Um 15:35 Uhr Ortszeit am 6. Juli begann im südafrikanischen
Durban die geheime Abstimmung der IOC-Mitglieder über den Austragungsort
der Olympischen Winterspiele 2018. Direkt davor hatten die
Delegierten in der letzten Präsentation der Bewerber unter
anderem den bewegenden Worten von Koreas Eiskunstlauf-Star
Kim Yuna zugehört. Davor wiederum hatten sich auch die Mitbewerber
München und Annecy noch einmal vorgestellt.
Nach nur zwei Minuten war die Wahl bereits vorbei. Dies hieß,
dass es bereits in der ersten Runde einen eindeutigen Sieger
gegeben haben musste, der die Mehrheit der 95 teilnehmenden
IOC-Mitglieder auf seine Seite ziehen konnte. Etwa zwei Stunden
später erklomm IOC-Präsident Jacques Rogge das Podium mit einem
großen weißen Umschlag und schritt zur Verkündung des Ergebnisses.
63 von 95 Stimmen und damit ein Sieg von historischen Ausmaßen
für die südkoreanische Bewerberstadt PyeongChang. Ein emotionaler
Moment für alle Beteiligten.
Kim Yu-na (김연아): “Ich hatte ja ein Meer der Freudentränen
erwartet, da alle so hart gearbeitet haben. Und als ich sie
dann tatsächlich alle weinen sehen habe, wurde ich auch ganz
emotional. Ich danke allen so sehr.”
Park Yong-sung (박용성): “Es war wirklich ein hartes Rennen. Dieses
Ergebnis gehört wirklich den Bürgern von PyeongChang und Gangneung,
die auf die Straßen stürmten, um uns zu unterstützen. Wir haben
aus unseren beiden Niederlagen gelernt und haben unsere Bewerbung
kontinuierlich verbessert, während wir die Versprechen der
Vergangenheit alle peinlich genau einhielten. Ich denke das
hat uns geholfen, das IOC für uns zu gewinnen.“
Kim Jin-sun (김진선): “Ich bin sehr glücklich. Wir haben solange
gewartet, und der Weg war steinig. Ich kann gerade vor lauter
Gefühlen gar nicht richtig sprechen. Als wir hörten, dass eine
der Bewerberstädte schon im ersten Wahlgang gewonnen hatte,
wurden wir uns sicher, dass PyeongChang gewonnen hat. Und so
kam es dann auch. Ich fühle mich richtig gut.“
Verständlicherweise ist die gesamte Region noch immer im Freudentaumel.
Heute vor genau 12 Jahren hatte PyeongChang erstmals seine
Kandidatur bekanntgegeben. Immer wieder wurde man zurückgeworfen,
doch ließ sich davon nicht beirren. Nun ist der Traum von PyeongChang
wahr geworden.
Der
Kreis PyeongChang ist nur 1.463 Quadratkilometer groß und seine
Bevölkerung liegt bei nur 40.000 Menschen. Doch die Schneehöhen
von bis zu 2,70m, die hohe Qualität des Schnees und die wunderschöne
Landschaft haben die Region zum Zentrum des Wintersports in
Korea werden lassen. Beflügelt durch die erfolgreiche Ausrichtung
der Asien-Winterspiele 1999 wagte PyeongChang es auch auf die
ganz große Bühne und erklärte im gleichen Jahr die erste Kandidatur
um die Olympischen Winterspiele.
Doch sowohl die Bewerbungen um die Spiele 2010 als auch um
die Spiele 2014 scheiterten denkbar knapp. In beiden Rennen
führte PyeongChang, wurde jedoch im letzten Wahlgang mit wenigen
Stimmen besiegt. Jetzt, am 6. Juli 2011 aber gab es endlich
gute Nachrichten für PyeongChang.
Cho Yang-ho (조양호): „Wir haben uns nie beirren lassen,
sondern haben immer weiter gearbeitet, um besser zu werden.
Ich glaube jetzt ist es Zeit, die Ernte dafür einzufahren.“
Wie der Chef des Bewerbungskommitees Cho Yang-ho es gerade
ausdrückte, war nun die Zeit gekommen, die Früchte der Bemühungen
zu ernten. Eine große Rolle dabei spielte der überzeugende
neue Slogan “New Horizons”, also “Neue Horizonte”.
