• Sondersendungen
  • 2013
    Sondersendung zum 50. Jahrestag der Entsendung koreanischer Bergarbeiter und Krankenschwestern nach Deutschland
    „Glückauf“
  • Teil 1. Traum und Hoffnung im blinden Stollen

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  • Am 3. Mai 2013 fand in einer Halle des Zollvereins in Essen eine Gedenkzeremonie statt.

    Ehemalige Bergarbeiter und Krankenschwestern aus Korea, die aus allen Teilen Deutschlands angereist waren, erkannten einander wieder und brachen beim Wiedersehen nach langen Jahren in Jubel aus. Am 22. Dezember des Jahres 1963 hatte die erste Gruppe von 123 koreanischen Gastarbeitern am Flughafen Düsseldorf ihren Fuß auf deutschen Boden gesetzt. Mit ihrer Ankunft begann die Geschichte der Entsendung koreanischer Bergarbeiter und Krankenschwestern nach Deutschland. Heute, nach 50 Jahren, fand eine große Veranstaltung statt, um anlässlich eines halben Jahrhunderts nach der Ankunft der ersten koreanischen Gastarbeiter in Deutschland zu gratulieren und dieses Ereignis zu würdigen. Zum Auftakt gab es einen Treuerschwur auf die Nationalflagge. Die Nationalhymne lässt ehemalige koreanische Gastarbeiter stets die Tränen kommen. Vielleicht, weil sie dabei an die harte Zeit in Deutschland erinnert werden, oder daran, wie entwurzelt sie sich in der Fremde gefühlt hatten. Es fällt nicht schwer, nachzuvollziehen, dass die Bergleute, die täglich unter Tage umhüllt von schwarzem Staub ihr Leben riskierten, von starken Gefühlen übermannt werden. Viele Kameraden kamen ums Leben. Bei jeder Zusammenkunft legen sie deshalb zuerst für die in den Gruben verstorbenen Landsleute eine Schweigeminute ein.

    Wenn ein großer Stein herunterkam, wurde sofort befohlen, die Arbeit zu unterbrechen und den Stein zu zerlegen. Wir haben diese Anweisung häufig nicht mitbekommen und die Arbeit fortgesetzt. Der Stein ist dann über uns hinweggerollt.

    Die Bergarbeiter, die in einem fremden Land in Steinkohleminen schwere Arbeit geleistet hatten, bilden ein eigenes Kapitel der modernen koreanischen Geschichte. Sie waren die Triebfeder der wirtschaftlichen Entwicklung und sie legten den Grundstein für den Aufstieg Südkoreas zur Industrienation. Auf die 50 Jahre koreanischer Bergleute in Deutschland und ihre Verdienste wird kräftig angestoßen. Mit dem Bergmannsgruß „Glückauf“ ist der Wunsch nach einer gesunden Rückkehr nach Schichtende verbunden. Denn wegen der gefährlichen Arbeit kam es nicht selten zu tödlichen Unfällen. Mit diesem in seinem ursprünglichen Sinn eigentlich bedrückenden Gruß im Herzen hatten die koreanischen Bergarbeiter 50 Jahre lang gelebt.

    Im Bergwerk waren gewöhnlich um die 3.500 Arbeiter im Einsatz. Wenn man sie traf, grüßte man nicht mit „Guten Tag“ sondern sagte „Glückauf“. Damit wünschte man dem Kameraden, dass er gesund wieder aus dem Stollen nach draußen gelangen solle.

    Die Arbeit der Bergarbeiter war mit so großen Gefahren verbunden, dass der Wunsch, heil aus dem Schacht aufzusteigen, zur Grußformel wurde. Weshalb hatten sich die damals jungen Koreaner in den 60er Jahren diesen Strapazen ausgesetzt, und das auch noch so weit entfernt in Deutschland?

    Wie schlecht ist es uns allen in den 60er Jahren ergangen. Wir gingen in die Berge, um Beeren zu pflücken und uns davon zu ernähren. Wir liefen barfuß, weil wir keine Schuhe hatten und verletzten uns dabei. Wir aßen Früchte von Pappelfeigen, Tannenrinden und Wildblumen und hielten uns damit am Leben.

    War es unserer Generation überhaupt gegönnt die Jugend zu genießen? Auch mit einem Studienabschluss fanden wir damals keine Stelle und waren arbeitslos. Wir hatten nicht die Freiheit, Gedankenspielen nachzugehen wie die jungen Leute von heute.

    Das Jahr 1963 war trostlos und es gab keine Hoffnung. Ohne Geld und ohne Beziehungen hatte man keine Chance.


