

Wie herzergreifend ist das, wenn ein blinder Vater um Muttermilch für seine kleine Tochter bitten muss? Doch in dieser Madangnori-Version wird der Vater nicht zu bemitleidenswert dargestellt. Hier ist der Schauspieler Song Jae-hyung, der den Vater von Simcheong spielt.

Das Skript hat die Trends und Gewohnheiten unserer Zeit berücksichtigt. Jeder weiß, wie beliebt Mobilgeräte und Kurznachrichten heutzutage sind, und so gibt es eine Stelle, wo Mütter einen Chatraum aufmachen, um andere auf die Notlage der kleinen Simcheong aufmerksam zu machen.

Simcheong wächst also mit der Hilfe und der Muttermilch spendabler Mütter auf, die sich über ein soziales Netzwerk zusammengefunden haben. Als sie fünfzehn wird, verspricht ihr Vater einem buddhistischen Mönch, 300 Reissäcke zu spenden, damit Buddha ihm das Augenlicht zurückgibt. Als liebevolle Tochter opfert Simcheong sich selbst, um das Reis zu erhalten, sodass ihr Vater sein Versprechen einhalten kann, und stürzt sich ins Meer.

Die Szene, wo Simcheong sich ins Meer stürzt beziehungsweise zum Unterwasserpalast des Meeresgottes gebracht wird sowie diejenige, wo sie auf einer Lotosblüte in diese Welt zurückkehrt, zeigen die Vorteile einer Theaterbühne. Auf den Vorhängen um das Theater herum werden Videos von Unterwasserszenen und der Lotosblüte projiziert, um eine realistische Atmosphäre herzustellen. Dies macht den Unterschied dieser Madangnori-Produktionen zu früheren Versionen aus. Der künstlerische Direktor, Kim Seong-nyeo, erzählt uns mehr darüber.

Das Video wird im ganzen Theater gezeigt. Wenn eine Szene unter Wasser spielt, schwimmen Fische zwischen den Zuschauern herum, und wenn sie innerhalb einer Lotosblüte spielt, dann befindet sich das ganze Theater in der Blüte. Die Visualisierungen spielen eine große Rolle bei der Geschichte und sind wichtig dafür, die Zuschauer einzubeziehen. Durch diese Technik unterscheidet sich unsere Madangnori-Aufführung von den herkömmlichen.

Doch ganz egal, wie spektakulär die Bühnentechnik auch ist oder wie gut die Schauspieler auch spielen, der Schlüssel zu einer erfolgreichen Madangnori-Aufführung liegt in der aktiven Interaktion mit den Zuschauern. Der Regisseur Sohn Jin-chaik betont, dass das Publikum der wichtigste Darsteller im Madangnori ist.



Normale Bühnenstücke fangen an, sobald der Vorhang hochgeht, selbst wenn nur ein paar Zuschauer da sein sollten. Doch das ist beim Madangnori unmöglich, weil die Kommunikation mit den Zuschauern dasjenige ist, was die traditionelle koreanische Musik ausmacht. Wir betrachten das Publikum daher nicht nur als reine Zuschauer unserer Show, sondern als eine große Ansammlung zusätzlicher Darsteller. Die Leute können nachempfinden, was die Schauspieler auf der Bühne auszudrücken versuchen, wenn man sie in die Handlung mit einbringt. Die Gefühle und Reaktionen des Publikums können so mitreißend sein, das Publikum ist daher das wichtigste Element in einer Madangnori-Aufführung. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass eigentlich das Publikum ein Madangnori-Stück aufführt. So wichtig sind die Leute für unsere Show.

Ppaengdeok, die Angebetete des Vaters, greift sich plötzlich einen männlichen Zuschauer aus dem Publikum und flüchtet mit ihm vor dem misstrauischen Vater. Wenn das Publikum den aufgeregten und leicht verlegenen Mann sieht, wie er versucht, mit der Schauspielerin Schritt zu halten, ist es vor Lachen nicht mehr zu halten. Es sind solche Publikumsreaktionen, die das Madangnori zu einem so beliebten Spektakel machen.

Nach ihrer Rückkehr in der Lotosblume wird Simcheong Königin und trifft ihren Vater wieder, der trotz Simcheongs Selbstopferung und dem gespendeten Reis immer noch blind ist. Doch als sich die beiden umarmen, öffnet der alte Mann seine Augen und kann wieder sehen. Er sieht seine Tochter zum ersten Mal und erkennt sie nicht am Gesicht, sondern an ihrer Stimme. Vater und Tochter brechen in Tränen des Glücks aus. Und wer lässt sich bei dieser herzerweichenden Wiedersehensszene blicken? Ppaengdeok, die Frau, die den Vater abserviert hat. Er ist natürlich sehr wütend auf sie, doch Simcheoin überzeugt ihn davon, ihr zu verzeihen.

Die Schlussszene ist ein lehrreicher Moment für uns alle. Sie besagt, dass Jeder Mensch ein Individuum ist und nicht in eine Kategorie gesteckt und dafür gehasst werden sollte. Die Moral von der Geschichte ist, dass man in Harmonie leben und sich gegenseitig lieben sollte. Diese Stelle gibt es eigentlich nicht in der Originalgeschichte von Simcheong, doch das Publikum heutzutage kann mit dieser Botschaft des Musicals gut etwas anfangen. Wer diese Madangnori-Aufführung bereits gesehen hat, freut sich darüber, dass dieser Spaß für die ganze Familie wieder zurück ist.

Frau 1: Es ist sehr gut an die heutige Zeit angepasst. Die Show ist sehr flott und modern geworden, die jüngeren Leute werden sie bestimmt auch mögen. In dem Musical gibt es viele neue Ansätze, man sieht, dass die Show versucht, die jungen Leute von heute zu erreichen.
Mann 1: Ich hatte wirklich viel Spaß bei dem Stück. Es ist interessant, wie die Tänzer und Schauspieler zusammen spielen. Die Geschichte ist gut erzählt und es gibt viele Dinge zu sehen.
Frau 2: Es war wirklich aufregend und toll! Die Musik war eingängig und ich wünschte mir, ich hätte eine Tochter wie Simcheong.


Am Ende des Madangnori „Simcheong kommt“ verbeugen sich um die 80 Mitglieder des Stücks, um den Zuschauern einen frohes neues Jahr zu wünschen. Dank dieser guten Wünsche und der frohen Botschaft aus der Aufführung können die Zuschauer des Madangnori-Musicals dem Jahr 2015 hoffnungsvoll entgegen sehen.

  • Top
  • Print
  • Twitter
  • Facebook
prev  prev  1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 next