Das neue Motto war ein gewaltiger Strategiewechsel, weg vom
bisherigen Thema Frieden auf der Koreanischen Halbinsel, hin
zur Ausbreitung des Wintersports in Asien und darüber hinaus.
Wie kam es zur Idee für den neuen Slogan? Hören wir hierzu
den Generalsekretär der Bewerbung, Herrn Ha Do-bong:
Ha Do-bong (하도봉): “Es ist einfach Zeit für Asien wieder
Olympische Winterspiele auszutragen. Das ist auch das, was
das IOC sich wünscht. Bisher haben die Winterspiele vor allem
in Europa und Nordamerika stattgefunden. Die Expansion nach
Asien könnte Wintersport weltweit bekannter machen und eine
Inspiration für die junge Generation auf dem Kontinent werden.
Dies ist unsere Vision, sie half uns stark und wettbewerbsfähig
zu werden.“
Die einzige asiatische Nation, die bisher in der über 80-jährigen
Geschichte der Winterspiele das Austragungsrecht erhielt war
Japan. Der Kontinent Asien mit mehr als einer Milliarde Menschen
und einem Sechstel der Weltbevölkerung war so bislang mehr
oder weniger vom Wintersport isoliert. Allein schon der Sieg
PyeongChangs hat somit einen neuen Horizont geöffnet, nämlich
den für Asien. Jetzt heißt es auch neue Horizonte in Afrika,
Mittel- und Lateinamerika zu erschließen.
PyeongChang setzte ganz auf das Thema Zukunft. PyeongChangs
Vision war deutlich und auf den Punkt gebracht, unterstützt
von neuesten Wettkampfstätten. Lee Byung-nam, Chef der Vorbereitungsevaluation
im Bewerbungskommitee erzählt uns mehr.
Lee Byung-nam (이병남): “Der Hauptfokus unserer dritten
Bewerbung war die Erfüllung der Versprechen, die wir dem IOC
in unseren ersten beiden Bewerbungen gegeben hatten. Von den
13 Wettkampfstätten, die wir dem IOC in unserem Konzept dies
mal versprochen haben, sind sieben bereits fertiggestellt.
Diese neuen Wettkampfstätten sind auf dem allerneuesten Stand
der Technik und denen in anderen Städten damit deutlich überlegen.
Hier werden Athleten ihre absoluten Höchstleistungen abrufen
können.“
Während der IOC-Evaluation vor vier Jahren konnte PyeongChang
nur Video-Animationen von den Wettkampfstätten zeigen. Dies
mal aber überzeugte die Stadt aber in der Präsentation mit
echten Bildern von bereits fertiggestellten Stätten, z.B. dem
Skisprungstadion und der Langlaufloipe.
Sohn Chang-hwan (손창환): “Dies ist das Alpensia-Skisprungstadion,
wo die Eröffnungs- und Schlusszeremonie und alle Skisprungwettbewerbe
stattfinden werden. Die Bauarbeiten waren bereits 2009 abgeschlossen.
Es hat zwei Schanzen für K98 und K125, d.h. alles entspricht
internationalen Standards.“
Sie hörten Herrn Sohn Chang-hwan (손창환), Chef über die Planung
der Wettkampfstätten. Er führt uns durch das neue Skisprungstadion
und bereits jetzt fühlt man sich hier richtiggehend olympisch.
Auch das Evaluationsteam des IOC, das dem Stadion im Februar
einen Besuch abstattete, war sichtlich begeistert und machte
die für eine Evaluationskommission bereits euphorisch zu wertende
Aussage, PyeongChang habe „signifikante Fortschritte“ gemacht.
