Sie fragen, wir antworten

2011-12-24

FRAGE: Hans Kopyciok aus Rostock fragt: Wie kommt es eigentlich, dass auch in Seoul Weihnachtsstimmung herrrscht? Weihnachten ist doch eigentlich kein Fest in Korea. Handelt es sich um einen Import aus den USA? Und Reiner Priese aus Süptitz möchte wissen: Wie sieht es mit Silvesterbräuchen in Korea aus? Gibt es ähnliche Bräuche wie in Deutschland, also Knallerei und Bleigießen?

ANTWORT: Korea ist das einzige Land in Ostasien, in dem Weihnachten, und zwar der 25. Dezember, ein gesetzlicher Feiertag ist. Dabei bekennen sich nur etwa 30% der koreanischen Bevölkerung zum Christentum, rund 25% zum Buddhismus. Der 25. Dezember wird übrigens bereits seit 1945 als Feiertag begangen, Buddhas Geburtstag, der auf den achten Tag des vierten Monats nach Lunarkalender fällt und damit ein beweglicher Feiertag ist, hingegen erst seit 1975. Dass Weihnachten 1945 als Feiertag in Korea eingeführt wurde, hängt mit der Befreiung des Landes von der japanischen Kolonialherrschaft, die von 1910 bis 1945 währte, zusammen. Hier spielten natürlich die Amerikaner eine wesentliche Rolle, die Ende des 19. Jahrhunderts durch Missionierungen zur Modernisierung des Einsiedlerkönigreichs Joseon (1392-1910) beigetragen hatten und in diesem Rahmen die Koreaner auch mit Weihnachten und den diesbezüglichen Bräuchen bekannt machten. Nicht zu vergessen die Rolle der Amerikaner bei der Befreiung des Landes 1945. Hinzu kommt allerdings auch die Tatsache, dass der erste koreanische Präsident, Lee Seungman (reg. 1948 – 1960) einen Großteil seines Erwachsenenlebens in den USA verbrachte und sich selbst zum Christentum bekannte. Das alles trug dazu bei, dass Weihnachten als Feiertag auch nach der Gründung der Republik Korea 1948 beibehalten wurde und schließlich am 14. Januar 1975 als gesetzlicher Feiertag bestätigt wurde.

Das heißt, der 25. Dezember ist ein roter Tag im Kalender und damit arbeits- und schulfrei. Die Restaurants, Kaufhäuser und Dienstleistungsbetriebe wie Friseure haben an dem Tag aber geöffnet und machen sogar ein sehr gutes Geschäft, auch wenn Schenken zu Weihnachten in Korea nicht so stark verbreitet ist. An den traditionellen koreanischen gesetzlichen Feiertagen wie Seollal (Neujahr) und Chuseok (Erntedank), die nach Lunarkalender begangen werden, ruhen hingegen die meisten Betriebe. Das weist schon auf den höheren Stellenwert dieser Tage hin. Der 25. Wird in Korea zwar allgemein in Anlehnung an das Englische als „Christmas“ bezeichnet, die koreanischen Christen sprechen jedoch von „Seongtanjeol“ und die offizielle Bezeichnung dieses Feiertages ist „Gidok-Tansinil“, also quasi „Tag der Geburt des Christentums“. Buddhas Geburtstag bzw. Der Tag der Geburt des Buddhismus ist entsprechend „Seokka-Tansinil“.

Die Gebräuche und auch die Dekorationen zu Weihnachten sind wie die Herkunft des Festes selbst stark von den USA beeinflusst, auch wenn sich in den letzten Jahren besonders Deutschland mit Stollen und Glühwein, Nussknackern, Adventskalendern, Weihnachtspyramiden und Lebkuchenhäusern immer stärker bemerkbar macht. Der Weihnachtsmarkt im Seouler Stadtteil Seongbukdong hat dazu viel beigetragen. In den kommenden Jahren wird dieser Trend vielleicht noch durch das Freihandelsabkommen Koreas mit der EU gefördert.
2011 war man in Seoul wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise besonders sparsam mit Beleuchtungen und Dekorationen, abgesehen vielleicht vom reichen Südviertel, aber auch dort gaben sich die Luxuskaufhäuser im Vergleich zu den letzten Jahren mehr als bedeckt und haben Dekos recycelt.

