Zum Menü Zum Inhalt
Go Top

Kang So-cheon: „Regenbogen“ (1957)

#Literatur zum Hören l 2022-05-10

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Es lag zwei Stunden mit dem Bus von Seoul entfernt, das Waisenhaus, in dem Chun-sik aufwuchs. Im Koreakrieg hatte er seine Eltern und sein Zuhause verloren und war anschließend nacheinander in mehrere Waisenhäuser gekommen, erst auf Jeju, dann in Busan und schließlich in diesem Ort in der Nähe von Seoul.

Zuerst musste er ins Waisenhaus, weil er einfach keine andere Wahl hatte, aber später wurde er gezwungen, dort zu bleiben, nachdem er beim Betteln und Stehlen erwischt worden war.

Doch er mochte dieses Waisenhaus, weil es anders war als die, in denen er zuvor gelebt hatte.

Dass er gutes Essen und gute Kleidung bekam, war auch ein Unterschied zu den anderen Waisenhäusern, aber das war für Chun-sik nicht so wichtig. Entscheidend waren andere Dinge.



Onkel Hmm gab Chun-sik ein Skizzenbuch und einen Zeichenstift. Onkel Hmm, der früher nur komplizierte Bilder gemalt hatte, fing auf einmal an, sehr einfache und kindliche Bilder zu malen, als würde er Chun-siks Werke nachahmen.

„Onkel Hmm, bring mir bei, wie man richtig malt, anstatt nur meine Zeichnungen abzumalen“, sagte Chun-sik.

„Hmm, ich soll dir malen beibringen? Das ist absurd. Wirklich. Malen ist nichts, was man lernen kann. Du solltest einfach immer so malen, wie du willst. Dabei wirst du von ganz alleine immer besser werden.“


Eines Tages beschlossen Chun-sik und Onkel Hmm, einen Kiefernbaum zu malen. Seine Äste wuchsen nur in eine Richtung, es sah aus, als ob der Baum jeden Augenblick umkippen würde, aber nach oben hin sah er schon eher wie eine Kiefer aus. Onkel Hmm war so von Chun-siks Bild fasziniert, dass er selber kaum etwas malte. Der Junge konzentrierte sich an diesem Tag besonders auf seine Arbeit. Vielleicht weil er von Onkel Hmm und seinem ständigen „Hmm, hmm“ ermutigt wurde.


Wie schön wäre es, einen Vater oder einen älteren Bruder wie Onkel Hmm zu haben. Er hat mich ganz fest umarmt. Ich hatte das Gefühl, wieder mit meinen Eltern vereint zu sein. 




Kang So-cheon (1915-1963): „Regenbogen“ (1957)

Die Redaktion empfiehlt

Close

Diese Webseite verwendet Cookies und andere Techniken, um die Servicequalität zu verbessern. Die fortgesetzte Nutzung der Webseite gilt als Zustimmung zur Anwendung dieser Techniken und zu den Richtlinien von KBS. Mehr >