• Lee Jung-seop, Mensch und Maler. Rufe der Hoffnung inmitten der Sehnsucht.

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  • Lee Jung-seop, Maler. Geboren 1916, gestorben 1956. Vorreiter der koreanischen Moderne. 2016 erinnern Ausstellungen, Seminare, sowie Tanz-, Theater- und Musikdarbietungen an einen der höchstgeschätzten Maler Koreas, der in diesem Jahr 100 Jahre als geworden wäre. Wir wollen uns heute auf die Spuren von Lee Jung-seop begeben und versuchen, das Leben dieses großen Künstlers dokumentarisch nachzuzeichnen.



    1916. Korea befindet sich unter japanischer Kolonialherrschaft. Eine harte Bewährungsprüfung für das Land. In diesem Jahr, am 16. September, kommt in Pyeongwon-gun in der Provinz Süd-Pyeongan Lee Jung-seop als jüngster Sohn eines Großgrundbesitzers zur Welt. Doch als er fünf Jahre alt ist, stirbt der Vater, und er zieht zur Familie der Mutter nach Pjöngjang. Hier kommt er zum ersten Mal in Kontakt mit Kunstwerken, die zu einem wichtiger Impuls für seine späteren künstlerischen Aktivitäten werden sollen. Kim In-hye, Kuratorin von der Nationalgalerie für moderne Kunst erklärt:

    Kim In-hye: Sein Vater starb früh und er ging dann mit seiner Mutter nach Pjöngjang, wo er die Grundschule besuchte. Zu dieser Zeit wurden in der Nähe von Pjöngjang Ausgrabungen gemacht und dabei die Reste des Gangseo-Grabes freigelegt. Das Grab ist ja bekannt für die prächtigen farbenfrohen Darstellungen der legendären vier Schutzgottheiten: blauer Drachen, weißer Tiger, roter Phönix und schwarze Schildkröte. Diese kraftvollen Bilder unserer Vorfahren, die er nun dort zu sehen bekam, haben Lee Jung-seop stark beeinflusst und in vielen seiner Werke finden sich Spuren davon, besonders in den Bildern, wo Wesen zu sehen sind, die halb Stier, halb anderes Tier zu sein scheinen.

    Auf dem Gemälde „Freude“ aus dem Jahre 1955 sieht man eine wolkenverhüllte Sonne zwischen zwei Hühnern, umrahmt von einem Muster, das an die Wandmalereien von Goguryeo erinnert. Die Hühner ähneln in ihrer Gestalt dem legendären Phönixvogel. Die ästhetischen Besonderheiten der Grabmalereinen aus Goguryeo scheinen hier sehr deutlich durch.

    Im Jahre 1923, im Alter von 7 Jahren, trifft Lee Jung-seop einen Jungen, mit dem ihm eine ganz besondere Freundschaft verbinden soll.

    Kim Byeong-gi: Hier liegt das Daedongmun. Wenn man dann da weiter hinuntergeht, kommt man zu unserer Grundschule, die früher Allgemeine Schule von Jongno hieß. Lee Jung-seop war in meiner Klasse. Vom ersten bis zum sechsten Schuljahr. Sechs Jahre haben wir ganz nah beieinander verbracht.

    Kim Byeong-gi ist heute 100 Jahre alt. Sein Vater Kim Chan-yeong war Maler und zählte zur ersten Generation derjenigen, die in Korea im westlichen Stil malten. Wie sein Vater wurde Kim Byeong-gi später ebenfalls Maler. Zu seiner Schulzeit lud er seinen Klassenkameraden Lee Jung-seop oftmals zu sich nach Hause ein, wo sie gemeinsam im Atelier des Vaters spielten. Hier, inmitten von Bildern, Leinwänden, Farben und Pinseln, begann Lee Jung-seop, der sich schon früh für die Malerei interessierte, davon zu träumen, ebenfalls Maler zu werden, genauso wie der berühmte Vater seines Freundes.


