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Kim Yu-jeong: „Schurken“ (1935)

#Literatur zum Hören l 2022-11-15

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Nach ihrer Flucht lebte Eung-chils Familie vom Betteln auf der Straße. Als selbst das schwierig wurde, gingen sie getrennte Wege, um irgendwie zu überleben. Eung-chil hatte keinen Ort, an dem er Wurzeln schlagen konnte, und wurde schließlich Berufsverbrecher und als solcher viermal wegen Diebstahls und Glücksspiels verurteilt. Ohne Familie, ohne Zuhause und ohne Land zog Eung-chil in das Dorf, in dem sein jüngerer Bruder Eung-oh lebte. Sie waren froh, einander zu sehen, da sie sonst keine Verwandtschaft mehr hatten, aber Eung-ohs Lage war nicht besser als die des älteren Bruders.


Eung-oh war ein ehrlicher Bauer. Mit einunddreißig Jahren galt er im Dorfe als vorbildlicher junger Mann. Nun war aber das Problem, dass er den Reis noch nicht geerntet hat. Der Landbesitzer oder auch Herr Kim, der der ihm Geld für langfristige Zinsen lieh, drängten ihn oft, den Reis endlich zu ernten.

„Was nützt der Reis, wenn meine Frau im Sterben liegt?“, sagte Eung-oh.

Eung-ohs Frau war krank, und er konnte ihr keine Medizin kaufen, weil er sie sich nicht leisten konnte, was eigentlich ein Grund gewesen wäre, den Reis zu ernten. Warum aber tat er es nicht?

Wer letztes Jahr mit Eung-oh die Ernte des Landbesitzers gedroschen hatte, hätte sich diese Frage nicht gestellt. Mit Freuden hatte er den Reis, den er das ganze Jahr über liebevoll gehegt hatte, geerntet. Aber nachdem er dem Landbesitzer die Landgebühr gegeben, die Zinsen mit Reis bezahlt und die Düngemittelzahlung beglichen hatte, war ihm schließlich nichts geblieben als der Schweiß auf dem Rücken. Er war eher beschämt als traurig gewesen. Es war demütigend für ihn gewesen, mit leerem Karren nach Hause zu gehen, während seine Freunde ihn anstarrten. Er hatte die Tränen zurückgehalten, bis er nicht mehr konnte.


Eung-chil schlug Eung-oh mit dem Knüppel auf den Hintern.

Der jüngere Bruder ging zu Boden. Eung-chil schlug ihm auf das Knie und dann auf den Rücken. Er schlug hart genug zu, um seinen Bruder am Boden zu halten, bis er weinend dalag. Er schlug ihn aus Wut, aber als er dessen verletzten Arme sah, fühlte er sich unwohl. Er spuckte aus und meinte:

„So ergeht es jemandem, der ein unseliges Leben führt!“ 

Er hob Eung-oh hoch und trug ihn auf seinem Rücken.

„Wann wird er je erwachsen?“ dachte Eung-chil und seufzte sorgenvoll. Dann schlenderte er schweigend den Hügel hinunter.




Kim Yu-jeong(1908-1937): „Schurken“ (1935)

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