    In den 1960er Jahren lag das ganze Land infolge des Koreakrieges in Schutt und Asche. Mit knapper Not aus den Trümmern aufgestiegen, mangelte es an Bodenschätzen und es fehlte die Technik, um die Industrie anzukurbeln. Arbeitsplätze waren knapp und auf den Straßen wimmelte es von Arbeitslosen. Die Situation drängte einen dazu, jeden Strohhalm zu ergreifen, selbst wenn dies die Arbeit in einem Bergwerk 1.000 Meter unter der Erde bedeutete. Hauptsache man konne Geld verdienen, die Familie ernähren und sich ein kleines Haus leisten. Die Koreaner zögerten nicht und gingen dorthin wo es Arbeit gab. Herr Kim Sung-hwan, der Mitte der 60er Jahre als Bergmann in Deutschland gearbeitet hatte und danach in die USA ausgewandert war, kam nach langer Zeit zu Besuch nach Deutschland, um an der Gedenkveranstaltung zum 50. Jubiläum teilzunehmen. Er denkt nur ungern an die anstrengende Zeit in den Minen zurück, aber er war neugierig wie sich der Ort verändert hatte, und er wollte alles noch einmal sehen.

    Wir haben dort im zweiten Stockwerk gearbeitet. Ich war für den hinteren Teil dort verantwortlich. Ja, hier haben wir gearbeitet. Drei Vier Drei Vier ......

    Es war mühsam und anstrengend, aber man hatte hier seine jungen Jahre verbracht. Am Schauplatz werden die vergessen geglaubten Erinnerungen wieder lebendig. Die Anlage, in der Kim früher arbeitete, ist heute das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum. Jeder Platz und jedes Erlebnis, das auf seiner Reise in die Vergangeheit wachgerufen wird, rüttelt an ihm. Schließt man das Stahltor, geht es 1.000 Meter und 2.000 Meter abwärts. Der Aufzug mit dem man in den blinden Stollen fuhr, war früher ganz anders als heute. Stahltür und Drahtnetz flößten schon beim Eintritt Angst ein. Die ehemaligen Bergleute fuhren den Schacht hinunter und wurden in die Zeit vor 50 Jahren zurückversetzt. Mit jedem Meter, den es tiefer ging, kamen neue Erinnerungen hoch. Im Bergbau-Museum werden Utensilien und Ausrüstungen, die sie früher verwendet hatten ausgestellt. Schnell hatten sie den Eindruck, als hätten sie diese Werkzeuge erst gestern in der Hand gehalten.

    Der Förderkorb dort scheint mir sehr groß. Wir mussten solche Körbe, die 70 oder 80 Kilogramm wogen, auf dem Rücken tragen. Die deutschen Kollegen waren kräftig und hatten damit keine Probleme. Aber wir Koreaner waren klein und schmächtig und blieben hartnäckig.

    Für die kleinen und schmächtigen Koreaner bedeutete der Umgang mit den für die großen und gut gebauten Deutschen geschaffenen großen Werkzeuge eine enorme Anstrengung und zehrte an ihren Kräften. Nur mit eisernem Willen konnten sie durchhalten. Ich hievte die Last auf meine Schultern und kam keinen Schritt vorwärts. Ich stand da wie festgenagelt und mir kamen die Tränen. Ich weinte, konnte aber die Last weder wieder loswerden, noch kam ich vorwärts. Es war unglaublich schwer. Die Tränen vermischten sich mit Schweiß, der Boden war ganz verstaubt und meine Augen liefen rot an.

    Jeden Tag musste ein bestimmtes Arbeitspensum bewältigt werden. Fünf Bergleute bildeten ein Team. Den Deutschen gefiel es nicht, mit den kleinen Koreanern, die nicht einmal die Sprache richtig beherrschten, zu arbeiten.

    Um das Arbeitspensum bewältigen zu können müssen alle im Team gut harmonieren. Natürlich will man dann niemanden im Team haben, der sich nicht gut einfügen kann, weil es für einen selbst nachteilig ist. Die Arbeit unter Tage war außerdem mit vielen Gefahren verbunden. Nachdem die Arbeit getan ist, wird die Abstützvorrichtung abgebaut. Dabei wird als letzter Schritt der Öldruck aus den Werkzeugen abgelassen. Dabei kann es vorkommen, dass das Fundament einstürzt. Bei dem Versuch, die Situation zu retten kann man unter den Trümmern begraben werden. Dann fallen Steine auf einen herab, die 50 Kilogramm schwer sind.