Das Team lief dann weiter zum Stadion für Biathlon und Langlauf,
das nur 500 Meter entfernt liegt. Sowohl von diesem Umstand
als auch von der Wettkampfstätte selbst waren die IOC-Mitglieder
ebenfalls begeistert. Hören wir noch einmal Herrn Lee Byung-nam:
Lee Byung-nam (이병남): “Alle Wettkampfstätten können
vom Basislager im Alpensia Resort innerhalb von nur 30 Minuten
erreicht werden. Es ist das kompakteste Konzept in der Geschichte
der Olympischen Winterspiele. Dies wird zu neuen Höchstleistungen
bei den Athleten führen. Aber auch für die Mitarbeiter, die
IOC-Mitglieder und die Zuschauer bedeutet das mehr Komfort.“
Die Spiele in PyeongChang sollen sich in zwei Hauptzentren
abspielen; dem bereits erwähnten Alpensia Cluster, wo die Skievents
stattfinden sollen und dem Gangneung Coastal Cluster, in dem
die Wettbewerbe auf Eis stattfinden. Dabei liegen beide Gebiete
nur 31 Kilometer voneinander entfernt und können somit in unter
30 Minuten mit dem Zug oder Auto vom jeweils anderen Gebiet
aus erreicht werden. Insbsondere die Athleten dürfte dieses
Konzept überzeugt haben.
Sohn Chang-hwan (손창환): “Hier befinden wir uns im Alpensia-Biathlonzentrum,
nur 500 Meter entfernt vom Skisprungstadion. Dieses Stadion
war bereits 2008 fertig und stellte uns vor große Herausforderungen,
da die Ansprüche an die Disziplin aus Europa besonders hoch
waren. Als Organisatoren haben wir intensive Forschungen zum
Thema angestellt, um den Anforderungen gerecht zu werden und
schließlich haben wir sie ausnahmslos erfüllt. Egal, ob es
nun um die Beschaffenheit der Wachskabine ging, in der die
Athleten ihre Skier vorbereiten, des Schießstands oder der
Waffenkammer, wir haben alle zufriedengestellt. Die Athleten
werden in perfekter Umgebung ihr Training absolvieren und im
Wettkampf Bestleistungen erzielen können.“
Das Biathlonzentrum ist bereits gut besucht. Park Nam-ho (박남호),
Trainer des Skiteams der Kreisverwaltung von PyeongChang schaut
kritisch auf die elektronische Anzeigetafel, die die Schießfehler
seiner Schützlinge anzeigt. Direkt nach dem Schießen gibt er
den Athleten Tipps, wie sie besser werden können. Die neuen
Trainingsbedingungen machen es einfacher die eigenen Leistungen
zu steigern.
Park: „Da, sehen Sie schwarze Tafel da? Wenn die Athleten
alles richtig machen, wird sie weiß. Je mehr weiß, desto mehr
Ziele wurden richtig getroffen. Das hier ist übrigens der Ort
des Biathlon-Weltcups 2008. Und jetzt wird Olympia hier abgehalten.
Für uns ist das damit natürlich ideal zum Trainieren.”
Der Reiz des Biathlon liegt wohl daran, dass ein einziger Schuss
das gesamte Ergebnis verändern kann. Die neue Schießanlage,
die die Schießresultate in Echtzeit anzeigt, hat internationale
Anerkennung erfahren. Der Biathlon-Weltcup 2008 war der Auftakt
zu einer Reihe internationaler Veranstaltungen, die inzwischen
in PyeongChang stattgefunden haben, so z.B. den Kontinentalcup
der Skispringer oder die Frauen-WM im Curling. Die Athleten
zeigten sich jedes Mal einig, dass PyeongChang bereit ist für
Olympia.
Athleten – sie sind das A und O aller Sportereignisse, ohne
sie kann kein Ereignis erfolgreich werden. Wie sieht es also
aus in PyeongChang mit olympiareifen Athleten?
Kang (강광배): “Um ehrlich zu sein, wir waren recht skeptisch,
ob unsere Leistungen reichen. Es gab ja vor Vancouver 2010
bislang nur wenige Winterolympioniken aus Korea. Die einzigen
Goldmedaillen bis dahin kamen aus den Bereichen Short Track
und Eisschnelllauf. Aber die beiden Niederlagen bei der Bewerbung
haben einen Prozess angestoßen. Dadurch hat Korea seinen Wintersportsektor
mächtig entwickeln können. In Vancouver haben koreanische Athleten
erstmals auch im Eiskunstlaufen und über die Langstrecke im
Eisschnelllauf gesiegt. Das ist ein großer Schritt für Korea.“
N: Sie hörten soeben Kang Gwang-bae(강광배), den Vizepräsidenten
der Internationalen Bob- und Skeletonföderation. Er ist aber
bekannter als der erste koreanische Bobfahrer überhaupt. Er
kam in Vancouver mit seinem Team immerhin als 19. durchs Ziel.
