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Um 15:35 Uhr Ortszeit am 6. Juli begann im südafrikanischen Durban die geheime Abstimmung der IOC-Mitglieder über den Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2018. Direkt davor hatten die Delegierten in der letzten Präsentation der Bewerber unter anderem den bewegenden Worten von Koreas Eiskunstlauf-Star Kim Yuna zugehört. Davor wiederum hatten sich auch die Mitbewerber München und Annecy noch einmal vorgestellt.

Nach nur zwei Minuten war die Wahl bereits vorbei. Dies hieß, dass es bereits in der ersten Runde einen eindeutigen Sieger gegeben haben musste, der die Mehrheit der 95 teilnehmenden IOC-Mitglieder auf seine Seite ziehen konnte. Etwa zwei Stunden später erklomm IOC-Präsident Jacques Rogge das Podium mit einem großen weißen Umschlag und schritt zur Verkündung des Ergebnisses.

63 von 95 Stimmen und damit ein Sieg von historischen Ausmaßen für die südkoreanische Bewerberstadt PyeongChang. Ein emotionaler Moment für alle Beteiligten.

Kim Yu-na (김연아): “Ich hatte ja ein Meer der Freudentränen erwartet, da alle so hart gearbeitet haben. Und als ich sie dann tatsächlich alle weinen sehen habe, wurde ich auch ganz emotional. Ich danke allen so sehr.”

Park Yong-sung (박용성): “Es war wirklich ein hartes Rennen. Dieses Ergebnis gehört wirklich den Bürgern von PyeongChang und Gangneung, die auf die Straßen stürmten, um uns zu unterstützen. Wir haben aus unseren beiden Niederlagen gelernt und haben unsere Bewerbung kontinuierlich verbessert, während wir die Versprechen der Vergangenheit alle peinlich genau einhielten. Ich denke das hat uns geholfen, das IOC für uns zu gewinnen.“

Kim Jin-sun (김진선): “Ich bin sehr glücklich. Wir haben solange gewartet, und der Weg war steinig. Ich kann gerade vor lauter Gefühlen gar nicht richtig sprechen. Als wir hörten, dass eine der Bewerberstädte schon im ersten Wahlgang gewonnen hatte, wurden wir uns sicher, dass PyeongChang gewonnen hat. Und so kam es dann auch. Ich fühle mich richtig gut.“


Verständlicherweise ist die gesamte Region noch immer im Freudentaumel. Heute vor genau 12 Jahren hatte PyeongChang erstmals seine Kandidatur bekanntgegeben. Immer wieder wurde man zurückgeworfen, doch ließ sich davon nicht beirren. Nun ist der Traum von PyeongChang wahr geworden.

Der Kreis PyeongChang ist nur 1.463 Quadratkilometer groß und seine Bevölkerung liegt bei nur 40.000 Menschen. Doch die Schneehöhen von bis zu 2,70m, die hohe Qualität des Schnees und die wunderschöne Landschaft haben die Region zum Zentrum des Wintersports in Korea werden lassen. Beflügelt durch die erfolgreiche Ausrichtung der Asien-Winterspiele 1999 wagte PyeongChang es auch auf die ganz große Bühne und erklärte im gleichen Jahr die erste Kandidatur um die Olympischen Winterspiele.

Doch sowohl die Bewerbungen um die Spiele 2010 als auch um die Spiele 2014 scheiterten denkbar knapp. In beiden Rennen führte PyeongChang, wurde jedoch im letzten Wahlgang mit wenigen Stimmen besiegt. Jetzt, am 6. Juli 2011 aber gab es endlich gute Nachrichten für PyeongChang.

Cho Yang-ho (조양호): „Wir haben uns nie beirren lassen, sondern haben immer weiter gearbeitet, um besser zu werden. Ich glaube jetzt ist es Zeit, die Ernte dafür einzufahren.“

Wie der Chef des Bewerbungskommitees Cho Yang-ho es gerade ausdrückte, war nun die Zeit gekommen, die Früchte der Bemühungen zu ernten. Eine große Rolle dabei spielte der überzeugende neue Slogan “New Horizons”, also “Neue Horizonte”.