    Auch ein Unfall, der sich gestern noch in einem anderen Teil des Schachtes ereignete, konnte am nächsten Tag schon einem selbst widerfahren. Jeder der Arbeiter musste jederzeit mit einem Unfall rechnen.

    Täglich passierten Dutzende von Unfällen. Man konnte sich eine schwere Verletzung zuziehen oder gar sterben. Deshalb begrüßte man sich mit „Glückauf“, was bedeutet, dass man das Glück haben soll, unverletzt wieder nach oben zu kommen.

    Ab tausend Meter unter der Erde mussten die Bergleute bei sehr hohen Temperaturen arbeiten. An einigen Stellen war es über 40 Grad heiß. Der Arbeitsanzug war schweißgetränkt, so als hätte man ihn in Wasser getaucht. In den engen und niedrigen Stollen musste man sich kriechend vorwärts bewegen. Der Körper war über und über bedeckt mit Grubenstaub, so dass nur noch die Augen in den schwarzen Gesichtern frei von Staub waren.

    Vorne und hinten war alles schwarz. Nur die Augen waren klar zu erkennen. Man konnte nicht einmal sehen, was einen Meter vor einem lag. In niedrigen Stollen krochen wir auf allen Vieren. Hohe Stollen waren 2 Meter oder 1,50 Meter hoch. Der Grubenstaub und Steine versperrten uns die Sicht.

    Die schlechten Erinnerungen sind im Laufe der Zeit weitgehend verblasst, und es sind nur noch die guten geblieben. Doch die schwere körperliche Anstrengung damals hinterließ Spuren.

    Nachdem der Sprengstoff gezündet wurde, brachen kleine spitze Steine, die nicht weggesprengt wurden aus der Decke und trafen unseren Körper. Wir hatten die Hemden wegen der Hitze ausgezogen und die Steine fielen auf den nackten Körper und verursachten Wunden. Der Kohlestaub drang in die Wunden ein und verursachte eine Art Tätowierung. Genauso wie Tatoos lassen sich diese schwarzen Staubspuren nicht ohne Weiteres entfernen und bleiben für immer.

    Diese sogenannte Bergmannstätowierung wie die schwarzen Kohlestaubflecken genannt wurden, zeugen noch Jahre später von der harten Arbeit damals. Als die Koreaner ihre Heimat verließen, um nach Deutschland aufzubrechen, ahnten sie nicht, wie gefährlich die Arbeit dort für sie sein würde.

    Ich war zufällig auf die Annonce gestoßen, dass Bergarbeiter gesucht würden. Zu dieser Zeit gab es eine Einrichtung, die sich „Auslandsentwicklungszentrale“ nannte. Deren Aufgabe war es, Arbeitskräfte ins Ausland zu entsenden. Ich wohnte ganz in der Nähe am Cheonggye-Fluss und schlenderte eines Morgens dorthin. Vor dem Gebäude hatte sich bereits eine lange Warteschlange gebildet. Vor mir standen schon hunderte von Menschen. Ich stellte mich an das Ende der Schlange.

    Herr Yoo Sang-geun war der älteste Sohn von sieben Kindern. Sein Vater starb als er Oberschüler war, und er konnte nur mit knapper Not die Schule abschließen. Nach drei Jahren Wehrdienst wusste er nicht weiter. Als er die Annonce sah, war es für ihn wie ein rettender Strohhalm. Wieder andere wollten die Gelegenheit, in deutschen Bergwerken arbeiten zu können, nutzen, um später in Deutschland zu studieren. So zum Beispiel Rechtswissenschaftler Seok Jong-hyeon.

    Als Student im ersten Jahr kam in mir der Wunsch auf, im Ausland zu studieren. Ich sprach darüber mit meinem Professor. Dann ergab sich die Gelegenheit, nach Deutschland zu gehen, und ich entschied mich, die Reise zu wagen. Der Beweggrund waren bei mir keine finanziellen Probleme. Ich wollte einfach die Chance, ins Ausland zu gehen, nicht verpassen.

    Bei Choi Jeong-gyoo war die Armut der Anlass. Choi lebte in einem armen Dorf in Buan, wo es keine Arbeit gab. Im Frühling wollte er eine Stelle als Bauernknecht zu finden. Eines Tages wurde aber sein Nachbar von einer Person aufgesucht, die Bergarbeiter anwarb und er entschied sich nach Deutschland zu gehen.

