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Oh Young-soo: „Der Stern der großen Schwester“

#Literatur zum Hören l 2019-10-08

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Wenn seine Mutter und sein Vater schweißgebadet nach Hause kamen und das Abendessen beendet war, rollte der Junge eine Strohmatte auf, klemmte sie sich unter den Arm und stieg den Hügel hinter der Hütte hinauf. Er legte sich auf die Matte, schaute direkt in den Himmel und ließ die Sterne auf sich fallen.

Die Sterne waren die gleichen wie die, die er in seinem Dorf gesehen hatte. In dieser Stadt, in der alles ungewohnt und anders war, in der sogar die Sonne und der Mond irgendwie anders auf- und unterzugehen schienen, waren nur die Sterne die selben wie die, die er aus der Heimat kannte.

Der Große Wagen, das Dreigestirn, die Milchstraße – all diese Sterne, die er in den Sommernächten daheim im Dorf mit seiner Schwester gesehen hatte, waren ihm vertraut.

Wenn er diese Sterne sah, sehnte er sich nach Zuhause und nach seiner Schwester. Da sah er einen besonders hell leuchtenden Stern und nannte ihn den „Stern der großen Schwester“. Jede Nacht, wenn er diesen Stern vom Hügel aus sah, hatte er Heimweh.



Professor Bang Min-ho von der Seoul National University: 

Die Großmutter des Jungen fordert die Eltern auf, nur den Jungen und nicht das Mädchen mitzunehmen. Sie fliehen nach Süden, während die alte Frau und das Mädchen im Norden zurückbleiben. So wird die Familie getrennt, denn Korea zerfällt nach dem Koreakrieg in zwei Teile. Die Erzählung klingt wie eine Kindergeschichte, aber sie ist von einer tragischen Realität inspiriert. Die Thematik der Familientrennung war bis dahin weitgehend in Erzählungen über Erwachsene und ideologische Konflikte behandelt worden. Oh Young-soo schrieb über das Thema aus der Perspektive eines Kindes und stellt es als psychologisches Trauma dar.



Jeden Abend zählt der Junge die Sterne. Wenn er zum Stern der Schwester aufblickt, träumt er von seinem Heimatdorf. Er hat alles dort gelassen. Er vermisst seine Schwester und sein Heimatdorf. Und schließlich kommt es, dass in den Augen dieses Jungen, der dort den Stern seiner großen Schwester betrachtet und sich nach seinem Heimatdorf sehnt, die Sterne versinken.




Oh Young-soo (1909-1979) begann 1949 mit dem Schreiben. Er schrieb bis zu seinem Tod ungefähr 140 Kurzgeschichten. Eines seiner Hauptthemen ist die Harmonie zwischen Mensch und Natur. Seine Erzählung „Der Stern der großen Schwester“ erschien 1954. Sie handelt von der Trennung zweier Geschwister.

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