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Kim Jeong-ae: „Die Frau aus der Hütte“ (2019)

#Literatur zum Hören l 2022-06-14

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Als die Rationen eingestellt wurden und die große Hungersnot begann, mussten diejenigen, die wegen der Lebensmittelknappheit nicht zur Arbeit gehen konnten, ein sogenanntes 8.3-Formular ausfüllen. Es bestand aus einer Reihe von Dokumenten über die Recyclingproduktion. Die Arbeiter mussten nach den Vorgaben der Kommunistischen Partei verschiedene Waren herstellen und sie ihren Betrieben oder Parteiorganisationen anbieten. Es war eine Aufgabe, die jedem Arbeitsplatz zugewiesen wurde. Wer keine Waren herzustellen hatte, musste einen entsprechenden Betrag in bar abgeben.



Die alte Nachbarin öffnete Gyeong-sims Tasche. Als sie sah, dass der glänzende Aluminiumtopf Gyeong-sims Hochzeitsgeschenk war, starrte sie sie an.

Kyong-shim wusste, was der Blick der alten Nachbarin bedeutete, und wollte ihr erklären, warum sie den Topf verkaufen musste. Sie konnte sich kaum dazu durchringen zu sagen, dass ihre Familie die letzten zwei Tage nur mit Wasser überlebt hatte. Stattdessen brach sie in Tränen aus.

„Ich wusste nicht, dass deine Familie hungert. Warum hast du es mir nicht gesagt? Wusstest du nicht, dass Nachbarn in einer solchen Situation besser sind als Verwandte?“, sagte die Nachbarin.

Als sie die freundlichen Worten der Nachbarin hörte, wurde Gyeong-sims Schluchzen lauter.

„Nimm unseren Mais für deine Familie mit. Du kannst ihn zurückgeben, wenn uns das Essen ausgeht“, sagte die Nachbarin.

„Sie haben uns das Leben gerettet“, sagte Gyeong-sim. „Vielen Dank!“


Sie spürte, wie sie das Bewusstsein verlor und ihr Körper tief in den Boden sank. Sie wusste, dass sich so der Tod anfühlte, weil sie ihn am Tag zuvor erlebt hatte. Aber anders als letzte Nacht fühlte sie nun, wie sich ihr Herz voller Zufriedenheit beruhigte. Letzte Nacht war sie traurig gewesen, aber jetzt war sie glücklich. Sie mochte sterben, aber ihre Familie würde leben. Sie hatte sie gerettet.

Ihr Herz war voller Genugtuung darüber, dass sie ihre Kinder vor dem Hungertod gerettet hatte. Es war nicht einfach ein Gefühl, es war eine Tatsache.

Ihre Familie sah nicht, dass Kyong-shim im Sterben lag. Kyeong-shim aber sah nicht den auf dem Boden verstreuten Mais, sondern nur die Leben, die sie gerettet hatte. Sie bewegte sich nicht mehr, hielt aber die Augen offen, um sie bis zum Ende zu sehen. Ihre Herz hörte auf zu schlagen. Was blieb, war das Lächeln, das auf ihrem knochigen Gesicht blühte wie eine Lilie.




Kim Jeong-ae (*1968): „Die Frau aus der Hütte“ (2019)

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