Das neue Motto war ein gewaltiger Strategiewechsel, weg vom bisherigen Thema Frieden auf der Koreanischen Halbinsel, hin zur Ausbreitung des Wintersports in Asien und darüber hinaus. Wie kam es zur Idee für den neuen Slogan? Hören wir hierzu den Generalsekretär der Bewerbung, Herrn Ha Do-bong:
Ha Do-bong (하도봉): “Es ist einfach Zeit für Asien wieder Olympische Winterspiele auszutragen. Das ist auch das, was das IOC sich wünscht. Bisher haben die Winterspiele vor allem in Europa und Nordamerika stattgefunden. Die Expansion nach Asien könnte Wintersport weltweit bekannter machen und eine Inspiration für die junge Generation auf dem Kontinent werden. Dies ist unsere Vision, sie half uns stark und wettbewerbsfähig zu werden.“

Die einzige asiatische Nation, die bisher in der über 80-jährigen Geschichte der Winterspiele das Austragungsrecht erhielt war Japan. Der Kontinent Asien mit mehr als einer Milliarde Menschen und einem Sechstel der Weltbevölkerung war so bislang mehr oder weniger vom Wintersport isoliert. Allein schon der Sieg PyeongChangs hat somit einen neuen Horizont geöffnet, nämlich den für Asien. Jetzt heißt es auch neue Horizonte in Afrika, Mittel- und Lateinamerika zu erschließen.

PyeongChang setzte ganz auf das Thema Zukunft. PyeongChangs Vision war deutlich und auf den Punkt gebracht, unterstützt von neuesten Wettkampfstätten. Lee Byung-nam, Chef der Vorbereitungsevaluation im Bewerbungskommitee erzählt uns mehr.

Lee Byung-nam (이병남): “Der Hauptfokus unserer dritten Bewerbung war die Erfüllung der Versprechen, die wir dem IOC in unseren ersten beiden Bewerbungen gegeben hatten. Von den 13 Wettkampfstätten, die wir dem IOC in unserem Konzept dies mal versprochen haben, sind sieben bereits fertiggestellt. Diese neuen Wettkampfstätten sind auf dem allerneuesten Stand der Technik und denen in anderen Städten damit deutlich überlegen. Hier werden Athleten ihre absoluten Höchstleistungen abrufen können.“

Während der IOC-Evaluation vor vier Jahren konnte PyeongChang nur Video-Animationen von den Wettkampfstätten zeigen. Dies mal aber überzeugte die Stadt aber in der Präsentation mit echten Bildern von bereits fertiggestellten Stätten, z.B. dem Skisprungstadion und der Langlaufloipe.

Sohn Chang-hwan (손창환): “Dies ist das Alpensia-Skisprungstadion, wo die Eröffnungs- und Schlusszeremonie und alle Skisprungwettbewerbe stattfinden werden. Die Bauarbeiten waren bereits 2009 abgeschlossen. Es hat zwei Schanzen für K98 und K125, d.h. alles entspricht internationalen Standards.“

Sie hörten Herrn Sohn Chang-hwan (손창환), Chef über die Planung der Wettkampfstätten. Er führt uns durch das neue Skisprungstadion und bereits jetzt fühlt man sich hier richtiggehend olympisch. Auch das Evaluationsteam des IOC, das dem Stadion im Februar einen Besuch abstattete, war sichtlich begeistert und machte die für eine Evaluationskommission bereits euphorisch zu wertende Aussage, PyeongChang habe „signifikante Fortschritte“ gemacht. Das Team lief dann weiter zum Stadion für Biathlon und Langlauf, das nur 500 Meter entfernt liegt. Sowohl von diesem Umstand als auch von der Wettkampfstätte selbst waren die IOC-Mitglieder ebenfalls begeistert. Hören wir noch einmal Herrn Lee Byung-nam:

Lee Byung-nam (이병남): “Alle Wettkampfstätten können vom Basislager im Alpensia Resort innerhalb von nur 30 Minuten erreicht werden. Es ist das kompakteste Konzept in der Geschichte der Olympischen Winterspiele. Dies wird zu neuen Höchstleistungen bei den Athleten führen. Aber auch für die Mitarbeiter, die IOC-Mitglieder und die Zuschauer bedeutet das mehr Komfort.“

Die Spiele in PyeongChang sollen sich in zwei Hauptzentren abspielen; dem bereits erwähnten Alpensia Cluster, wo die Skievents stattfinden sollen und dem Gangneung Coastal Cluster, in dem die Wettbewerbe auf Eis stattfinden. Dabei liegen beide Gebiete nur 31 Kilometer voneinander entfernt und können somit in unter 30 Minuten mit dem Zug oder Auto vom jeweils anderen Gebiet aus erreicht werden. Insbsondere die Athleten dürfte dieses Konzept überzeugt haben.

Sohn Chang-hwan (손창환): “Hier befinden wir uns im Alpensia-Biathlonzentrum, nur 500 Meter entfernt vom Skisprungstadion. Dieses Stadion war bereits 2008 fertig und stellte uns vor große Herausforderungen, da die Ansprüche an die Disziplin aus Europa besonders hoch waren. Als Organisatoren haben wir intensive Forschungen zum Thema angestellt, um den Anforderungen gerecht zu werden und schließlich haben wir sie ausnahmslos erfüllt. Egal, ob es nun um die Beschaffenheit der Wachskabine ging, in der die Athleten ihre Skier vorbereiten, des Schießstands oder der Waffenkammer, wir haben alle zufriedengestellt. Die Athleten werden in perfekter Umgebung ihr Training absolvieren und im Wettkampf Bestleistungen erzielen können.“

Das Biathlonzentrum ist bereits gut besucht. Park Nam-ho (박남호), Trainer des Skiteams der Kreisverwaltung von PyeongChang schaut kritisch auf die elektronische Anzeigetafel, die die Schießfehler seiner Schützlinge anzeigt. Direkt nach dem Schießen gibt er den Athleten Tipps, wie sie besser werden können. Die neuen Trainingsbedingungen machen es einfacher die eigenen Leistungen zu steigern.

Park: „Da, sehen Sie schwarze Tafel da? Wenn die Athleten alles richtig machen, wird sie weiß. Je mehr weiß, desto mehr Ziele wurden richtig getroffen. Das hier ist übrigens der Ort des Biathlon-Weltcups 2008. Und jetzt wird Olympia hier abgehalten. Für uns ist das damit natürlich ideal zum Trainieren.”

Der Reiz des Biathlon liegt wohl daran, dass ein einziger Schuss das gesamte Ergebnis verändern kann. Die neue Schießanlage, die die Schießresultate in Echtzeit anzeigt, hat internationale Anerkennung erfahren. Der Biathlon-Weltcup 2008 war der Auftakt zu einer Reihe internationaler Veranstaltungen, die inzwischen in PyeongChang stattgefunden haben, so z.B. den Kontinentalcup der Skispringer oder die Frauen-WM im Curling. Die Athleten zeigten sich jedes Mal einig, dass PyeongChang bereit ist für Olympia.

Athleten – sie sind das A und O aller Sportereignisse, ohne sie kann kein Ereignis erfolgreich werden. Wie sieht es also aus in PyeongChang mit olympiareifen Athleten?

Kang (강광배): “Um ehrlich zu sein, wir waren recht skeptisch, ob unsere Leistungen reichen. Es gab ja vor Vancouver 2010 bislang nur wenige Winterolympioniken aus Korea. Die einzigen Goldmedaillen bis dahin kamen aus den Bereichen Short Track und Eisschnelllauf. Aber die beiden Niederlagen bei der Bewerbung haben einen Prozess angestoßen. Dadurch hat Korea seinen Wintersportsektor mächtig entwickeln können. In Vancouver haben koreanische Athleten erstmals auch im Eiskunstlaufen und über die Langstrecke im Eisschnelllauf gesiegt. Das ist ein großer Schritt für Korea.“

N: Sie hörten soeben Kang Gwang-bae(강광배), den Vizepräsidenten der Internationalen Bob- und Skeletonföderation. Er ist aber bekannter als der erste koreanische Bobfahrer überhaupt. Er kam in Vancouver mit seinem Team immerhin als 19. durchs Ziel. Im Bewerbungskommitee arbeitete er als Sportdirektor.