Im Bewerbungskommitee arbeitete er als Sportdirektor.
Blicken wir kurz zurück auf Vancouver 2010: Es war der 16.
Februar und ein bis dahin unbekannter koreanischer Athlet namens
Mo Tae-bum gewann die 500 Meter der Herren im Eisschnelllauf.
Es war der Startschuss zum Medaillenregen für Korea und erste
Goldmedaille für Südkorea im Eisschnelllauf seit 1936. Doch
der nächste Paukenschlag folgte gleich darauf: Einen Tag später
gewann Lee Sang-hwa die 500 Meter der Damen. Und auch danach
rissen die freudigen Nachrichten nicht ab, denn am 24. Februar
feierte Lee Seung-hun einen spektakulären Sieg über die 10.000
Meter der Herren, der erste Sieg eines Asiaten überhaupt über
diese Strecke. Die Art über Koreas Wintersport zu sprechen,
begann sich zu wandeln. Das merkte auch Olympiasieger Lee Seung-hun
selbst:
Lee Seung-hun (이승훈): „Niemand hatte es für möglich
gehalten, dass ein Asiate die Langstrecke gewinnen könnte.
Doch plötzlich standen die Sportler in Korea Schlange, um sich
die koreanischen Trainingsmethoden anzuschauen. Die anderen
begannen uns ernstzunehmen. Seit Vancouver hängen mir beim
Training immer Sportler aus anderen Nationen an den Fersen.”
Der 24. Februar wurde schließlich noch gekrönt von den 78,50
Punkten Kim Yunas im Kurzprogramm der Damen beim Eiskunstlauf.
Zwei Tage später regete es 150,06 Punkte in der Kür – die höchste
Punktzahl, die in diesem Sport je vergeben wurde und eine der
klarsten Goldmedaillen der gesamten Spele. Südkorea wurde schließlich
fünfter im Medaillenspiegel – und gab damit nicht nur den eigenen
Bürgern einen Grund zur Freude, sondern gerade auch viel Hoffnung
für Athleten aus anderen Ländern, deren Wintersport-Infrastruktur
ebenfalls noch nicht auf Weltniveau ist.
Eine der Hauptmissionen der Bewerbung von PyeongChang war nämlich
für eine Ausdehnung des Wintersports auf bisher vernachlässigte
Regionen zu sorgen. Diese Mission wurde versucht umzusetzen,
indem man das sogenannte „Dream Program“ ins Leben rief, das
sich speziell an die junge Generation in Ländern ohne Schnee
richtete. Herr Hur Nam-seon (허남선) von der Bewerbungs-Unterstützergruppe
der Provinzverwaltung Gangwon erzählt uns mehr dazu.
Hur Nam-seon (허남선): “PyeongChangs Dream Program soll
den olympischen Geist fördern helfen. Hierzu werden Jugendliche
aus Ländern ohne Schnee nach Korea eingeladen, um Wintersport
einmal selbst zu erleben und Freundschaften zu schließen. Ziel
ist es zudem das Potential für Wintersport weltweit zu erhöhen.
Mehr als 200 Länder nehmen an den Sommerspielen teil, aber
bei den Winterspielen sind es weniger als 100. Dies liegt natürlich
auch am Klima vieler Länder. Wir glauben aber, dass dieses
Heranführen der jungen Generation auch in diesen Ländern eine
Entwicklung in Gang bringen kann.“
Durch dieses Programm neue Träume zu schaffen, war eines der
Versprechen der Provinz Gangwon, das sie dem IOC bei der Bewerbung
2010 gegeben hatte. PyeongChang scheiterte mit der Bewerbung
und hielt trotzdem sein Versprechen. Die Provinz Gangwon hielt
an ihrem Traum fest, dass Wintersport ein Fest für alle Menschen,
überall auf der Welt werden sollte. Also lud die Provinz jeden
Winter Kinder aus wärmeren Regionen ein und bot ihnen die Möglichkeit
Winter und Wintersport einmal selbst zu erleben.
