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Oh Yeong-su: „Das Dorf am Meer“

#Literatur zum Hören l 2019-02-12

Literatur zum Hören


Aus dem Sendeinhalt 


Die Erzählung „Das Dorf am Meer“ handelt von Hae-sun, einer jungen Frau, 23 Jahre alt, verwitwet. Sie ist die Tochter eines Fischermanns und einer Taucherin aus Jeju und lebt in einem kleinen Fischerdorf. 



Literaturkritikerin Jeon So-yeong: 

Die Silbe „Hae” im Vornamen der Protagonistin Hae-sun bedeutet „Meer“ und die Geschichte spielt, wie auch der Titel schon sagt, in einem Dorf am Meer. Für den Autor ist das Meer nicht einfach nur Kulisse. Es ist der Ursprung des irdischen Lebens, es ist die Mutter, die alle Lebewesen ernährt. Unzählige Lebensformen bevölkern die tiefen, weiten Ozeane und viele Menschen arbeiten und leben an der Küste. Oh Yeong-su benutzt das Bild des Dorfes am Meer mit seiner überschäumenden Lebensenergie, um einen Kontrast zu den vom Koreakrieg zerstörten Städte darzustellen. 



In einer Sommernacht erklingt aus den Gewässern vor dem Fischerdorf von den Fischnetzen her das Geräusch der kleinen Zimbeln, das die Ankunft der Sardellen verkündet. Eilig laufen die Dorfbewohner herbei, um die Netze aus dem Wasser zu ziehen. Die geschäftigste und glücklichste Jahreszeit des Fischerdorfes hat begonnen. 



Hae-sun und Sugis Mutter kamen über die Sanddüne an den Strand zu den Fischernetzen gerannt. 

“Zieht! So zieht doch!”

Wie die Leute so in die eine und die andere Richtung zogen, strafften sich die Seile und das Netz wurde langsam eingeholt. Hae-sun und Sugis Mutter drängten sich irgendwo zwischen die anderen und packten mit an. 

Je näher das Netz kam, desto schneller erfolgte das Hauruck. 

„Hauruck! Hauruck! Hauruck!“

Schon zappelten und tanzten die Sardellen auf der Sandbank. 

Da legte sich plötzlich eine große, kräftige Hand auf die von Hae-sun. Hae-sun war nicht stark genug, um die Hand abzuschütteln, die sie zusammen mit dem Seil festhielt, und so wehrte sie sich nicht. 

Die Hand griff nach ihrer Hüfte. Hae-sun duckte sich unter das Seil und entwich an eine andere Stelle. Das Netz war nun fast ganz eingeholt.  

Die Männer liefen ins Wasser, um das Netz zu einer Seite zusammenzulegen. Da fasste jemand mit der Hand unter ihren Rock. Hae-sun stieß die Hand von sich und lief davon.

Die Sardellen tanzten weiß glitzernd auf dem Sand. Die Frauen hatten alle Hände voll zu tun, um die hüpfenden Fischchen aufzusammeln. 

Das Fischen war vorbei.




Oh Yeong-su lebte von 1911 bis 1979. Seine Erzählung „Das Dorf am Meer” entstand 1953. 1955 erhielt er den Preis der koreanischen Schriftstellervereinigung und 1960 den Freiheitsliteraturpreis der Asia-Stiftung.

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