    Mein älterer Bruder diente als Knecht auf einem Bauernhof, und er überredete mich, in Deutschland als Knecht zu arbeiten. Ein Bekannter in der Nachbarschaft hatte Besuch von der Person die nach Bergarbeitern suchte. Der Bekannte war aber in seiner Familie in dritter Generation der einzige Sohn. Seine Eltern konnten den einzigen Sohn nicht fortgehen lassen. Er war ihnen wichtiger als das Geld. Die Schwester ging mit mir zur selben Kirche und sie fragte mich, wie es denn wäre, wenn ich nach Deutschland gehen würde, weil ich doch auch den Wehrdienst schon hinter mir hätte.

    In Korea gab es keine Arbeit. In Deutschland lockte für die Arbeit in den Kohleminen ein Monatsgehalt, das dem Zehnfachen des Lohns eines Beamten in Korea entsprach. Auf die Zeitungsannonce meldeten sich zahlreiche junge Menschen.

    Die Kandidaten mussten gesund sein, eine gewisse Körpergröße haben und über 60 Kilogramm wiegen. Um zu testen, wie stark man ist, musste man dazu imstande sein, eine Hantel mit einer Hand hochzuheben ohne den Arm zu krümmen. Schaffte man es, einen 60 Kilogramm schweren Sandsack ohne fremde Hilfe auf die Schultern zu heben, hatte man den Test bestanden, und man konnte sich ein Visum ausstellen lassen. In Deutschland wurden dann eine medizinische Untersuchung durchgeführt und Röntgenaufnahmen gemacht.

    Es gab mehr Bewerber als angebotene Stellen. Deswegen wurde auch manchmal geschummelt. Es spricht Baek Yeong-hoon vom koreanischen Institut für Industrieentwicklung, einer der damals Zuständigen für die Entsendung von Bergarbeitern nach Deutschland.

    Es wurden nur Personen ohne akademischen Abschluss genommen. Wir konnten keine Leute mit Hochschulabschluss als Bergarbeiter entsenden. Unter den Bewerbern waren aber zahlreiche Akademiker. Die Angaben zur Bildungslaufbahn waren gefälscht. Auch wurde auf Beziehungen zurückgegriffen. Sogar Abgeordnete hatten sich gemeldet, um für jemanden ein gutes Wort einzulegen.

    Wie schlimm war zu diesem Zeitpunkt im Jahr 1963 die Wirtschaftslage in Korea überhaupt? Hören wir Professor Lee Yeong-jo von der Kyunghee Universität.

    Man kann es sich heute kaum vorstellen, aber Korea war Anfang der 60er eines der ärmsten Länder der Welt. Zum Zeitpunkt des Militärputsches am 16. Mai 1961 betrug das Bruttonationaleinkommen Südkoreas 65 US-Dollar. Die Arbeitslosenquote betrug zwischen 20 und 25 Prozent. Die Arbeitslosenquote war sehr hoch und die Regierung legte viel Gewicht darauf, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen.

    Wie wurde der Plan, Arbeitskräfte nach Deutschland zu entsenden, geboren? Professor Lee erklärt weiter.

    Im Jahr 1961, noch bevor sich der Militärputsch vom 16. Mai ereignete, stand der Plan so gut wie fest, wurde aber zunächst nicht umgesetzt. Dann kam der Militärputsch und der Plan wurde erst einmal auf Eis gelegt. 1963 nahm der deutsche Verband der Bergwerke Kontakt mit der südkoreanischen Regierung auf und fragte an, wie viele Bergarbeiter Südkorea zur Verfügung stellen könne. Genau genommen wurden sie Industriepraktikanten genannt. Die Verhandlungen kamen danach sehr zügig voran. Es wurden Arbeitskräfte angeworben und geschult, und im Dezember 1963 machte sich die erste Gruppe auf den Weg nach Deutschland.

    Deutschland hatte das Wunder vom Rhein vollbracht, die Wirtschaft wuchs mit rasanter Geschwindigkeit und das Land brauchte viele Arbeiter. Arbeiter wurden deshalb aus Japan, der Türkei und Indonesien geholt. Aus Japan wurden allerdings keine weiteren Arbeitskräfte geschickt, weil das Land selbst in eine Wachstumsphase eingetreten war. Das Vakuum wurde mit Arbeitern aus Italien und Spanien ausgefüllt, die die Strapazen jedoch nicht lange auf sich nehmen wollten und bald zurückkehrten. Vor diesem Hintergrund setzte sich der deutsche Bergwerksverband mit der südkoreanischen Regierung in Verbindung, und beide Seiten einigten sich auf ein Anwerbeabkommen. Nach langem Warten war es soweit. Mit einem Dreijahresvertrag in der Tasche stiegen die ersten Koreaner in das Flugzeug nach Deutschland. Am 20. Dezember 1963 begaben sich die ersten 300 Bergleute nach Deutschland. Die Eltern waren aus den Provinzen angefahren gekommen, um die Söhne am Flughafen zu verabschieden. Sie winkten mit der Nationalflagge und weinten viel. Am Straßenrand standen viele Menschen und wünschten ihnen eine gute Reise.