Insbesondere viele Jugendliche aus Afrika und Südasien waren
dabei, die zum ersten Mal in ihrem Leben auf dem weißen Schnee
standen und nun vorsichtig die Hänge herunterschlitterten.
Ihren Gesichtern war anzumerken, wie faszinierend dies für
sie war.
Dieses Programm ist dabei keineswegs ein kurzfristiger Werbegag
gewesen, um die Bewerbung zu fördern. 947 Kinder aus 47 Natioen
haben an dem Dream Program teilgenommen. Immerhin 12 Kinder
aus acht Nationen, die damals in Kontakt mit dem Wintersport
gekommen sind, haben inzwischen an internationalen Wettbewerben
teilgenommen. Ein beachtliches Ergebnis, bedenkt man, dass
das Programm noch nicht allzu lange läuft. Aber natürlich war
dieses Programm – ganz im Sinne des Wortes „Tue Gutes und spreche
darüber“ – auch ein wichtiges Argument für die Auswahl PyeongChangs
als Austragungsort der Winterspiele 2018.
Hur Nam-seon (허남선): “Das IOC hat im Februar seine Inspektion
in PyeongChang durchgeführt. Zum Dream Program sagte Gunilla
Lindberg, die Chefin der Evaluationskommission, dass es beeindruckend
sei, dass Korea sein Versprechen gehalten habe. Korea ist zwei
mal mit seinen Bewerbungen gescheitert, hat aber seine Versprechen
eingehalten und so Vertrauen und Unterstützung von Seiten des
IOC und der internationalen Sportgemeinschaft gewinnen können.”
Ein weiterer Faktor, der für PyeongChang sprach, war der grandiose
Empfang, den die Bewohner der Region dem IOC-Evaluationsteam
am 14. Februar machten, der die Begeisterung der Bürger unter
Beweis stellte. Jeder einzelne Bürger, sei es der Rentner,
der extra Reiskuchen für die Gäste backte, bis hin zu dem kleinen
Mädchen, das schüchtern ihren Wunsch nach Olympia im eigenen
Land auf Englisch übermittelte, sie alle zeigten, dass Olympia
eine echte Herzenssache für die Region ist. Das IOC-Team um
die Schwedin Lindberg war tief bewegt.
Lindberg: “Ich sehe die starke Unterstützung der südkoreanischen
Regierung. Und ich bin gerührt von den Bewohnern der Provinz
Gangwon, die hier in Hoffnung auf die Winterspiele zusammengekommen
sind.“
Es war insbesondere der Grad der Unterstützung durch die eigene
Bevölkerung der PyeongChang von seinen anderen Konkurrenten
im technischen Bericht der Evaluationskommission absetzte.
Mehr als 90% der Koreaner unterstützten die Bewerbung, während
es in München nur etwa 60% und in Annecy gerade einmal eine
knappe absolute Mehrheit der Bürger waren. Trotzdem wäre es
fahrlässig für PyeongChang gewesen, sich allein auf diesen
Faktor zu verlassen. Die Konkurrenten waren nämlich keineswegs
zu unterschätzen. München, mit Katarina Witt und IOC-Vizechef
Thomas Bach prominent besetzt, setzte ganz auf seine Erfahrung
als Ausrichter großer Ereignisse und versuchte mit dem Thema
Zahl und Begeisterung der Zuschauer zu punkten. Auch wurde
der Aspekt aufs Tableau gebracht, dass München die erste Stadt
sein könnte, die sowohl Sommer- als auch Winterspiele ausrichtet.
Annecy setzte ganz auf Emotionen und Landschaft. Das Rennen
schien immer enger zu werden. Nur wenige Tage vor der Entscheidung
versammelten sich die Bürger der Region PyeongChang auf dem
Hochpass Daegwallyeong. Warum, verrät Yeom Don-seol (염돈설),
Chef einer Pro-Olympia-Bürgerinitiative.