    Im Jahre 1931, als Lee Jung-seop 15 Jahre alt war und auf die allgemeine Oberschule Osan in Jeongju in der Provinz Nord-Pyeongan kam, sollte es zu einer weiteren schicksalshaften Begegnung kommen. Sein Kunstlehrer an jener Schule war der Maler Im Yong-ryeon, der in Amerika an der Yale University Kunst studiert und auch eine Weile in Paris verbracht hatte. Von ihm sollte Lee Jung-seop eine ganze Menge lernen und Anstöße in Richtung westlicher Malerei erhalten.

    Schüler (15 Jahre): So mal Jung-seop, wo rennst du eigentlich nach dem Unterricht immer so eilig hin?
    Lee Jung-seop (leise): Naja... Da drüben... Auf dem Hügel...
    Schüler: Schaust du dir da wieder die Kühe an?
    Lee Jung-seop: Warum willst du das wissen?
    Schüler: Du machst mir wirklich Sorgen. Was soll ich denn denken, wenn ich sehe, wie du den Kühen Küsschen gibst.
    Lee Jung-seop: Wieso, ich will mir die Kühe halt gerne einmal aus der Nähe ansehen.
    Schüler: Das darf ja wohl nicht wahr sein. (Laut) Hey, alle mal herhören, der Jung-seop knutscht mit Kühen!


    Lee Jung-seop, der gleich nach der Schule auf die Weide lief und dort bis zum Sonnenuntergang die Kühe betrachtete, galt unter seinen Mitschülern als „Kuhnarr“. Doch sein ausgeprägtes Interesse für Kühe entsprang vielleicht einem tieferen ästhetischen Verständnis. Vielleicht erkannte der junge Lee Jung-seop in der Gestalt der Kuh das Wesen des koreanischen Volkes wieder, aufrecht, ausdauernd, stark. Die Kuh galt als Symbol des koreanischen Volkes und in der Zeit der japanischen Besatzung Koreas war das Zeichnen von Kühen sogar bei Strafe verboten. Doch die Kuh- und Ochsen-Gemälde, die Lee Jung-seop seit seiner Schulzeit zu zeichnen begann, wie etwa „Weißer Ochse“, mit kraftvollen weißen und schwarzen Strichen gezeichnet, oder „Ochse“, mit einem roten Sonnenuntergang als Hintergrund bringen die Trauer eines Volkes, das seines Landes beraubt wurde, unmittelbar zum Ausdruck.

    Kunstkritiker Oh Gwang-su erklärt zum Frühwerk Lee Jung-seops Folgendes:

    Oh Gwang-su: Eine Besonderheit Lee Jung-seops sind die epischen Momente in seinem Werk. Man bekommt den Eindruck, dass er schon in seiner Frühphase eine klare Vorstellung davon besaß, in welche Richtung er gehen wollte und sich diese Entwicklung sich dann bis in seine spätere Werke fortsetzte.

    1935 ging Lee Jung-seop nach Japan, um dort ein Studium der Malerei zu absolvieren. Die Kunstakademie, die er dort besuchte, respektierte, anders als manch andere im militaristischen Japan, die Individualität und Eigenständigkeit ihrer Schüler, so dass Lee Jung-seop dort seinen eigenen Stil weiterentwicklen konnte. Besonders ausgeprägt war seine Vorliebe für einen dicken, kräftigen Pinselstrich, wie man ihn beispielsweise auch bei Georges Rouault findet. Kuratorin Kim In-hye erläutert:

    Kim In-hye: Rouault ist für seine besonders dicken schwarzen Umrisslinien bekannt. Ähnlich dicke Umrisslinien finden wir auch in vielen Werken Lee Jung-seops. Vielleicht deshalb werden hier oft Analogien zu Rouault gebildet. Das bedeutet aber nicht, dass Lee Jung-seop ausschließlich Rouaults Ästhetik gefolgt wäre. Auch für Picasso hat er sich sehr interessiert. Und auch durch den italienischen Surrealismus ist er in jener Zeit stark beeinflusst worden.