„Santa Claus“ heißt übrigens auf Koreanisch „Santa Harabeoji“, also „Großväterchen Santa“, und die koreanischen Kleinkinder glauben durchaus an ihn, er erlebt auch Auftritte in den Kindersendungen. Die Radiostationen spielen in der Vorweihnachtszeit Weihnachtslieder, meist die koreanischen Versionen der klassischen englischen oder internationalen Weihnachtslieder, aber auch Originale, verjazzte und verpoppte Fassungen. In der Weihnachtswoche selbst steht dann in den großen Konzert- und Kulturhallen der Nussknacker auf dem Programm, klassische Weihnachtsmusik, Christmas Carols, Musicals wie Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“ usw. Die großen Hotels und Restaurants bieten am 24. und 25. besondere Festtagsmenüs mit live-Musikbegleitung oder Chorgesang an. Das heißt, man kann Weihnachten als Nichtchrist durchaus gepflegt verbringen. Für die Nichtchristen ist der 24. Dezember denn auch ohne Bedeutung, es wird wie immer gearbeitet. Und der 25. ist ein Feiertag wie jeder andere, an dem man sich meist ausruht. Es ist im Gegensatz zu den traditionellen koreanischen Feiertagen auch kein Familientag, vielmehr trifft man sich mit Freunden, geht ins Kino, Skifahren oder plant sonst gemeinsame Unternehmungen. Die Saunen haben an dem Tag z.B. auch Hochbetrieb.

Anders sieht es bei den Christen aus. Sie besuchen am Heiligabend die Christmette, die oft traditionell um Mitternacht beginnt. Die Weihnachtsmesse in der Myeongdong-Kathedrale, die der koreanische Kardinal zelebriert, ist von besonderer Feierlichkeit, zu der auch ein Chor beiträgt, der zum Teil auf Latein singt. Vor der Kathedrale steht immer eine große Krippe.
Nach der Messfeier an Weihnachten gehen die jungen Leute oft von Haus zu Haus und singen Weihnachtslieder, auch Besuche in Krankenhäusern sind üblich. Alte und kranke Gemeindemitglieder stehen obenan auf der Liste. Als Dank gibt es einen kleinen Snack. Am 25. gibt es auch noch mal eine Messe, wobei in einigen Kirchengemeinden an diesem Tag die neuen Gemeindemitglieder getauft und feierlich aufgenommen werden. Danach gibt es ein Essen in der Gemeinde, meist Reiskuchensuppe mit Kimchi und danach Mandarinen, Nüsse und Plätzchen.

Silvester, also der 31. Dezember, ist auch ein westliches Fest, denn Neujahrsbeginn wird in Korea traditionell nach Lunarkalender gefeiert. Der erste Januar nach Lunarkalender ist in diesem Jahr der 23. Januar 2012 nach Sonnenkalender. Silvester verbringt man in Korea meist im Kreise von Freunden und Familie, allerdings ist Rumgekrache selten, auch wenn es Feuerwerke in der Stadt gibt. Bleigießen und ähnliche westliche Silvestertraditionen sind dem Normalverbraucher unbekannt. Dabei wollen die Koreaner durchaus etwas über die Zukunft erfahren, dafür gehen sie aber um Lunar-Neujahr zum Wahrsager.

Am 31. Dezember wird traditionell das neue Jahr in der Seouler Innenstadt eingeläutet. Da versammeln sich an der Bronzeglocke am Bosingak-Glockenpavillon wahre Menschenmengen, wenn der Oberbürgermeister von Seoul mit 33 Glockenschlägen das neue Jahr einläutet. Der Fernsehturm auf dem Berg Namsan in Seoul ist festlich angestrahlt und dort gibt es auch Festivitäten wie ein Steigenlassen von Luftballons um Mitternacht oder traditionelle koreanische Percussion-Konzerte. Viele Koreaner reisen auch an die Küste oder in die Berge, um den ersten Sonnenaufgang des neuen Jahres in einer besonders spektakulären Umgebung zu genießen. An den beliebtesten Stellen gibt es regelrechte Menschenaufläufe. Der eigentliche Neujahrsbeginn mit traditionellen Gebräuchen und Gerichten wird aber erst, wie gesagt, nach dem Mondkalender gefeiert.
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