Yeom Don-seol (염돈설): „Es sind nur noch fünf Tage bis
die Olympischen Winterspiele 2018 vergeben werden. Heute, einen
Tag bevor unser Team nach Durban abfliegt, haben wir uns noch
einmal hier auf dem Daegwallyeong-Pass versammelt, um die Berggeister
um viel Glück zu bitten. Ich hoffe unsere Begeisterung wird
die IOC-Mitglieder mitreißen.“
Diese Zeremonie am 1. Juli war der letzte Akt in der Bürgerkampagne
für PyeongChang – Bürger landesweit hatten zuvor auf spirituell
besonders bedeutenden Bergen im ganzen Land für einen guten
Ausgang der Bewerbung gebetet. Begonnen hatte diese Zeremonie
am 400. Tag vor Verkündung des Ergebnisses auf dem Berg Balwangsan
und führte schließlich auch zu den bekannteren Bergen Taebaeksan
und Hallasan. Ob es nun die Berggötter waren, die eingegriffen
haben, wird wohl nicht geklärt werden können. Klar war hingegen
das Ergebnis, das IOC-Chef Jacques Rogge am Donnerstag um 00:20
Uhr morgens koreanischer Ortszeit verkündete – der Sieg für
PyeongChang, die Erfüllung all der lange gehegten Träume.
Kim: “Ich glaube, dass wir dieses Ergebnis erzielen
konnten, ist das Verdienst aller Menschen in der Republik Korea.
Ich bin so glücklich, ich bin so froh. Wir werden jetzt alle
die Ärmel hochkrempeln und die Olympischen Winterspiele 2018
zu einem Erfolg machen.“
Südkoreas Ministerpräsident Kim Hwang-sik, den Sie soeben hörten,
konnte wie so viele an diesem Abend seine Freude kaum in Worte
fassen. Nach zwei tränenreichen Missionen, nach denen viele
Korea schon abgeschrieben hatten, nun dieses Comeback – ein
wahres olympisches Märchen. Doch es ist erst der Beginn einer
neuen Herausforderung für PyeongChang, denn jetzt beginnen
die konkreten Vorbereitungen für die besten Olympischen Spiele
aller Zeiten, die man der Welt versprochen hat.
Um die Spiele effizient zu organisieren wird der Kreis PyeongChang
zu einer sogenannten “Olympischen Sonderzone” ernannt. Der
Hochgeschwindigkeitszug KTX erhält eine neue Strecke in die
östliche Gangwon-Provinz. Zum Vorbild nimmt sich die Provinz
die Entwicklung von Lake Placid, einem verschlafenen Nest von
gerade einmal 3.000 Einwohnern – bis es zwei mal die Olympischen
Spiele ausrichtete und ein international bekanntes Wintersportmekka
wurde. Die vielen Planungen für PyeongChang, die sich in den
vergangenen Jahren angehäuft haben, werden nun tatsächlich
umgesetzt. Doch nicht nur für die Region selbst, für ganz Korea
ist Olympia eine große Chance, erklärt Generalsekretär Ha Do-bong(하도봉):
Ha Do-bong (하도봉): “Ohne Frage werden die Winterspiele
in PyeongChang zu einer Verbesserung von Koreas Image und Status
in der Welt beitragen. Es gibt nur fünf Länder weltweit, die
alle vier großen Sportveranstaltungen, also Sommer- und Winterspiele,
Fußball-WM und Leichtathletik-WM ausgerichtet haben. Korea
wird 2018 mit den Winterspielen in PyeongChang dann die sechste
Nation, der dies gelingt. Der Sport wird das Wachstum Koreas
beflügeln.“
N: Internationale Großereignisse bringen immer einen Imagegewinn
für den Gastgeber mit sich, das war bei Olympia 1988 in Seoul
so und auch bei der WM 2002. Für die Leichtathletik-WM in Daegu
diesen Sommer erwartet man sich ähnliches. Professor Seo Gyeong-deok(서경덕)
von der Sungshin-Universität, der in Korea bekannt ist, weil
er Großkampagnen zur koreanischen Insel Dokdo u.a. auf dem
New Yorker Times Square platzierte, betont, dass die Strategie
der Imagepflege über Großereignisse im Falle Koreas sehr effektiv
ist und beibehalten werden sollte.
Seo Gyeong-deok (서경덕): “Nach Olympia 1988 wurde der
Welt überhaupt erst richtig bewusst, dass es ein Land namens
Korea gibt. 2002 zur WM wurde dann die koreanische Kultur bekannter.