Blicken wir kurz zurück auf Vancouver 2010: Es war der 16. Februar und ein bis dahin unbekannter koreanischer Athlet namens Mo Tae-bum gewann die 500 Meter der Herren im Eisschnelllauf. Es war der Startschuss zum Medaillenregen für Korea und erste Goldmedaille für Südkorea im Eisschnelllauf seit 1936. Doch der nächste Paukenschlag folgte gleich darauf: Einen Tag später gewann Lee Sang-hwa die 500 Meter der Damen. Und auch danach rissen die freudigen Nachrichten nicht ab, denn am 24. Februar feierte Lee Seung-hun einen spektakulären Sieg über die 10.000 Meter der Herren, der erste Sieg eines Asiaten überhaupt über diese Strecke. Die Art über Koreas Wintersport zu sprechen, begann sich zu wandeln. Das merkte auch Olympiasieger Lee Seung-hun selbst:

Lee Seung-hun (이승훈): „Niemand hatte es für möglich gehalten, dass ein Asiate die Langstrecke gewinnen könnte. Doch plötzlich standen die Sportler in Korea Schlange, um sich die koreanischen Trainingsmethoden anzuschauen. Die anderen begannen uns ernstzunehmen. Seit Vancouver hängen mir beim Training immer Sportler aus anderen Nationen an den Fersen.”

Der 24. Februar wurde schließlich noch gekrönt von den 78,50 Punkten Kim Yunas im Kurzprogramm der Damen beim Eiskunstlauf. Zwei Tage später regete es 150,06 Punkte in der Kür – die höchste Punktzahl, die in diesem Sport je vergeben wurde und eine der klarsten Goldmedaillen der gesamten Spele. Südkorea wurde schließlich fünfter im Medaillenspiegel – und gab damit nicht nur den eigenen Bürgern einen Grund zur Freude, sondern gerade auch viel Hoffnung für Athleten aus anderen Ländern, deren Wintersport-Infrastruktur ebenfalls noch nicht auf Weltniveau ist.

Eine der Hauptmissionen der Bewerbung von PyeongChang war nämlich für eine Ausdehnung des Wintersports auf bisher vernachlässigte Regionen zu sorgen. Diese Mission wurde versucht umzusetzen, indem man das sogenannte „Dream Program“ ins Leben rief, das sich speziell an die junge Generation in Ländern ohne Schnee richtete. Herr Hur Nam-seon (허남선) von der Bewerbungs-Unterstützergruppe der Provinzverwaltung Gangwon erzählt uns mehr dazu.

Hur Nam-seon (허남선): “PyeongChangs Dream Program soll den olympischen Geist fördern helfen. Hierzu werden Jugendliche aus Ländern ohne Schnee nach Korea eingeladen, um Wintersport einmal selbst zu erleben und Freundschaften zu schließen. Ziel ist es zudem das Potential für Wintersport weltweit zu erhöhen. Mehr als 200 Länder nehmen an den Sommerspielen teil, aber bei den Winterspielen sind es weniger als 100. Dies liegt natürlich auch am Klima vieler Länder. Wir glauben aber, dass dieses Heranführen der jungen Generation auch in diesen Ländern eine Entwicklung in Gang bringen kann.“

Durch dieses Programm neue Träume zu schaffen, war eines der Versprechen der Provinz Gangwon, das sie dem IOC bei der Bewerbung 2010 gegeben hatte. PyeongChang scheiterte mit der Bewerbung und hielt trotzdem sein Versprechen. Die Provinz Gangwon hielt an ihrem Traum fest, dass Wintersport ein Fest für alle Menschen, überall auf der Welt werden sollte. Also lud die Provinz jeden Winter Kinder aus wärmeren Regionen ein und bot ihnen die Möglichkeit Winter und Wintersport einmal selbst zu erleben.