    1938. Lee Jung-seop gewinnt mit seinen bei der „Gesellschaft freier Künstler“ eingereichten Werken den Hauptpreis und erlangt so erstmals größere Anerkennung. Kurze Zeit später entsteht das Bild „Stehender Ochse“, auf dem ein gehörnter Ochse jeden Moment zum Angriff anzusetzen scheint. Das Werk „Vollmond“, das der Trauer des koreanischen Volkes in Zeiten der Kolonialisierung Ausdruck verleiht, gewinnt auf einer weiteren Ausstellung den Sonderpreis. Während seiner Studienzeit in Japan sind seine Bilder ganz erfüllt vom Geist des koreanischen Volkes, doch auch japanische Künstler sind von der Leidenschaft und künstlerischen Qualität seiner Werke angetan.

    Lee Jung –seop (22 Jahre) leise vor sich hin murmelnd: Da habe ich wohl ein bisschen zu fleißig gemalt. Der Pinsel hier ist jedenfalls nicht mehr zu gebrauchen.
    Masako: Entschuldigung... Sind Sie Herr Lee Jung-seop?
    Lee Jung –seop (22 Jahre): Ja, aber woher kennen Sie mich? Wer sind Sie denn?
    Masako: Ich heiße Masako. Ich besuche die gleiche Fakultät wie Sie und bin zwei Jahrgänge unter Ihnen. Ich komme zu Ihnen, weil ich gerne einige Ihrer Bilder kaufen möchte. Sie gefallen mir außerordentlich gut.
    Lee Jung –seop (22 Jahre): Meine Bilder? Sie haben meine Bilder gesehen?
    Masako: Herr Suda hat Sie im Unterricht immer gelobt. Er meinte, Ihre Bilder seien ganz erstaunlich, und Sie würden bestimmt einmal ein hervorragender Maler werden.


    Masako Yamamoto, Studentin an der gleichen Kunsthochschule wie Lee Jung-seop, sollte später seine Frau werden.

    Masako Yamamoto: Mein Mann hatte eine besondere Leidenschaft für ländliche Szenen. Ich habe ihn einmal gefragt, weshalb er denn so gerne Kühe male, und da meinte er, ihm gefielen vor allem ihre langen Augenwimpern, ihr unschuldiger Blick und ihr mit Kot verschmierter Hintern.

    Mit Masako verband ihn ein vetrauensvolles, inniges Verhältnis, das der politischen Situation trotzte. Doch mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor und dem sich verschärfenden Krieg im Pazifik änderte sich die Lage des jungen Paares. Viele Koreaner, die sich in Japan aufhielten, entschieden sich nun, nach Korea zurückzukehren und auch Lee Jung-seop brach 1943 auf, um wieder in Wonsan bei seiner Familie zu wohnen. Mit Masako musste er sich fortan Postkarten schreiben. Doch handelte es sich dabei um ganz besondere Postkarten, wie Kuratorin Kim In-hye erklärt:

    Kim In-hye: Die einzigen Worte, die auf diesen Postkarten zu lesen waren, waren Name und Adresse. Ansonsten waren nur die Bilder darauf, die sich einander malten. Lee Jung-seops Sehnsucht nach Masako drückt er manchmal in sehr direkten Bildern, manchmal aber auch in allegorischen Andeutungen aus. Die Ausdruckskraft seiner Bilder kommt auf diesen Postkarten sehr gut zur Geltung.

    Im Mai 1945 kommt Masako nach Korea, und die beiden heiraten. Lee Jung-seop nennt seine Frau, die für ihn viel geopfert hat mit dem koreanischem Namen Lee Namdeok, was in etwa so viel bedeutet wie „Frau der Tugend, in den Süden gezogen“.

