Zum Menü Zum Inhalt

Die Versorgungs- und Wirtschaftslage in Nordkorea

#Brennpunkt l 2019-05-16

Schritte zur Wiedervereinigung

© YONHAP News

Als Teil ihrer Bemühungen um eine Wiederaufnahme der stagnierenden Gespräche über ein Ende des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms erklärte die südkoreanische Regierung zuletzt, dass sie Nahrungsmittel-Hilfen für Nordkorea plane. Hintergrund sind Berichte der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO und des Welt-Ernährungsprogramms WFP über die Gefahr einer Hungersnot unter Millionen von Nordkoreanern. Über das Thema sagt Cho Bong-hyun, ein Analyst vom IBK-Institut: 


Die gegenwärtige Nahrungsmittelknappheit in Nordkorea ist so schlimm wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Situation wurde bis zum vergangenen Jahr und im Jahr davor mehr oder weniger als  gut bewertet. Doch Naturkatastrophen im vergangenen Jahr und die wirtschaftlichen Sanktionen führten dazu, dass die Nutzpflanzenproduktion auf 4,9 Millionen Tonnen geschrumpft ist, die niedrigste Menge seit 2009. Nordkoreas Defizit an Nahrungsmitteln wird auf 1,36 Millionen Tonnen geschätzt. Etwa 10,1 Millionen Menschen, oder 40 Prozent der Bevölkerung, leiden unter der Knappheit. Dürren und Überflutungen gleichermaßen sind der Grund dafür, dass die Getreideproduktion zurückging, während die strengeren Sanktionen den Import von landwirtschaftlicher Ausrüstung blockieren. 


Im März begannen die FAO und das WFP mit einer 15 Tage langen Untersuchung der Lage in Nordkorea. Sie unternahmen dabei Feldstudien in zwölf Landkreisen und sechs Provinzen. Seit seiner Machtübernahme betonte Machthaber Kim Jong-un, wie wichtig die Landwirtschaft sei, um die chronischen Versorgungsengpässe zu beheben. Er besuchte mehrfach Landwirtschaftsbetriebe und ordnete Agrarreformen an – allerdings blieben diese ohne den gewünschten Erfolg: 


Seit dem Beginn der Herrschaft von Kim Jong-un beschloss Nordkorea zwei wirtschaftliche Reformmaßnahmen in den Jahren 2012 und 2014. Das Produktionssystem wurde neu gestaltet, um die Zahl der Gruppen, die in staatlichen Agrar-Kooperativen arbeiteten, zu verringern und den Fokus stärker auf die Familie zu lenken. Analysen zeigen, dass die Getreideproduktion kurzfristig um 20 bis 30 Prozent stieg. Doch hat die einheimische Produktion Grenzen. Um die Ernährungslage zu verbessern, müsste in Nordkorea das gesamte Agrarsystem zunächst reformiert werden. Mit den Sanktionen ist es zudem unmöglich, Materialien und Ausrüstung für die Nahrungsmittelproduktion zu importieren. 


In den vergangenen Jahren wurden die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Nordkorea wegen seiner Raketen- und Atomtests immer wieder verschärft. Reformen benötigen Geld und Materialien, doch die Fähigkeit Nordkoreas, um seine Produktionskapazitäten auszubauen, sind limitiert: 


Nordkoreas Wirtschaft ist unter dem Regime von Kim Jong-un zunächst gewachsen, doch schrumpft sie seit 2017. Nordkorea sucht nach Reformlösungen für verschiedene Probleme. Doch wegen der Sanktionen können die Wirtschaftsprobleme nicht behoben werden. Das Land betont die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, doch scheint es unmöglich für das Land, die Probleme selbst auf fundamentale Weise zu lösen. Mit anderen Worten, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten lassen sich nur dann beseitigen, wenn die Sanktionen gelockert werden und das Land mit anderen Ländern einschließlich Chinas zusammenarbeitet. 


Die österreichische Forschungsagentur World Data Lab, die bei ihrer Analyse auf nächtliche Satellitenfotos als Index für die wirtschaftlichen Aktivitäten zurückgreift, schätzt Nordkoreas Pro-Kopf-Bruttoeinkommen auf 1400 Dollar. Damit wäre Nordkorea eines der zehn ärmsten Länder der Welt. Doch die Schätzungen geben nicht immer das ganze Bild wider. So werden etwa die Bautätigkeiten in Nordkorea, speziell in Pjöngjang und den Grenzstädten, vorangetrieben. Auch verbreiten sich Handys immer schneller. Vor zehn Jahren waren sie unter der normalen Bevölkerung noch nicht existent, jetzt gibt es etwa sechs Millionen Handy-Nutzer: 


Die Wirtschaft des Landes als Ganzes ist in einem schlechten Zustand. Obwohl das Bauwesen und die Vertriebsbranche in Pjöngjang und anderen großen Städten gedeihen, gilt dies nur für ausgewählte Regionen. 


Immer mehr dringt die Marktwirtschaft in Nordkorea vor. Doch damit wächst auch das Problem der Polarisierung. So sind vor allem die gering verdienenden Haushalte von der Nahrungsmittelknappheit betroffen. Können andere Länder wie Südkorea helfen?


Die Situation auf der koreanischen Halbinsel verändert sich seit dem Gipfel zwischen Nordkorea und den USA in Hanoi. Es wird angenommen, dass Nordkorea zuerst nicht bereit ist, das Hilfsangebot der südkoreanischen Regierung zu akzeptieren. Es scheint, also ob es zunächst seine Kritik verstärkt. Es ist aber wahrscheinlich, dass Nordkorea mit der Zeit die Hilfe doch annehmen wird. 


Nach dem gescheiterten Gipfel von Hanoi ist derzeit die Sorge groß, dass die Spannungen wieder zunehmen werden. Damit könnte auch eine Lösung der chronischen Nahrungsmittelknappheit in Nordkorea zunächst weit weg sein.

Die Redaktion empfiehlt