Insbesondere viele Jugendliche aus Afrika und Südasien waren dabei, die zum ersten Mal in ihrem Leben auf dem weißen Schnee standen und nun vorsichtig die Hänge herunterschlitterten. Ihren Gesichtern war anzumerken, wie faszinierend dies für sie war.

Dieses Programm ist dabei keineswegs ein kurzfristiger Werbegag gewesen, um die Bewerbung zu fördern. 947 Kinder aus 47 Natioen haben an dem Dream Program teilgenommen. Immerhin 12 Kinder aus acht Nationen, die damals in Kontakt mit dem Wintersport gekommen sind, haben inzwischen an internationalen Wettbewerben teilgenommen. Ein beachtliches Ergebnis, bedenkt man, dass das Programm noch nicht allzu lange läuft. Aber natürlich war dieses Programm – ganz im Sinne des Wortes „Tue Gutes und spreche darüber“ – auch ein wichtiges Argument für die Auswahl PyeongChangs als Austragungsort der Winterspiele 2018.

Hur Nam-seon (허남선): “Das IOC hat im Februar seine Inspektion in PyeongChang durchgeführt. Zum Dream Program sagte Gunilla Lindberg, die Chefin der Evaluationskommission, dass es beeindruckend sei, dass Korea sein Versprechen gehalten habe. Korea ist zwei mal mit seinen Bewerbungen gescheitert, hat aber seine Versprechen eingehalten und so Vertrauen und Unterstützung von Seiten des IOC und der internationalen Sportgemeinschaft gewinnen können.”

Ein weiterer Faktor, der für PyeongChang sprach, war der grandiose Empfang, den die Bewohner der Region dem IOC-Evaluationsteam am 14. Februar machten, der die Begeisterung der Bürger unter Beweis stellte. Jeder einzelne Bürger, sei es der Rentner, der extra Reiskuchen für die Gäste backte, bis hin zu dem kleinen Mädchen, das schüchtern ihren Wunsch nach Olympia im eigenen Land auf Englisch übermittelte, sie alle zeigten, dass Olympia eine echte Herzenssache für die Region ist. Das IOC-Team um die Schwedin Lindberg war tief bewegt.

Lindberg: “Ich sehe die starke Unterstützung der südkoreanischen Regierung. Und ich bin gerührt von den Bewohnern der Provinz Gangwon, die hier in Hoffnung auf die Winterspiele zusammengekommen sind.“

Es war insbesondere der Grad der Unterstützung durch die eigene Bevölkerung der PyeongChang von seinen anderen Konkurrenten im technischen Bericht der Evaluationskommission absetzte. Mehr als 90% der Koreaner unterstützten die Bewerbung, während es in München nur etwa 60% und in Annecy gerade einmal eine knappe absolute Mehrheit der Bürger waren. Trotzdem wäre es fahrlässig für PyeongChang gewesen, sich allein auf diesen Faktor zu verlassen. Die Konkurrenten waren nämlich keineswegs zu unterschätzen. München, mit Katarina Witt und IOC-Vizechef Thomas Bach prominent besetzt, setzte ganz auf seine Erfahrung als Ausrichter großer Ereignisse und versuchte mit dem Thema Zahl und Begeisterung der Zuschauer zu punkten. Auch wurde der Aspekt aufs Tableau gebracht, dass München die erste Stadt sein könnte, die sowohl Sommer- als auch Winterspiele ausrichtet. Annecy setzte ganz auf Emotionen und Landschaft. Das Rennen schien immer enger zu werden. Nur wenige Tage vor der Entscheidung versammelten sich die Bürger der Region PyeongChang auf dem Hochpass Daegwallyeong. Warum, verrät Yeom Don-seol (염돈설), Chef einer Pro-Olympia-Bürgerinitiative.