    Lee Jung-seop (31 Jahre): So, dann kommt hier die Blume hin, hier der Pfirsich, und die Kinder daneben...
    Gu-sang (28 Jahre): Jung-seop, sag mal, bist du noch bei Trost? Dein Sohn ist tot und du hast nichts Besseres zu tun, als zu malen? Dein kleiner Sohn!
    Lee Jung-seop: Ja, Gu-sang, für ihn muss ich doch malen. Nicht einmal ein Jahr alt ist er geworden und soll nun dort in der Erde liegen, im Dunkeln. Und wenn er dann ganz alleine in den Himmel gehen soll, hat er bestimmt Angst... Dieses Bild will ich ihm in den Sarg legen, damit es ihn begleitet.
    Gu-sang: Und deshalb malst du Kinder, die herumspringen, herumtoben und Purzelbäume schlagen?
    Lee Jung-seop: Ja, damit er nicht alleine ist und damit er nicht weint, male ich ihm Freunde, mit denen er im Himmel spielen kann.


    Das Bild „Ein Haufen Kinder“, gemalt 1946 für den eigenen Sohn, der im selben Jahr geboren wurde, jedoch keine 10 Monate alt wurde. Das Bild, auf dem fröhlich herumtollende Kinder zu sehen sind, die mit Pfirsichen spielen, sollte dem kleinen Sohn Spielgefährten im Himmel und seinem Vater Trost auf Erden bedeuten.

    1947. Geburt von Sohn Tae-hyeon. 1949. Geburt von Sohn Tae-seong. 1950. Der Koreakrieg bricht aus. Im Dezember 1950 flüchtet Lee Jung-seop mit seiner Familie von Wonsan zunächst nach Busan und dann 1951 nach Jeju. Der Aufenthalt auf Jeju, wo sie etwa ein Jahr verbringen, wird für sie zu einer glücklichen Zeit. Dies spiegelt sich beispielsweise auch in dem Gemälde „Sehnsucht nach Jeju“ wieder, das er später malte. An Lee Jung-seops Zeit in Seogwipo erinnert auch die dortige Lee-Jung-Seop-Gallerie, die heute von vielen Touristen besucht und von Kuratorin Jeon Eun-ja geleitet wird.

    Jeon Eun-ja: Hier hat Lee Jung-seop mit seiner Familie gewohnt. Hier links, in diesem Zimmer. Gehen Sie doch einmal hinein.

    Jeju-do, Seogwipo, Jeongbang-dong 512. Gleich unterhalb der Gallerie befindet sich die frühere Wohnung von Lee Jung-seop. Ein Strohdachhaus im traditionellen Stil der Insel Jeju.

    Jeon Eun-ja: Ganz schön eng hier, nicht wahr? Das sind nicht einmal 5 Quadratmeter für vier Leute. Lee Jung-seop war 1,78 Meter groß, und so richtig bequem ausstrecken konnte er sich hier sicher nicht. Dazu noch ein paar Kleider, wenn auch sicher nicht allzu viele. Wenn die Familie hier zu viert geschlafen hat, durfte und konnte sich vermutlich niemand bewegen.

    Und dies waren sicher nicht die Verhältnisse, die Lee Jung-seop als Sohn eines Großgrundbesitzers normalerweise gewohnt war. Aber dennoch war die Zeit auf Jeju für ihn eine glückliche, ja, beinahe paradiesische Zeit, die ihn in vieler Hinsicht prägen sollte.

    Jeon Eun-ja: Beinahe jeden Tag ist er mit den Kindern und seiner Frau hier zum Strand hinuntergegangen. Wenn sie die Steine umdrehten, konnten sie die Krebse sehen. Und das Geräusch der Wellen vermischte sich bestimmt mit dem Lachen der Kinder. Ein warmer, liebevoller Ort, wo die Kinder nach Lust und Laune herumtoben konnten. Lee Jung-seop hatte nicht nur für seine eigenen, sondern für alle Kinder einen liebevollen Blick, und viele seiner Bilder, beispielsweise „Drei Kinder, mit Fischen spielend“ sind auf der Grundlage von Eindrücken entstanden, die er hier am Strand machen konnte.

