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Park Hyoung-su: „Mitternachtsfiktion“

#Literatur zum Hören l 2019-07-09

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Eine Mietwohnung im fünften Stock kurz vor Mitternacht. Der Mann ist Erzieher, und die Frau arbeitet den ganzen Tag in einem Supermarkt. Beide möchten noch schnell etwas essen, bevor sie ins Bett gehen, entdecken dann aber, dass die Sardellen für die Brühe verschwunden sind. Die Geschichte „Mitternachtsfiktion“ handelt von den Fantasien der beiden Eheleute, die darüber nachdenken, was mit den Sardellen passiert sein könnte. 



„Ich ertrage es nicht länger!“, rief Seong Beom-su. „Nun stehe ich also hier, um meinen neun verbliebenen Sardellenkollegen meinen Plan zu verkünden.“

„Welchen Plan?“, riefen die Sardellen „Los, sag schon!“.

„Andere Sardellen werden von den Menschen gebraten, frittiert oder in Sojasauce gekocht und komplett verzehrt, doch unsere Art von Sardellen wirdnur für die Brühe verwendet und dann weggeworfen. Welche Beleidigung für uns! Und das ist noch nicht alles. Bevor sie Brühe machen, schneiden sie unsere Köpfe und Därme heraus. Was aber sind die Köpfe und Därme? Sie sind die Gefäße des Intellekts und der Seele. Diese heiligen Körperteile werden von ihnen noch schlechter behandelt als unser Fleisch und unsere Stacheln. Wir werden diese Erniedrigung nicht länger dulden!“

„Aber das gemeinsame Kochen von Köpfen und Därmen würde die Brühe trübe machen“, meldete sich eine andere Sardelle zu Wort.

„Die Gefriertruhe ist zu dunkel, als dass ich dein Gesicht sehen könnte, aber nach dem kränklich näselnden Ton nach zu urteilen, musst du Hwang Ki-Taek sein, der früher in der Nähe von Gijang gelebt hat, bevor er im Fischernetz gefangen wurde. Mir geht es darum, dass wir zusammenarbeiten, um in die Südsee zurückzukehren, anstatt solche Ungerechtigkeiten zu erleiden und uns in Resignation und Meditation zu üben.“

„Was? In die Südsee zurückkehren?“, riefen die Sardellen. „Wie soll das denn gehen?“



Literaturkritikerin Jeon So-yeong:

Über den zeitlichen und räumlichen Hintergrund der Geschichte wird nichts gesagt, aber das Ehepaar, die misshandelte Frau von nebenan und die Sardellen befinden sich alle in derselben Situation. Sardellen werden wochenlang im Gefrierschrank eingeschlossen und dann zu Brühe gekocht. Ihre Lage kann mit dem traurigen, bedürftigen Leben der Menschen verglichen werden. Die Fische in der Geschichte können wie Menschen Trauer und Schmerz empfinden. Die Sardellen, die in die Südsee zurückkehren, stehen für die Träume der Menschen, die sich danach sehnen, der brutalen Realität zu entfliehen.




Park Hyoung-su, geboren 1972, debütierte im Jahr 2002 mit der Erzählung „Was man sich merken sollte, bevor man anfängt, Kaninchen zu halten“. 2012 gewann er den „Preis für junge Künstler“. Seine Erzählung „Mitternachtsfiktion“ erschien 2006.

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