Yeom Don-seol (염돈설): „Es sind nur noch fünf Tage bis die Olympischen Winterspiele 2018 vergeben werden. Heute, einen Tag bevor unser Team nach Durban abfliegt, haben wir uns noch einmal hier auf dem Daegwallyeong-Pass versammelt, um die Berggeister um viel Glück zu bitten. Ich hoffe unsere Begeisterung wird die IOC-Mitglieder mitreißen.“

Diese Zeremonie am 1. Juli war der letzte Akt in der Bürgerkampagne für PyeongChang – Bürger landesweit hatten zuvor auf spirituell besonders bedeutenden Bergen im ganzen Land für einen guten Ausgang der Bewerbung gebetet. Begonnen hatte diese Zeremonie am 400. Tag vor Verkündung des Ergebnisses auf dem Berg Balwangsan und führte schließlich auch zu den bekannteren Bergen Taebaeksan und Hallasan. Ob es nun die Berggötter waren, die eingegriffen haben, wird wohl nicht geklärt werden können. Klar war hingegen das Ergebnis, das IOC-Chef Jacques Rogge am Donnerstag um 00:20 Uhr morgens koreanischer Ortszeit verkündete – der Sieg für PyeongChang, die Erfüllung all der lange gehegten Träume.

Kim: “Ich glaube, dass wir dieses Ergebnis erzielen konnten, ist das Verdienst aller Menschen in der Republik Korea. Ich bin so glücklich, ich bin so froh. Wir werden jetzt alle die Ärmel hochkrempeln und die Olympischen Winterspiele 2018 zu einem Erfolg machen.“

Südkoreas Ministerpräsident Kim Hwang-sik, den Sie soeben hörten, konnte wie so viele an diesem Abend seine Freude kaum in Worte fassen. Nach zwei tränenreichen Missionen, nach denen viele Korea schon abgeschrieben hatten, nun dieses Comeback – ein wahres olympisches Märchen. Doch es ist erst der Beginn einer neuen Herausforderung für PyeongChang, denn jetzt beginnen die konkreten Vorbereitungen für die besten Olympischen Spiele aller Zeiten, die man der Welt versprochen hat.

Um die Spiele effizient zu organisieren wird der Kreis PyeongChang zu einer sogenannten “Olympischen Sonderzone” ernannt. Der Hochgeschwindigkeitszug KTX erhält eine neue Strecke in die östliche Gangwon-Provinz. Zum Vorbild nimmt sich die Provinz die Entwicklung von Lake Placid, einem verschlafenen Nest von gerade einmal 3.000 Einwohnern – bis es zwei mal die Olympischen Spiele ausrichtete und ein international bekanntes Wintersportmekka wurde. Die vielen Planungen für PyeongChang, die sich in den vergangenen Jahren angehäuft haben, werden nun tatsächlich umgesetzt. Doch nicht nur für die Region selbst, für ganz Korea ist Olympia eine große Chance, erklärt Generalsekretär Ha Do-bong(하도봉):

Ha Do-bong (하도봉): “Ohne Frage werden die Winterspiele in PyeongChang zu einer Verbesserung von Koreas Image und Status in der Welt beitragen. Es gibt nur fünf Länder weltweit, die alle vier großen Sportveranstaltungen, also Sommer- und Winterspiele, Fußball-WM und Leichtathletik-WM ausgerichtet haben. Korea wird 2018 mit den Winterspielen in PyeongChang dann die sechste Nation, der dies gelingt. Der Sport wird das Wachstum Koreas beflügeln.“

N: Internationale Großereignisse bringen immer einen Imagegewinn für den Gastgeber mit sich, das war bei Olympia 1988 in Seoul so und auch bei der WM 2002. Für die Leichtathletik-WM in Daegu diesen Sommer erwartet man sich ähnliches. Professor Seo Gyeong-deok(서경덕) von der Sungshin-Universität, der in Korea bekannt ist, weil er Großkampagnen zur koreanischen Insel Dokdo u.a. auf dem New Yorker Times Square platzierte, betont, dass die Strategie der Imagepflege über Großereignisse im Falle Koreas sehr effektiv ist und beibehalten werden sollte.

