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Oh Jung-hee: „Der Bronzespiegel“

#Literatur zum Hören l 2019-12-03

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Oh Jung-hees „Der Bronzespiegel“ ist die Geschichte eines älteres Ehepaares, das mit der Erinnerung an seinen einzigen Sohn lebt, der 20 Jahre zuvor bei einem Studentenaufstand gestorben ist. 



„Was hat sie wohl in dieser Zauberschachtel gesehen?“, fragte er sich.

Er versteckte das Kaleidoskop in seiner Jacke und beobachtete, wie das Mädchen den ganzen Nachmittag vergeblich den Sandkasten danach absuchte.

„Jemand hat mein Kaleidoskop gestohlen. Meine Lehrerin hat gesagt, sie will es auf einer Ausstellung zeigen“, rief das Mädchen weinend. 

Immer wieder schaute es in ihre Tasche und unter die Bank, auf der sich ihre Büchertasche und ihr Kaleidoskop befunden hatten.

„Ein Zauberkasten, der alles zeigen kann“, dachte er.



Professor Bang Min-ho:

Ein Kind wird oftmals als Verlängerung des eigenen Lebens angesehen. Ein Kind zu haben und zu erziehen, wird als der wichtigster Lebensaspekt für eine höhere Lebensform wie die Menschheit angesehen. Ein Kind zu verlieren ist wie das Leben selbst oder den Grund zu leben zu verlieren. Dies macht das Leben des älteren Ehepaares so traurig und bedeutungslos. Der Bronzespiegel ist ein altes Relikt, das im Gegensatz zum Kaleidoskop des Kindes steht. Ein Kaleidoskop zeigt erstaunliche, farbenfrohe Muster, während ein Bronzespiegel zu rostig und stumpf ist, um vergangene Erinnerungen wiederzugeben. Der Bronzespiegel symbolisiert das trostlose Leben des Ehepaares seit dem Tod seines Sohnes.



„Geh weg! Und komm nicht wieder, verstanden?“ Die alte Frau versuchte, das Mädchen wieder hinauszuwerfen, aber das Kind fing an, mit einem Spiegel herumzuspielen.

„Tu das weg. Weg damit! Du, ungezogenes Mädchen, ich werde es deiner Mutter erzählen“, rief die alte Frau

Das Mädchen sprang wie ein Ball über den Hof und blitzte mit dem Spiegel umher. Erschrocken ging die alte Frau ins Wohnzimmer. Das Licht des Spiegels über die Tierfiguren, die auf dem Boden des Wohnzimmers zum Trocknen standen, und haftete sich schnell an das Gesicht der alten Frau. Das Licht entblößte ihr mit Falten bedecktes Gesicht wie ein zerknittertes Blatt Aluminiumfolie.

„Geh weg! Hör auf!“, flehte die alte Frau das Mädchen fast an, aber das Kind kicherte wie ein kleiner Teufel. Vielleicht fand es die plötzliche Angst der alten Frau amüsant, und so ließ es nicht vom Spiel mit dem Spiegel ab.

Die alte Frau floh vor dem Licht und stolperte in den Raum, in dem sich ihr Ehemann ausruhte. Er dachte, er solle seiner Frau, die nicht einmal versuchte, ihre Tränen vor ihm zu verbergen, ein Wort des Trostes spenden. Mit jungenhafter Verlegenheit und Unsicherheit begann er etwas zu sagen, aber seine Frau konnte seine stotternden Worte nicht verstehen.

„Was? Was hast du gesagt? Ist jemand gekommen?“, rief sie.

Er lag nur da mit seinem pechschwarzen Haar und einem halboffenen Mund, der kein Wort mehr ausstoßen konnte.

Das vom Spiegel reflektierte Licht schoss zur Decke und dann zu den Wänden, bevor es auf einem Glas zur Ruhe kam. Inmitten der Stille, die sich zusammen mit der einbrechenden Dunkelheit draußen gesenkt hatte, leuchtete nur das Gebiss im Wasser, als wolle es etwas sagen. 

 



Oh Jung-hee, geboren 1947, zählt zu den bedeutendsten Erzählerinnen der zeitgenössischen koreanischen Literatur und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. In deutscher Übersetzung liegen unter anderem der Roman „Die Vögel“ sowie die Erzählungen „Die Chinesenstraße“ und „Der Hof meiner Kindheit“ vor. Die Erzählung „Der Bronzespiegel“ erschien 1982.

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