Sie fragen, wir antworten

2009-06-27

FRAGE: Fritz Andorf aus Meckenheim fragt: Wie sieht es in Korea mit den Scheidungen aus? Wie viele Ehen werden geschieden? Wie alt sind die Ehepartner im Schnitt bei der Scheidung bzw. wie lange halten die Ehen in Korea im Durchschnitt? Gehen sie schon vor dem verflixten siebten Jahr in die Brüche? Was sind die Hauptscheidungsgründe? Lassen sich bestimmte Trends ausmachen?

ANTWORT: Schauen wir uns dazu mal einige Zahlen an. Ab Anfang, Mitte der 1990er Jahre hat sich die Scheidungsrate in Korea jährlich um etwa 0,5% pro Jahr erhöht. Das bedeutete etwa für 2006, dass sich 2,8 von 1000 Paaren scheiden ließen. Das machte die Scheidungsrate in Korea zur dritthöchsten in der Welt hinter den USA und Großbritannien. Dabei werden die meisten Scheidungen interessanterweise um die beiden höchsten Feiertage des Landes eingereicht, also meist nach dem Erntedankfest Chuseok im Herbst und nach dem Neujahrsfest nach Lunarkalender Ende Januar, aber auch nach dem Sommerurlaub. Das sind die Zeiten, in denen Probleme mit den Schwiegereltern und der Verwandtschaft am deutlichsten zu Tage treten und v.a. die Frauen dann kurzerhand zum Anwalt gehen. Generell besteht auch der Trend, dass Frauen eher die Scheidung einreichen als Männer. 2003 etwa wurden 66,7% aller Scheidungen von Frauen in die Wege geleitet, aber nur 30,6%, also weniger als die Hälfte, von Männern.

Ein weiterer Trend bei den Scheidungen ist, dass die Scheidungsrate unter den jungen Paaren Aufwärtstrend zeigt. Nach Angaben des Nationalen Statistikamtes lag 2007 die Scheidungsrate bei Männern im Alter von 15 bis 24 bei 48,3 pro 1000 verheiratete Männer. Das ist fast 10 Mal höher als die durchschnittliche Scheidungsrate bei allen verheirateten Männern, die bei etwa 5 von 1000 liegt, und ein 50%-iger Anstieg im Vergleich zu 2000. Die Scheidungsrate bei Frauen in derselben Altergruppe war 2007 mit 50,8 pro 1000 Frauen im Alter von 15 bis 24 sogar noch höher.
Das belegt, dass viele, die sehr jung heiraten, auch wieder schnell auseinandergehen. Hier muss man allerdings auch dazu sagen, dass diese drastischen Veränderungen, v.a. der hohe Anteil geschiedener Frauen unter 24, zum Teil damit erklärt werden können, dass seit 2000 die Zahl der internationalen Ehen stark gestiegen ist. Die jungen Bräute, von denen viele aus Südostasien oder China kommen, und die in Korea meistens aufs Land heiraten, lassen sich häufig wieder scheiden, wenn sie merken, dass die Ehe im fremden Land doch mit vielen Problemen belastet ist. Das treibt natürlich die Statistiken in die Höhe. Von den 5.187 Scheidungsfällen von Frauen zwischen 15 und 24, die 2007 registriert wurden, entfielen 28,5 % auf Fälle, bei denen die Frau Ausländerin war.
Zudem gilt nach wie vor: Das durchschnittliche Heiratsalter ist in den letzten 10 bis 20 Jahren in Korea im Schnitt um zwei Jahre für beide Geschlechter gestiegen. Koreanische Männer heiraten mit etwa 29, 30 und Frauen mit 27 oder 28.

Schauen wir uns einige aktuelle Zahlen für 2008 an. Wir hatten eingangs gesagt, dass sich die Scheidungsrate ab den 1990er Jahren drastisch erhöht hat. 1988 etwa gab es in Korea nur rund 42.000 (42.116) Scheidungen, 2003 war mit 167.100 ein Höhepunkt erreicht, danach sanken die Zahl bis 2008 dann auf 116.500. Natürlich muss man diese Zahlen in Relation zur Zahl der Eheschließungen sehen, aber der Trend ist trotzdem deutlich erkennbar.
Und die gute Nachricht ist hier: Die Scheidungsrate ist 2008 bereits das fünfte Jahr in Folge rückläufig und sank im Vergleich zu 2007 um 6,1% Damit erreichte sie den niedrigsten Stand seit 1998, so das Nationale Statistikamt. Dieser Rückgang wird allgemein darauf zurückgeführt, dass man in Korea 2005 eine so genannte Abkühlungsperiode eingeführt hat. Das war zunächst nur eine Woche nach dem Einreichen der Scheidung, ab 2006 dann drei Wochen. Seit 2008 gilt ein Monat für Paare ohne Kinder und drei Monate für Paare mit Kindern. Diese Bedenkzeit hat nach Angaben der Familiengerichte tatsächlich dazu geführt, dass bei 80% der zuständigen Gerichte fast die Hälfte der Anträge wieder zurückgezogen wurde.