Und 2018 wird sicher eine weitere großartige Chance Koreas
Image zu verbessern. 1988 zu den Sommerspielen war Seoul für
mehr als zwei Wochen in allen Medien, zur WM 2002 war Korea
fast einen Monat lang eines der Hauptthemen und natürlich wird
man 2018 PyeongChang ausgiebig weltweit vorstellen.“
N: Korea war einst ein unterentwickeltes und bitterarmes Land,
zerstört durch einen Krieg, wobei dieser Krieg der einzige
Grund war, warum Menschen das Land überhaupt kannten. Erst
mit der erfolgreichen Ausrichtung des wohl größten denkbaren
Ereignisses überhaupt, den Sommerspielen, im Jahr 1988 in Seoul,
fasste das Land endgültig Vertrauen in sich selbst, was Gesellschaft
und Kultur in der Folge enorm befeuerte. Die Olympischen Spiele
1988 waren auch ökonomisch ein großer Erfolg: Durch Übertragungsrechte
und ausländische Besucher nahm man über 390 Millionen Dollar
ein. Professor Seo ist sich sicher, dass die Winterspiele noch
erfolgreicher werden.
Seo Gyeong-deok (서경덕) : “Die ökonomischen Effekte von
Olympia sind enorm. Zu reinen Produktions- und Arbeitsplatzeffekten
kommt auch ein Aufschwung durch die große Zahl der ausländischen
Touristen. Indirekt wirkt sich zudem die Image-Verbesserung
positiv auf die Wirtschaft aus. Laut neuesten Schätzungen dürfte
Olympia 20 Billionen Won an Produktionseffekten, 8 Billionen
Won an Mehrwert und bis zu 230.000 neue Arbeitsplätze schaffen.
Die Provinz Gangwon erwartet bis zu 200.000 ausländische Besucher
während der Spiele.“
Was in sieben Jahren sein wird, kann niemand genau sagen, aber
klar ist, dass die Vergabe der Spiele nach Korea für große
Veränderungen und neue Entwicklungen im Land sorgen wird. Hören
wir Sportkolumnist Shin Myung-cheol dazu:
Shin Myung-cheol (신명철): “Wenn eine Nation sich erst
einmal ein internationales Ereignis gesichert hat, wandelt
sich das Image des betreffenden Sports im Land. Die Wettkampfstätten
können bereits vor und auch noch nach dem eigentlich Ereignis
genutzt werden, sodass viele Menschen die jeweilige Sportart
zu ihrem Hobby machen, was wiederum den Markt für diese Sportart
vergrößert. Korea wird eine Menge guter Leute in vielen Disziplinen
aufbieten können, die die Konkurrenzfähigkeit des Landes im
internationalen Sport verbessern werden.“
Sieben Wettkampfstätten sind bereits fertig und werden von
Sportlern fürs Training genutzt, die anderen sechs sollen bereits
bis 2016 fertiggestellt sein, also zwei Jahre vor den Olympischen
Spielen. Dadurch werden rechtzeitig zu Olympia bereits perfekte
Trainingsbedingungen für alle koreanischen Wintersportler bestehen.
Der Traum vom Olympiasieg dürfte angesichts einer solchen Umgebung
ganz natürlich in vielen jungen Nachwuchstalenten heranreifen
und eine neue Tradition des Wintersports in Korea begründen.
Man sagt, Träume werden nicht aus Logik geboren, sondern aus
Hoffnungen. Wer träumen will, solle deshalb nicht sein Hirn
anstrengen, sondern seinem Herz freien Lauf lassen. PyeongChang
hat seine Hoffnung nie aufgegeben und so neue Horizonte für
Nachwuchstalente geöffnet. Dabei hat man die technische Seite
von Olympia nie vergessen und zur einzigartigen Begeisterung
der Bevölkerung topmoderne Wettkampfstätten und ein intelligentes
Gesamtkonzept geliefert. Das Wintermärchen PyeongChangs ist
mit dem deutlichen Sieg in Durban noch längst nicht vorbei,
im Gegenteil; es hat gerade erst so richtig begonnen.
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