    Am Strand von Jaguri, wo seine beiden kleinen Söhne die Krebse unter den Steinen entdecken konnte, malte Lee Jung-seop einige Bilder, in denen diese fröhliche Atmosphäre sehr lebendig eingefangen ist, so beispielsweise „Zwei Kinder mit Fischen und Krebsen“ oder auch „Blumen und Kinder und Krebs“.

    Jeju muss für ihn wie ein paradisischer, utopischer Ort gewesen sein. Ein traumhafter Ort außerhalb der geographischen und zeitlichen Realität und fernab politischer und geschichtlicher Ereignisse und Umbrüche. Auf seinen Bildern sieht man Kinder, die auf dem Rücken von Vögeln fliegen, Kinder mit Früchten am Meer und warme südliche Landschaften. Auf den Bildern, die Lee Jung-seop im Jahre 1951 malt, ist von dem Krieg, der auf der koreanischen Halbinsel tobt, nichts zu spüren.



    Doch im Dezember 1951 bricht die Familie in der Hoffnung, ihr altes Leben wieder aufnehmen zu können, aus Jeju in Richtung Busan auf. Aber der Krieg ist noch nicht vorbei, und die Situation auf dem Festland ist, wie sich herausstellt, weitaus schwieriger als auf Jeju. So kommen sie schließlich zu dem Entschluss, dass die Kinder mit der Mutter nach Japan gehen und der Vater allein in Korea zurückbleiben soll. Es ist Winter und Lee Jung-seop leidet nun nicht nur unter der Kälte, sondern vor allem auch unter der Einsamkeit. Geboren als jüngster Sohn eines Großgrundbesitzers haust er nun in einer zugigen Bretterbude. Seine Familie ist weit weg. Vielleicht, so mag er sich gedacht haben, ist es besser, dass seine Frau und seine beiden Söhne nicht miterleben müssen, in welch schwieriger Lage und trister Stimmung er sich befindet.

    Lee Tae-seong, zweiter Sohn, liest aus einem Brief: Yasunari, geht es Dir gut? Hast Du Freunde gefunden? Und du bist doch lieb zu Deinem großen Bruder, oder? Ich habe Dich und Yasukada und die Mama sehr lieb. Ihr fehlt mir sehr. Seid lieb zueinander und sag den anderen, dass ich gesund bin und fleißig Bilder male. Alles Liebe, Dein Papa.

    Wenn Lee Tae-seong, Lee Jung-seops zweiter Sohn, aus den Briefen seines Vaters liest, kling Rührung mit. Je härter sich sein Leben anfühlte, in desto freundlicheren Tönen malte es Lee Jung-seop in den Bildern, die er den Briefen beifügte. Wieder werden diese Bildern für ihn ein Weg, die Entfernung zu seiner Familie zu überwinden und sich selbst neue Energie zu verschaffen. Doch sein Alltag ist hart. In Busan arbeitet er nun als Arbeiter in einer Werft.

    Kim (Mitte 40): (laut rufend): He! Lee! Lee! Der soll hier doch arbeiten und Gepäck schleppen, was macht der denn da die ganze Zeit in der Ecke?
    Choi (Mitte 50): Ach, vergiss den Herrn Künstler. Das machen wie alleine. Sieh Dir das an, jetzt kratzt er mit einem Nagel auf dem Silberpapier herum, das er von den Zigaretten abgewickelt hat.
    Kim: Letztes Mal hat er doch schon Ärger bekommen weil er auf dem Holz herumgemalt hat, und jetzt malt er auch noch auf das Staniolpapier für die Zigaretten?
    Choi: Sind Künstler alle so verrückt? Dass sie auf jedem Fitzelchen Müll partout noch herummalen müssen?