    Ich habe den Augenblick noch genau in Erinnerung. Auf dem Weg zum Flugzeug kniete ich mich auf den Boden und machte eine Verbeugung. Ich verließ das Vaterland und verbeugte mich deshalb vor allen Landsleuten und vor dem Boden der Heimat. Auch nahm ich etwas Erde mit.

    Der Abschied fiel schwer. Zu dieser Zeit gab es für die Koreaner kaum eine Gelegenheit, ins Ausland zu reisen. Die Gruppe begab sich in eine Welt, die allen fremd war, und die Familienangehörigen vergossen bei dem Gedanken, dass sie die Söhne, Ehemänner und Brüder vielleicht eine lange Zeit lang nicht wiedersehen könnten, bittere Tränen. 1963 gab es keine direkte Flugroute nach Deutschland, und die Sondermaschine mit den Bergarbeitern nahm den Umweg über Anchorage in Alaska.

    Heute dauert der Flug nur 11 oder 12 Stunden. Damals wurden wir im Flugzeug 24 Stunden lang strapaziert. Der lange Flug zehrte an meinen Kräften, ich wusste nicht, wie es mir erging, und als wir, die Sinne ganz benebelt endlich ankamen, war es tief in der Nacht. Draußen gab es kein Licht. Es muss der Flughafen in Düsseldorf gewesen sein, wo wir landeten.

    Genau einen Tag und eine Nacht hatten die Koreaner im Flugzeug verbracht, ohne etwas zu Essen. Nach ihrer Ankunft bekam Jeder ein Laib deutsches Brot. Hören wir Baek Jin-geon.

    Wir hatten gehungert und bekamen zum Frühstück Brot. Wir bekamen das harte Schwarzbrot nicht hinunter und am nächsten Tag bemerkte ich, dass auch die anderen das Brot wegwarfen. Es war für uns unvorstellbar, ein so großes Brot zu essen. In Korea kannten wir nur weiches süßes Brot mit Füllung. An ein solches großes Brot wie das deutsche war selbst ich nicht gewöhnt, obwohl ich in Seoul gelebt hatte. Es gab auch einige, die dachten, dass es sich um ein Kissen handelte.

    Im ersten Monat im Bergwerk wurden die Koreaner in die grundlegenden Techniken und das Grundvokabular der Minenarbeit eingeführt. Nach der einmonatigen Eingewöhnungszeit begann dann die richtige Arbeit in den Stollen. Kim Jae-seung erzählt wie bedrückt er anfangs war.

    Nach einem Monat fuhren wir zum ersten Mal den Schacht hinunter. Ich kann es nicht in Worte fassen. Vor uns lag nur Dunkelheit. Ich zweifelte, ob ich es hier drei Jahre lang aushalten könnte.

    Hohe Lagerstätten machten ihnen genauso zu schaffen wie niedrige Flöze. Die Arbeit erforderte, dass man auf allen Vieren zwischen den niedrigen Flözen herumkroch und dabei mit schwerem Werkzeug aus Stahl hantierte. Die körperlich schwachen Koreaner waren der anstrengenden Aufgabe nicht gewachsen. Es spricht der frühere Bergarbeiter Cho Rip.

    Die Gruben in Deutschland gehen in die Tiefe, sodass man sich mit einem Aufzug bis zur tiefsten Stelle bis zu 1.000 Meter unter der Erde herab begeben muss. Unser Arbeitsplatz waren blinde Stolle mit engen Flözen. Wir mussten uns kriechend fortbewegen. Das gesamte Material war aus Stahl. Den Koreanern fiel es schwer sich zu bewegen. Unfälle waren nicht selten. Auch Professor Seok Jong-hyeon wären seine Arme fast in ein Förderband geraten. Zum Glück blieben seine Arme unversehrt. Bei einem Unfall wurden aber sein Zeigefinger und Mittelfinger abgerissen.

    Auf den Förderbändern werden der Transport der abgebauten Kohle und anderweitige Ladungen abgewickelt. Beim Abladen von Holz habe ich die Arme in die falsche Richtung ausgestreckt und meine Arme wurden auf diese Weise eingequetscht und das Band blieb stehen. Um ein Haar wären mir meine Arme weggerissen worden. Den Finger hier habe ich verloren, nachdem die Finger zwischen zwei Stahlstangen geraten waren.

