Sie fragen, wir antworten

2012-05-26

FRAGE: Berichten Sie doch einmal über das Gibun, das man bei einem Koreaner möglichst nie verletzen sollte.

ANTWORT: Das ist ein Thema, bei dem man als direkter Deutscher nur auf dicken Samtpfoten durch die Gegend schleichen sollte und selbst dann bringt man es noch fertig, munter in den Fettnäpfchen rumzuhüpfen. Alleine das distinktiv asiatische und noch distinktiver koreanische Konzept des Gibun erklären zu wollen, ist schon schwierig. Es ist eine Mischung aus Gefühl, Stimmung oder auch Laune, Selbstachtung die es zu bewahren bzw. nicht zu verletzen gilt, quasi eine Art innerer Gefühls- und Geistesgesamthaltung, die möglichst im harmonischen Gleichgewicht bewahrt werden sollte. Stichwort ist hier die Harmonie als Gleichgewicht des Lebens, als Balance zwischen dem männlichen Yin und dem weiblichen Yang, zwischen Gut und Böse usw. Diese Gesamtharmonie, die das Gibun ausmacht, sollte nicht gestört werden. Damit das nicht passiert, sind Koreaner generell darauf bedacht, Unangenehmes so indirekt und andeutend wie möglich vorzubringen und sich dafür auch noch tausend Mal zu entschuldigen. Ebenso wenig antworten sie selten mit einem klaren NEIN, sondern mit einem ausweichenden VIELLEICHT, wobei man als Langnase irgendwann kapiert, dass das VIELLEICHT nicht zu 50% vielleicht meint, sondern eher zu 90% NEIN. In den Kontext gehört dann auch, dass man zur Wahrung des Gibun des anderen schlechte Nachrichten besser nicht am Morgen überbringt und damit den Tag für den anderen ruiniert, sondern lieber erst später am Tag, wenn nicht mehr so viel ruiniert werden kann. Das gilt insbesondere gegenüber älteren Koreanern, deren Gibun für den Tag schon aufgrund der etwas schwächeren körperlichen und manchmal auch geistigen Konstitution nicht gestört werden sollte.

Ein weiterer Aspekt, den die Wahrung des Gibun diktiert, ist ein gewisses Maß an, ja, sagen wir „Schmeichelei“ im positiven Sinne, das den anderen entspannt und möglichst sicher und unbedroht fühlen lassen soll, sprich: glücklich und zufrieden mit sich und der Welt. Das verlangt im Alltag z.B., kleine Fehlverhalten des anderen oder auch Unzulänglichkeiten wie mangelnde Fremdsprachenkenntnisse im Kontakt mit ausländischen Geschäftspartnern großzügig zu übersehen und dafür positive Eigenschaften überzubetonen. Die Koreaner werden das schon richtig verstehen. Sie haben nämlich im Gegensatz zu vielen Westlern viel feinere Antennen für das Nicht-Ausgesprochene, das Angedeutete. So sollte man z.B. auf die höfliche Smalltalkfrage, ob man Kimchi mag, nicht antworten, dass es für einen zu scharf und streng riechend sei. Besser ist, darauf hinzuweisen, dass man sich erst an das scharfe Essen gewöhnen muss und das auch will, zumal man gelesen hat, dass Kimchi laut WHO zu den gesündesten Speisen der Welt gehört.

Langnasen sehen die Koreaner auch heute noch Einiges nach in puncto Gibun, aber nicht unbedingt den eigenen Landsleuten. Die haben sich da auszukennen, v.a. wenn es um Hierarchien in Berufs- und Gesellschaftsleben geht. Da müssen die auf den unteren Etagen der Hackordnung sich schon sehr bemühen, die auf den oberen Etagen nicht zu verletzen und ihr Gibun zu stören, auch wenn die auf den unteren Etagen noch so sehr im Recht sein und die besseren Ideen haben mögen. Hier ist diplomatisches Geschick gefragt, bzw. im koreanischen „Nunchi“, die hohe Kunst, die aktuelle Befindlichkeit des Gegenüber und auch der Gesamtsituation und Kräftekonstellation minutengenau lesen und einschätzen und entsprechend richtig darauf reagieren zu können. Natürlich hat jeder in der koreanischen Gesellschaft ein Gibun, das es zu wahren gilt, egal, welcher Gesellschaftsschicht er angehören oder wie einflussreich er sein mag. Das Problem ist nur, dass „die da unten“ proportional viel mehr Leute über sich haben, deren Gibun es zu wahren gilt, als „die da oben“.
Insgesamt kann man sagen, dass durch die Tendenz zur Individualisierung und Internationalisierung der koreanischen Gesellschaft das Konzept des Gibun und dessen unbedingter Wahrung in der gesellschaftlichen Interaktion etwas an Bedeutung verloren hat, es ist aber noch längst kein Schnee von gestern. Das werden v.a. auch die Liebhaber koreanischer TV-Serien spüren, dort ist das Gibun noch allgegenwärtig und die Verletzung desselben immer noch Mittel für plötzliche Wenden in der Handlung.
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