2008 ließen sich Männer in der Altersgruppe zwischen 40 und 44 am häufigsten scheiden, bei Frauen lag der Altersdurchschnitt zwischen 35 und 39 Jahren. Das Durchschnittsalter beim Einreichen der Scheidung stieg 2008 leicht an und lag bei Männern bei 44 Jahren und 4 Monaten, bei Frauen 40 Jahre und sechs Monate. Das weist darauf hin, dass die meisten Scheidungen gut nach dem angeblich verflixten siebten Jahr erfolgen, wenn man vom durchschnittlichen Heiratsalter von 29 für Männer und 27 für Frauen ausgeht.

2008 bestätigt dann einen weiteren Trend, der sich seit Mitte der 1990er Jahre bemerkbar macht: den Anstieg der Scheidungen im hohen Alter. Allein zwischen 1995 und 2005 ist dieser Anteil um das Fünffache gestiegen. 2008 stieg die Zahl der Männer über 55, die geschieden wurden, im Vergleich zu 2007 dann um 13,7% an. Bei den Frauen zwischen 50 und 54 war ebenfalls ein Anstieg zu verzeichnen und zwar von 17,7%. Damit stieg die Zahl der Scheidungen zwischen Partnern, die mehr als 20 Jahre verheiratet waren, 2008 auf 23,1% aller Scheidungsfälle. In den meisten Fällen wartete man damit mit der Scheidung, bis die Kinder im Studium waren, das Studium abgeschlossen hatten oder verheiratet waren.

Gehen wir einmal den Gründen für Scheidungen in Korea etwas näher auf den Grund. Das Koreanische Rechtsberatungszentrum für Familienfragen, das neben dem Hauptsitz in Seoul verschiedene Zweigstellen in den Provinzen unterhält, hat die Scheidungsgründe etwas näher untersucht. Grundlage waren die Daten über Beratungen, die das Zentrum von seiner Gründung im Jahre 1956 bis zum Jahr 2006, also über einen Zeitraum von 50 Jahren, gesammelt hat.

In den 1950er und 1960er Jahren stand mit 45,7% aller Beratungsfälle als erster Grund für die Scheidungswilligkeit die Untreue der Ehemänner ganz oben auf der Liste. In einer patriarchalisch und konfuzianisch gesinnten Gesellschaft, und das war Korea zu dieser Zeit noch stark, ist das wohl nicht besonders verwunderlich. An zweiter Stelle folgte mit 27,8% die schlechte Behandlung oder Misshandlung der Eltern der Frau durch den Ehemann.

In den 1970er Jahren waren die Seitensprünge der Ehemänner immer noch der Hauptgrund für den Wunsch der Frauen nach Scheidung. Allerdings mehrten sich auch die Scheidungswünsche der Frauen, deren Ehemänner nach dem Koreakrieg und nach dem Vietnamkrieg immer noch als vermisst gemeldet waren.

In den 1980er Jahren stieg die Zahl der Frauen, die aufgrund von Gewalt in der Ehe die Scheidung einreichen wollten, um 10% auf 31,3% an. Gleichzeitig suchten auch mehr Männer die Rechtsberatung auf, weil sie sich scheiden lassen wollten, da sie von ihren Frauen wegen häuslicher Gewalt verlassen worden waren. In den 1990er Jahren stand häusliche Gewalt, die lange ein Tabuthema in der koreanischen Gesellschaft war, an der ersten Stelle der Scheidungsgründe bei den Frauen, die im Center Rat suchten. Das Thema drang in dieser Zeit auch mehr und mehr durch die Medienberichterstattung an die Öffentlichkeit. Laut Park So-hyun, einer Beraterin des Centers, hat dabei nicht die häusliche Gewalt an sich zugenommen, sondern die Frauen waren einfach weniger bereit, die Situation zu akzeptieren, und auch oft wirtschaftlich unabhängiger.

Um die Millenniumswende waren Hauptgründe für eine Scheidung finanzielle Probleme im Zuge der Asienkrise, die Korea 1997 erfasst hatte. In dieser Zeit stieg auch erstmals die Zahl der Männer, die eine Scheidung wollten, weil sie von ihren Frauen misshandelt wurden, von 3,6% in den 1980er Jahren auf 10% an.

Ein weiteres Phänomen um und nach der Millenniumwende war, dass die Zahl der älteren Ehepaare, die eine Scheidung suchten, einen deutlichen Anstieg aufwies, wir hatten es vorhin bereits für 2008 erwähnt. Von 1995 bis 2006 stieg zudem die Zahl der Männer, die von den Ehefrauen misshandelt wurden, um das 2,5-Fache und die Zahl der Ehepaare in zweiter Ehe, die sich wieder scheiden lassen wollten, um das 1,4-Fache.

Diese Zahlen basieren auf der Auswertung der Beratungen, die das Center für Rechtshilfe in Familienfragen in einem Zeitraum von 50 Jahren durchführte. Es handelt sich als nicht um Gesamtstatistiken. Jedoch finden die hier beschriebenen allgemeinen Trends auch Widerspiegelung in den Scheidungsstatistiken. Sie geben zudem auch Aufschluss über die veränderte gesellschaftliche Rolle und Stellung der Frau und das veränderte Geschlechterverhältnis sowie über Umbrüche in der koreanischen Gesellschaft allgemein.
In der Gesamtstatistik waren übrigens 2008 Hauptscheidungsgründe mit 47,8% Charakterunterschiede, gefolgt von finanziellen Problemen mit 14,2%.
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