    Viele koreanische Bergleute wurden verletzt und einige starben in den deutschen Kohleminen, die für sie eine große Hoffnung gewesen waren. Es passierte zwar nicht in unserem Schacht, aber in einer anderen Anlage stürzte ein Landsmann beim Abstieg und starb. Dieser Mann war in Gok-sung in Korea Sekretär einer Dorfbehörde gewesen.

    19 koreanische Bergleute kamen in den Minen ums Leben. Es ist uns hier viel Unglaubliches widerfahren.


    Der Preis für die Arbeit, bei der das Leben auf dem Spiel stand, war entsprechend hoch.

    Als ich nach einem Jahr mein erstes Monatsgehalt bekam, war ich sehr überrascht. Davon hätte ich mir sieben Säcke Reis kaufen können. Mein Bruder verdiente in Korea als Knecht auf einem Bauernhof in einem ganzen Jahr nur das Geld für zehn Säcke Reis.

    Das Monatsgehalt für Bergleute in Deutschland entsprach einem halben Jahresgehalt in Korea. Als wir hierherkamen, war es keine Frage, wie anstrengend die Arbeit sein würde, es ging darum, auf alle Fälle die Stelle zu bekommen. Wir erhielten 1.200 Mark im Monat. Dies war in Korea der Lohn für sechs Monate.


    Die koreanischen Bergarbeiter zweigten nur etwa 50 Mark für ihren persönlichen Bedarf ab und überwiesen den Rest nach Korea. Mit diesem Geld wurde die Ausbildung der Geschwister finanziert und die Mutter brauchte nicht mehr so sparsam zu sein. Am 10. Dezember 1964, ein Jahr nachdem die erste Gruppe nach Deutschland entsendet worden war, besuchte der damalige südkoreanische Präsident Park Chung-hee den Hamborner Bergbau im Ruhrgebiet, um die koreanischen Bergarbeiter zu treffen. Cho Rip erinnert sich noch gut an den Besuch des Präsidenten.

    Ja, natürlich habe ich Präsident Park Chung-hee gesehen, als er uns besuchen kam. Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen. Es war Winter. Ich hatte gedolmetscht und die Ehre, den Wintermantel des Präsidenten und seiner Gattin zu nehmen und aufzuhängen.

    Beim Treffen mit den Bergleuten aus der Heimat sang Präsident Park die koreanische Nationalhymne und die Bergleute stimmten ein. Noch bevor die Nationalhymne ausklang, verwandelte sich der Schauplatz in ein Meer von Tränen. Baek Yeong-hon, der zu diesem Zeitpunkt als Dolmetscher des Präsidentenpaares gedient hatte, erinnert sich.

    Als ich mit dem Präsidenten und seiner Gattin am Veranstaltungsort ankam und die Tür zum Saal öffnete, saßen dort um die 500 Leute mit schwarzen Gesichtern. Sie hatten für den Empfang des Präsidenten aber ihre beste Kleidung aus dem Schrank geholt. Bei diesem Anblick kamen dem Präsidenten, nachdem er den Saal betreten hatte, sofort die Tränen. Nachdem er sich an das Rednerpult gestellt hatte, erklang die Nationalhymne. Die Nationalhymne hat etwas Magisches. Alle weinten, und niemand konnte singen.

    Der Präsident wiederholte immer nur die Worte, dass es ihm leid täte, dass er im eigenen Land für die Landsleute hätte sorgen müssen. Er entschuldigte sich bei uns, dass er uns in eine so schwierige Situation gebracht hatte und bat uns, noch etwas länger auszuharren. Dann werde sicher eine bessere Zeit kommen. Es war bewegend. Der Präsident und seine Gattin waren gekommen, weil ihnen die Bergarbeiter und Krankenschwestern leid taten. Uns tat das Präsidentenpaar leid, das die anstrengende Reise unternommen hatte, um uns zu besuchen. Wir empfanden Mitleid füreinander.


    Der Präsident und die First Lady schüttelten allen Anwesenden die Hand und übergaben 500 Packungen mit koreanischen Zigaretten, die sie mitgebracht hatten. Der Hamborner Bergbau hatte für den Präsidenten einen Aschenbecher aus der von den koreanischen Bergarbeitern hergestellten Steinkohle vorbereitet. Präsident Park Chung-hee sorgte später für das koreanische Wirtschaftswunder und hielt damit das Versprechen, das er den Bergarbeitern in Deutschland gegeben hatte.