    Kunstkritiker Oh Gwang-su sieht in den Aktivitäten Lee Jung-seops weniger eine Manie, sondern vielmehr einen Ausdruck des künstlerischen Selbsterhaltungstriebs:

    Oh Gwang-su: Wenn man sich seine Werke aus jener Zeit ansieht, kann man feststellen, dass er beinahe vollkommen ohne Material hat auskommen müssen. Kaum etwas ist auf Leinwand gemalt. Es scheint, als habe er sich gesagt: Ich lebe, um zu malen, und wenn ich nicht malen kann, dann existiere ich gar nicht, also muss ich malen, sei es auf Pappe, auf laminiertes Papier, nur dann habe ich Hoffnung, nur dann kann ich meiner Familie begegnen. Sogar auf dem Staniolpapier für Zigaretten hat er mit spitzen Gegenständen gezeichnet. Sein Gefühl für Linien kommt dabei besonders gut zur Geltung. Es sind wirklich eigenständige, vollendete Kunstwerke.

    Leute beim Lesen der Zeitung, gemalt auf Silberpapier. Spielende Kinder auf der Pfirsichplantage, gemalt auf Silberpapier. Gerade unter größten Beschwernissen kann Kunst aufblühen. Heute sind diese Werke ausgestellt im Museum of Modern Arts in New York.

    1953. Yu Gang-ryeol, der in Tongyeong eine Ausbildungsstätte für Lackiertechniker leitet, hat gehört, dass Lee Jung-seop sich in Busan mühsam als Werftarbeiter über Wasser hält. Er sucht ihn in Busan auf und überredet ihn, zu ihm nach Tongyeong zu kommen. Fest angestellt ist Lee Jung-seop dort zwar nicht, doch kann er an der Schule unterrichten und auch selbst wieder künstlerisch arbeiten. Kim Seong-su, heute Leiter des Ottchil Art Museum in Tongyeong und damals Schüler von Lee Jung-seop, erinnert sich

    Kim Seong-su: Ich weiß noch, wie er dort am Balkon stand und die ganze Zeit den Zeichenblock in der Hand hatte. Von dort konnte man das Meer sehen und die Telegraphenmasten. Es kam mir so vor, als ob er auf dem Zeichenblock im Grunde nur herumgekritzelte, und ich habe mich gefragt, was das denn solle. Aber später, als ich das Gemälde „Mond und Krähe“ gesehen habe, ging mir auf, dass es eindeutig dort enstanden sein musste. Es ist genau diese Ansicht. Und danach hat er dann etwas gemalt, das sehr dick und irgendwie verknotet aussah. Das war eines seiner Ochsenbilder.

    In Tongyeong, das vom Krieg weitgehend unberührt blieb, entstanden rund 35 Bilder, darunter „Mond und Krähe“, „Dowon“ und „Weißer Ochse“, die heute zu seinen berühmtesten Werken zählen. Der Dichter Gang Je-yun meint zu Lee Jung-seops Zeit in Tongyeong:

    Gang Je-yun: Er hat die Wirren des Krieges durchlebt und in seinem Leben enorme Spannungen aushalten müssen. Immer auf der Flucht, immer umherziehend, immer in instabilen Verhältnissen lebend. Nun wo er hier in Tongyeong erstmals in ein Umfeld kommt, das ihm Sicherheit vermittelt, scheint alles aus ihm herauszubrechen, das sich so lange angestaut, aber bis dahin nicht hinausgefunden hat.

