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Ha Geun-chan: „Das dreieckige Haus“

#Literatur zum Hören l 2019-09-10

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

„Oh! Das ist aber schön! Das ist Weihnachten, oder? Weihnachten in Amerika!“

Wie Yeong-il richtig vermutete, handelte es sich um ein Weihnachtsfoto. Doch sah man kein weihnachtlich geschmücktes Zimmer und keinen Kirchenchor. 

Man sah eine Hundehütte. Ein ziemlich große, dreieckige Hütte. Streng genommen war sie fünfeckig, doch weil das Dach sehr schief war, sah sie auf den ersten Blick dreieckig aus. Daneben stand ein kleiner Weihnachtsbaum und auf das Dach war ein Kreuz gesteckt. Es gab auch Schmuck aus Gold- und Silberpapier, der im Licht funkelte, das aus dem Flur ins Zimmer fiel.

In dieser so hübsch geschmückten Hütte lag ein alter Hund, streckte die Vorderpfoten nach draußen und döste vor sich hin. Und von oben fielen still und sacht, so als begönne es gerade zu schneien, zwei Schneeflocken aus Watte herab.  

„Wie schön!“



Die ganze Familie macht sich nach Miari auf, um dort das neue Haus des Cousins der Mutter zu besichtigen. Sie gehen den Hügel hinauf, der Weg macht eine Biegung nach der nächsten und das Haus ist immer noch nicht zu sehen. Schließlich kommen sie an. Sie stehen vor einem winzigen Gebäude, das eher einer Hütte ähnelt als einem Haus.    



„Das sieht ja genauso aus wie die Hundehütte in Amerika!“, rief Yeong-il.

„Was meinst du?“, fragte ich.

„Die Hundehütte in dem Buch. Die sah genauso aus.Genauso schief“, meinte er.

„Sag das nicht!“, ermahnte ich ihn, aber im Stillen dachte ich dasselbe.

Dreieckig. Streng genommen natürlich fünfeckig, so wie die Hundehütte im Buch. 

Die Lehmmauern vielleicht drei Spannen hoch und dann einfach ein schlampiges Dach daraufgesetzt. Aber auf den ersten Blick sah es so dreieckig aus wie die Hundehütte. 

Das Merkwürdigste war das Dach. Vielleicht weil die Plane und die Dachteile nicht gereicht hatten oder weil das Regenwasser hineintropfte, war das Dach hier und da mit Rationsboxen ausgebessert. Es erinnerte irgendwie an den Rock der armen Frau vom Dorfe. An einen schwarzen Rock, der weißen Flicken bedeckt ist. 

Die Schrift auf den Rationsboxen war noch immer deutlich zu erkennen.

Ich nickte vor mich hin.



Jongdu, der Cousin, ist voller Optimismus und plant für die Zukunft. Die die Realität sieht anders aus.



Als wir die Spitze des Hügels erreicht hatten, traf mich fast der Schlag. Die Häuser wurden abgerissen. Man war offenbar dabei, die illegal errichteten Wellblechhütten einzustampfen. Auch Jongdus schäbige Hütte schien schon dem Erdboden gleichgemacht worden zu sein, denn ich konnte sie nirgends mehr sehen. Nur der Klang der Trompete wehte klagend zu uns herüber. Es war das Arirang. 

 



Ha Geun-chan (1931-2007) betrachtet in seinen Werken das Bewusstsein der Gesellschaft im Korea der Nachkriegszeit. 1998 wurde er mit dem Kulturorden in Bronze ausgezeichnet. Seine Erzählung „Das dreieckige Haus“ entstand im Jahre 1966.

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