    Die Jugend findet auch unter miserablen Umständen einen Ausweg. Nur mit Brot und Wurst konnten die koreanischen Bergarbeiter die kräftezehrende Arbeit unter Tage nicht ertragen. Langsam gewöhnten sie sich an die Verhältnisse und fanden ihren eigenen Weg, um das Leben in Deutschland zu meistern.

    Zu unserer Zeit waren die Fertignudeln Ramyun, die uns aus Korea geschickt wurden, drei Monate lang mit dem Schiff unterwegs. Das Pulver für die Nudelsuppe war nach der Reise ganz feucht und hart geworden. Es gab damals in Deutschland auch keinen Chinakohl. Wir haben deshalb mit Weißkohl Kimchi eingelegt.

    Schweinehaxe war in Korea sehr teuer. In Deutschland kostete eine Schweinehaxe nach heutigen Maßstäben nur 10 Cent. Wir hatten kiloweise Schweinehaxe gekauft und weil keine Küche vorhanden war, diese zusammen im Duschraum zubereitet. Immer wieder flog die Sicherung raus und der Vorsteher des Wohnheims ärgerte sich über unsere Extra-Mahlzeiten.


    Der Vater des heute 52-jährigen Kim Do-hyeon wurde mit der sechsten Gruppe von Bergarbeitern am 30. Oktober 1965 nach Deutschland geschickt. Wenn er sich nach dem inzwischen verstorbenen Vater sehnte, las er die Briefe, die der Vater aus Deutschland geschickt hatte.

    Meine liebe Ok-hyang. Ich sehne mich sehr nach dir. Ich weiß, dass du jede Woche auf eine Nachricht von mir wartest. Es tut mir endlos leid, dass ich so lange darauf warten lasse habe und entschuldige mich dafür. Ich bin so glücklich zu erfahren, dass du und unsere vier Kinder gesund seid. Es ist nun bald Juli. Am 30. Juni soll ein Flugzeug starten. Wahrscheinlich werde dieses Mal an der Reihe sein und in die Heimat zurückkehren können.

    Yoo Sang-geun, der in Deutschland einen kleinen Zeitungsverlag betreibt zeigt vorsichtig einen kleinen Kasten. Darin befinden sich Dutzende von Briefen, die ihm seine Mutter und die Geschwister aus Korea geschickt hatten, als er noch ein Bergarbeiter war.

    Es ist eine regnerische Nacht. Wie geht es dir. Wie steht es um deine Gesundheit und wie geht die Arbeit voran? Uns geht es allen gut. Der Reis auf den Feldern wächst gut. Ich habe das Geld, das du uns geschickt hast, von der Bank abgehoben. Mutter sagte, dass wir zuerst die Schulden abbezahlen sollen, bevor wir das Geld sparen. Wir haben deshalb alle Schulden beglichen. Es sind 3.000 Won übrig geblieben. Es ist wie ein Traum, keine Schulden mehr zu haben.

    Briefe waren das einzige Mittel, um mit der Familie in Kontakt zu bleiben. In den 60er Jahren waren Telefone noch selten. Anrufe nach Korea waren für die Bergarbeiter ein Luxus.

    Ein Telefonanruf nach Korea kostete damals einen halben Tageslohn. Anrufe in dörfliche Gegenden waren nicht möglich. Man konnte nur Anrufe nach Seoul und in andere große Städte tätigen. Mein Bruder lebte in Seoul. Einmal rief ich ihn an, wir sprachen nur einige Minuten miteinander und das Gespräch kostete 20 Mark. Der Lohn für einen Tag betrug zu dieser Zeit um die 35 bis 40 Mark. 20 Mark waren die Hälfte des Tageslohns. Wir konnten es uns deshalb nicht leisten, zu Hause anzurufen. Dafür mussten wir uns außerdem einen Tag frei nehmen, was nicht so einfach war.

    Die koreanischen Bergarbeiter, die ledig nach Deutschland gekommen waren, kamen in das heiratsfähige Alter. In Deutschland gab es zu dieser Zeit schon koreanische Krankenschwestern, die über private Organisationen nach Deutschland gekommen waren. Im Jahr 1966 wurden auf Ebene der Regierung, koreanische Krankenschwestern nach Deutschland entsendet. Die Bergarbeiter arrangierten Gruppentreffen mit den Krankenschwestern aus der Heimat. Choi Jeong-gyoo.