Seo Gyeong-deok (서경덕): “Nach Olympia 1988 wurde der Welt überhaupt erst richtig bewusst, dass es ein Land namens Korea gibt. 2002 zur WM wurde dann die koreanische Kultur bekannter. Und 2018 wird sicher eine weitere großartige Chance Koreas Image zu verbessern. 1988 zu den Sommerspielen war Seoul für mehr als zwei Wochen in allen Medien, zur WM 2002 war Korea fast einen Monat lang eines der Hauptthemen und natürlich wird man 2018 PyeongChang ausgiebig weltweit vorstellen.“

N: Korea war einst ein unterentwickeltes und bitterarmes Land, zerstört durch einen Krieg, wobei dieser Krieg der einzige Grund war, warum Menschen das Land überhaupt kannten. Erst mit der erfolgreichen Ausrichtung des wohl größten denkbaren Ereignisses überhaupt, den Sommerspielen, im Jahr 1988 in Seoul, fasste das Land endgültig Vertrauen in sich selbst, was Gesellschaft und Kultur in der Folge enorm befeuerte. Die Olympischen Spiele 1988 waren auch ökonomisch ein großer Erfolg: Durch Übertragungsrechte und ausländische Besucher nahm man über 390 Millionen Dollar ein. Professor Seo ist sich sicher, dass die Winterspiele noch erfolgreicher werden.

Seo Gyeong-deok (서경덕) : “Die ökonomischen Effekte von Olympia sind enorm. Zu reinen Produktions- und Arbeitsplatzeffekten kommt auch ein Aufschwung durch die große Zahl der ausländischen Touristen. Indirekt wirkt sich zudem die Image-Verbesserung positiv auf die Wirtschaft aus. Laut neuesten Schätzungen dürfte Olympia 20 Billionen Won an Produktionseffekten, 8 Billionen Won an Mehrwert und bis zu 230.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Die Provinz Gangwon erwartet bis zu 200.000 ausländische Besucher während der Spiele.“

Was in sieben Jahren sein wird, kann niemand genau sagen, aber klar ist, dass die Vergabe der Spiele nach Korea für große Veränderungen und neue Entwicklungen im Land sorgen wird. Hören wir Sportkolumnist Shin Myung-cheol dazu:

Shin Myung-cheol (신명철): “Wenn eine Nation sich erst einmal ein internationales Ereignis gesichert hat, wandelt sich das Image des betreffenden Sports im Land. Die Wettkampfstätten können bereits vor und auch noch nach dem eigentlich Ereignis genutzt werden, sodass viele Menschen die jeweilige Sportart zu ihrem Hobby machen, was wiederum den Markt für diese Sportart vergrößert. Korea wird eine Menge guter Leute in vielen Disziplinen aufbieten können, die die Konkurrenzfähigkeit des Landes im internationalen Sport verbessern werden.“

Sieben Wettkampfstätten sind bereits fertig und werden von Sportlern fürs Training genutzt, die anderen sechs sollen bereits bis 2016 fertiggestellt sein, also zwei Jahre vor den Olympischen Spielen. Dadurch werden rechtzeitig zu Olympia bereits perfekte Trainingsbedingungen für alle koreanischen Wintersportler bestehen. Der Traum vom Olympiasieg dürfte angesichts einer solchen Umgebung ganz natürlich in vielen jungen Nachwuchstalenten heranreifen und eine neue Tradition des Wintersports in Korea begründen.

Man sagt, Träume werden nicht aus Logik geboren, sondern aus Hoffnungen. Wer träumen will, solle deshalb nicht sein Hirn anstrengen, sondern seinem Herz freien Lauf lassen. PyeongChang hat seine Hoffnung nie aufgegeben und so neue Horizonte für Nachwuchstalente geöffnet. Dabei hat man die technische Seite von Olympia nie vergessen und zur einzigartigen Begeisterung der Bevölkerung topmoderne Wettkampfstätten und ein intelligentes Gesamtkonzept geliefert. Das Wintermärchen PyeongChangs ist mit dem deutlichen Sieg in Durban noch längst nicht vorbei, im Gegenteil; es hat gerade erst so richtig begonnen.

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