    1954. Lee Jung-seop geht nach Seoul. Dort wohnt er in einem Haus in Nusang-dong. Er träumt davon, seine Familie wiederzusehen, aber dafür brauchte er eine stabile Lebensgrundlage. So arbeitet er emsig und eröffnet im Januar 1955 in der Midopa-Gallerie erstmals eine eigene Ausstellung. Dort zeigt er unter anderem 41 Ölgemälde und rund 10 Zeichnungen. Die Ausstellung, die seine einzige private Ausstellung bleiben wird, ist erfolgreich, aber reich wird er dadurch nicht. Dies hängt auch damit zusammen, dass er einen Großteil des Geldes, das er für verkaufte Bilder einnimmt, mittlerweile für Alkohol ausgibt. Verzweifelt stürzt er sich in die künstlerische Arbeit, doch eher im Sinne einer Realitätsflucht denn einer Realitätsbewältigung. Und so hilft ihm die Arbeit nicht, seinen Schmerz über die Trennung von seiner Familie, seine Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu überwinden. Sein Gesundheitszstand verschlimmert sich und am 6. September 1956 erliegt Lee Jung-seop im Alter von nur 40 Jahren einer Hepatitis. Sein alter Freund Kim Byeong-gi erinnert sich:

    Kim Byeong-gi: Ich hörte, dass Jung-seop im Rote-Kreuz-Spital liege, und bin gleich hingegangen. Aber er war nicht da. Er lag in der Leichenhalle. Keinerlei Verwandten waren gekommen, um sich von ihm zu verabschieden. Als ich das sah, sagte ich ein paar Freunden bescheid, und es kamen etwa 20 Leute, um gemeinsam zum Krematorium nach Hongje-dong zu gehen und die Einäscherung zu begleiten.

    Einige Freunde übernehmen die traditionelle dreitägige Totenwache, und Lee Jung-seop wird auf dem Friedhof Manguri begraben. Weil er seine Frühwerke in Wonsan zurückgelassen hat, existieren hiervon keine Originale mehr, und auch über das Spätwerk gibt es keine genauen Aufzeichnungen darüber, wann wo was entstanden ist. So gerät er nach seinem Tode nahezu völlig in Vergessenheit.

    Erst in den 1970er Jahren, als in Seoul viele Gallerien entstehen, dringt der Name Lee Jung-seop wieder verstärkt ins Bewusstsein der koreanischen Kunstszene. Begonnen mit einer Ausstellung der Modernen Gallerie Seoul im Jahre 1972 wird dem Werk Lee Jung-seops nun nach und nach die Anerkennung zuteil, die es verdient. Kuratorin Kim In-hye, die in diesem Jahr eine Ausstsellung anlässlich des 100. Geburtstages von Lee Jung-seop organisiert, erklärt:

    Kim In-hye: Wenn man Koreaner fragt, wen sie als repräsentativen Maler des koreanischen Volkes betrachten, fällt vielen Lee Jung-seop ein. Ein wichtiger Grund dafür ist sicher, dass er die schwerste Zeit, die Korea erfahren hat, intensiv durchlebt hat und dann gestorben ist. In einer Welt, in der es für Koreaner, mochten sie auch noch so begabt und tüchtig sein, kaum möglich war, ihre Fähigkeiten zu entfalten. In einer so dunklen Zeit malt er Bilder von einem Paradies, in dem lebensfrohen und unschuldigen Kindern herumspringen. Das ist schon ein enormer Gegensatz. In der Kunst scheint Lee Jung-seop seine Rettung gefunden zu haben. Dieser Glaube an die Kunst ist wohl etwas, das seine Werke über alle Generationen hinweg vermitteln.

    Neben seinen Bildern hat Lee Jung-seop auch ein einziges Gedicht hinterlassen. Es trägt den Titel „Die Worte des Ochsen“ und lautet wie folgt:

    Hoher, klarer, wahrhaftiger Atem
    Komm herab, komm nun herab.
    Komm anmutig herab, hierhin.
    Türme dich auf und fließe über.
    Das Leben, einsam, traurig, voller Sehnsucht,
    ist schön.
    Ich öffne beide Augen, hell und klar, und mein Herz, frei und unbeschwert.