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2009-01-28

FRAGE: Joachim Kunze aus Mainz interessiert sich für den nordkoreanischen Film und möchte etwas Näheres über nordkoreanische Filme allgemein und die Entwicklung des nordkoreanischen Films wissen.

A: Da Nordkorea immer noch ein äußerst isolierter Staat ist, ist es nicht ganz einfach, etwas über den nordkoreanischen Film zu sagen. Von nordkoreanischer Seite ist es in offiziellen Medienberichterstattungen üblich, die eigene Filmindustrie über den grünen Klee zu loben und zu behaupten, dass die „revolutionären Völker der Welt“ die koreanische Filmkunst als erstklassig und von internationalem Standard loben. Die „nicht-revolutionären Nationen der Welt“ betrachten den nordkoreanischen Film eher mit einer gewissen Herablassung, was in den nordkoreanischen Medien natürlich keine Erwähnung findet. Es ist auch nicht einfach, Zahlen über die von Nordkorea gedrehten Filme zu finden. 1992 etwa berichtete Asiaweek, dass Nordkorea jährlich an die 80 Filme produziere, die BBC sprach 2001 in einem Bericht von 60 Filmen pro Jahr. Dem stehen andere Angaben von Teilnehmern des im Jahr 2000 abgehaltenen Pjöngjang Filmfestivals der Blockfreien und anderer Entwicklungsländer entgegen. Danach sollen auf diesem wichtigsten nordkoreanischen Filmfestival, das seit 1987 alle zwei Jahre stattfindet, nur ein Spielfilm und ein Dokumentarfilm gezeigt worden sein. Berücksichtigt man weiterhin nordkoreanische Angaben von 1998, dass bis dahin nur 259 Filme in Nordkorea gedreht worden sein sollen, ist anzunehmen, dass die vorhin genannten Zahlen von 60 bis 80 Filmen pro Jahr auch Kurzfilme, Zeichentrickfilme und Serienproduktionen umfassen.

Nordkoreas Hauptproduzent von Spielfilmen ist das 1947 gegründete Koreanische Filmstudio, das sich außerhalb von Pjöngjang befindet. Daneben gibt es noch das 1946 gegründete Filmstudio für Dokumentarfilme, das 1959 eingerichtete April 24 Filmstudio der nordkoreanischen Volksarmee und das 1953 gegründete April 26 Filmstudio für Kinderfilme und für Bildung und Wissenschaft, kurz SEK. Neben Zeichentrickfilmen für den heimischen Markt produziert SEK auch für den internationalen Animationsmarkt, da die Qualität gut und die Produktionskosten niedrig sind. Walt Disneys König der Löwen von 1994 und Pocahontas von 1995 entstanden zum Teil in Nordkorea.

Die nordkoreanischen Filme sind natürlich voller Ideologie und werden als Mittel zur Propagierung des korrekten Denkens eingesetzt. Beispiele dafür sind der Film Schicksal eines Mitglieds des Selbstverteidigungscorps, der auf einem Roman von Staatsgründer Kim Il-sung beruht und die Selbstaufopferung für die Nation thematisiert. Ein weiteres Thema ist Widerstand gegen äußere Mächte, zu sehen zum Beispiel in Pibada, Ein Meer von Blut, aus dem Jahr 1969. Erzählt wird die Geschichte einer Bäuerin, die durch ihren Widerstand gegen die Japaner zur Nationalheldin wird. Ebenfalls beliebte Themen sind das Glück in der bestehenden Gesellschaft. Die Titel der folgenden, vor 1974 mit dem Volkspreis ausgezeichneten Filmen sprechen für sich: Eine Arbeiterfamilie, Ein blühendes Dorf, Wenn die Äpfel gepflückt werden usw.

Betrachten wir etwas den nordkoreanischen Film in der Entwicklung. Nach der Befreiung von der japanischen Kolonialherrschaft im Jahre 1945 wurden Filme mit Titeln wie Unser Aufbau im Jahre 1946 und Meine Heimat im Jahre 1949 gedreht. Mit Ausbruch des Koreakrieges im Jahr 1950 werden die Themen deutlich militärisch und auch ideologisch: 1950 etwa erschien Gerechter Krieg, 1951 Partisanen-Jungs und 1952 Wieder an die Front. Nach Kriegsende 1953 stand der Wiederaufbau im Vordergrund mit Titeln wie Die Straße des Glücks aus dem Jahr 1956 und Liebe die Zukunft aus dem Jahr 1959.