    Ich lebte seit etwa anderthalb Jahren in Deutschland, als ein Bekannter aus Gwangju in der Cheolla-Provinz vorschlug, eine Reise zu arrangieren. Er erzählte mir von einer zweitägigen Reise von Hamborn nach Berlin. Wir sollten am Freitag abfahren und am Sonntag zurückkehren. Er wolle einige Krankenschwestern zu der Reise überreden, und ich sollte Kollegen vom Bergbau zusammentrommeln. Damals kam es häufig vor, dass man sich auf solchen Reisen kennenlernte und heiratete.

    Entweder lernte man sich auf Wochenendausflügen kennen, oder wenn es auch auf diese Weise nicht klappte, begaben sich die Bergarbeiter zu den Wohnheimen der Krankenschwestern und klingelten dort, wo ein koreanischer Nachname stand. Dies ist der Grund, weshalb es unter Koreanern in Deutschland soviele Familien gibt, in denen der Ehemann ein Bergarbeiter und die Ehefrau eine Krankenschwester ist.

    In Ossfeld gab es eine Diskothek. Dort habe ich meine Frau beim Tanzen kennengelernt. Wir gingen in der Freizeit oft zum Tanzen. In Deutschland ist es ja etwas ganz gewöhnliches, Tanzen zu gehen.

    Trotz der anstrengenden Arbeit in den Gruben verflog die Zeit im Nu und als die vertraglich vereinbarten drei Jahre vorbei waren, mussten sich die Bergarbeiter Gedanken machen.

    Nach drei Jahren war für mich nichts übrig geblieben. Ich hatte alles nach Korea überwiesen, und ich befand mich dort, wo ich angefangen hatte. In den drei Jahren hatte ich keine Technik erlernt und ich hatte nichts in der Hand. Ich wusste keinen Ausweg. Es war trostlos.

    Auch die Rückkehr nach Korea war keine Lösung. Yoo Sang-geun schauderte es bei dem Gedanken, in die Zeit vor drei Jahren zurückversetzt zu werden, und auf der Suche nach Arbeit auf den Straßen herumirren zu müssen.

    Es gab keinen Ausweg aus der Misere. Nach drei Jahren war mein Visum nicht mehr gültig. Um meine Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern, brauchte ich Arbeit. Das traf auf alle Gastarbeiter zu. Nach Ablauf des Visums war es nicht mehr möglich, eine Stelle zu finden. In der Nähe von Düsseldorf meldete ich mich für eine Schweißerschule an. Ich besuchte die Abendkurse, übte mich einige Stunden im Schweißen. Nach einigen Monaten erhielt ich eine Lizenz als Schweißer.

    Herr Seong Gyoo-hwan konnte sich als Krankenpflegehelfer niederlassen. Seine Erfahrungen als Sanitäter während des Wehrdienstes wurden anerkannt.

    Ich diente als Krankenpflegehelfer. In Korea konnte man sich nicht vorstellen, dass ein Mann diese Arbeit verrichtet. In den 12 Jahren als Krankenpflegehelfer fuhr ich die Leichen von 18 Patienten aus dem Zimmer.

    Viele Koreaner wanderten nach Ablauf des Vertrags in ein drittes Land aus.

    Nach drei Jahren schien es mir besser, in ein anderes Land auszuwandern als nach Korea zurückzukehren. Ich spielte mit dem Gedanken, in einem anderen Land, meine Träume zu verwirklichen. Denn ich war jung und mutig. Ich wagte ein Abenteuer und wanderte mit meiner Familie in die USA aus.

    Die Bergarbeiter leisteten einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Koreas, indem sie fast ihr gesamtes Gehalt in die Heimat überwiesen. Der Großteil kehrte nicht wieder zurück. Entweder blieben sie in Deutschland oder zogen weiter in ein drittes Land und streuten die Saat für koreanische Gemeinden weltweit.

    Die Zeit in Deutschland war für mich sehr bedeutend. Ich kam als Bergarbeiter und kehrte mit einem Doktortitel und als Hochschulprofessor zurück.

    Es ist nicht in Worte zu fassen, wie wir 1.200 Meter unter der Erde, in der Hitze und unter dem hohen Druck, kriechend gearbeitet haben.

    Ich bin überaus dankbar. Ich bin dankbar dafür, dass wir in Deutschland arbeiten und unsere Familien versorgen und die schwere Zeit überstehen konnten. Ich bin dankbar dafür, dass wir dadurch auch zur Entwicklung des Landes beitragen konnten.


    50 Jahre Entsendung koreanischer Gastarbeiter nach Deutschland. Das vergangene halbe Jahrhundert war eine Herausforderung auf der Suche nach einem neuen Traum und neuen Hoffnungen und der Grundstein für den Fortschritt Koreas.