Das Jahrzehnt von 1960 bis 1970 ist filmemäßig recht mager. Hauptsächlich zu erwähnen ist Pibada, Ein Meer von Blut, aus dem Jahre 1969, eine zweiteilige Mammutproduktion, deren Dreharbeiten von Kim Jong-il höchstpersönlich beaufsichtigt wurden.
Nachdem der damalige Regimechef Kim Il-sung die von ihm begründete Juche-Ideologie der totalen Autarkie auch auf die Kunst übertragen hatte, entstanden in der Dekade von 1970 bis 1980 wieder stark ideologiebeladene Filme wie an Titeln wie Das Volk singt für den väterlichen Führer oder Die Strahlen von Juche verbreiten sich über die ganze Welt hervorgeht. Einer der bekannteren Filme der Zeit ist der Film Kkotpaneun Cheonyeo, Das Blumenmädchen, der auf dem 18. Internationalen Filmfestival im tschechischen Karlsbad mit einem Sonderpeis ausgezeichnet wurde. Erzählt wird die tragische Geschichte einer Familie, die während der japanischen Besatzungszeit von den Kapitalisten ausgebeutet wurde. Typisch für diese Zeit ist auch, dass beliebte Stoffe in anderen Genres wie Musicals oder Balletts weiterverarbeitet wurden.
Die 20-teilige Spionageserie über den Koreakrieg, Unbekannte Helden, die von 1978 bis 1981 herausgebracht wurde, ist ebenfalls international weiter bekannt, da sie in China 2003 als DVD erschien und 2007 auf einem Filmfestival in Japan gezeigt wurde. 1996 machte der Film zudem etwas Furore, als man in den USA feststellte, dass es sich bei einem der Darsteller um den amerikanischen Überläufer Charles Robert Jenkins handelte, der tot geglaubt worden war.

Das Jahrzent von 1980 bis 1990 weist in der Filmproduktion eine gewisse Abkehr von ideologisch-dogmatischen Stoffen auf. Als Beispiele dafür sind die Verfilmung traditioneller koreanischer Volkserzählungen zu nennen, die auch im Süden mehrfach dramatisiert wurden. Hierzu gehören etwa Die Geschichte der treuen Chunhyang aus dem Jahr 1980, in der es um Liebe und Treue über die sozialen Schichten hinaus geht, und Hong Kil-dong aus dem Jahre 1986. Der Film erzählt die Geschichte des koreanischen Robin Hood.
Der international bekannnteste Film der Zeit dürfte aber der Science-fiction Monsterfilm Pulgasari aus dem Jahr 1985 sein, der von dem gekidnappten südkoreanischen Regisseur Shin San-ok gedreht wurde. Auch die Zeichentrickfilme, die in dieser Dekade für den einheimischen Konsum produziert wurden, sollen weniger dogmatisch als zuvor sein.


Von 1990 bis 2000 ist als Hauptproduktion Die Nation und das Schicksal zu nennen, eine 56-teilige Serie von Filmen, die von 1992 bis 1999 herauskam. Hier geht es v.a. um das Leben und Werk großer Koreaner wie den Komponisten Yun I-sang. Nach der Jahrtausendwende gab es im Zeichen der innerkoreanischen Annäherung eine Reihe von süd-nordkoreanischen Koproduktionen, so den Zeichentrickfim Kaiserin Chung aus dem Jahr 2005, der als erster überhaupt in beiden Teilstaaten gleichzeitig ins Kino kam. Auch die 3-D Zeichentrickfilmserie Lazy Cat Dinga ist eine Koproduktion, die allerdings nur in Südkorea gelaufen ist. Pororo, der kleine Pinguin, ein Zeichentrickerfolg in Südkorea, war hingegen auch im Herstellungsland Nordkorea zu sehen. Der 2006 auf dem Filmfestival in Pjöngjang vorgestellte Film Das Tagebuch eines Schulmädchens dürfte der erste Film seit mehreren Jahrzehnten sein, der in den Westen verkauft wurde, nämlich an die französische Filmgesellschaft Pretty Pictures, die ihn Ende 2007 dem französischen Publikum vorstellte. Der Film erzählt vom Alltag, von Hoffnung und Träumen eines nordkoreanischen Schulmädchens und ist nicht pure Propaganda. Und das, obwohl Regierungschef Kim Jong-il, der als großer Filmfan bekannt ist, persönlich als Berater bei der Erstellung des Drehbuches Pate gestanden hat.
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