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Science Fiction in Nordkorea

#Schritte zur Wiedervereinigung l 2022-11-23

Schritte zur Wiedervereinigung

ⓒ Getty Images Bank

Der Begriff Genreliteratur wird in der Verlagsbranche oft für Werke benutzt, die auf eine betimmte, eher begrenzte Interessengruppe gerichtet sind. Das kann etwa Sciene-Fiction (SF) und Fantasy, Horror oder auch Kriminalgeschichten umfassen. Im südkoreanischen Markt für Unterhaltungsliteratur ist dieses Segment deutlich gewachsen. Im Zentrum steht dabei vor allem SF- und Fantasy-Literatur. Auch im sozialistischen Nordkorea gibt es dafür einen Markt. Darüber sagt Lee Ji-soon vom Korea-Institut für Nationale Vereinigung in Südkorea:  


Auch in Nordkorea gibt es Science-Fiction. Das SF-Genre erschließt typischerweise eine neue, imaginierte Welt auf der Grundlage der Wissenschaft. Eine Fantasy-Geschichte dagegen ist nur in der Fantasie möglich und kann in der realen Welt nicht vorkommen. Während Science-Fiction auf überzeugendem wissenschafltichem Wissen fußt, zeichnet sich die Fantasy-Welt durch starke übernatürliche Mächte und fantastische Elemente aus. 


In Nordkorea dient die Literatur im allgemeinen dazu, die Politik der herrschenden Partei widerzuspiegeln und sie unter der Bevölkerung zu verbreiten. Literarische Schöpfungen sollten daher im Realismus wurzeln. Es ist schwierig, Phantastik zu finden, da sie in Nordkorea oft als Tagträumerei abgetan wird. 


Durch ein YouTube-Propagandakanal ist ein nordkoreanisches Mädchen namens Song-A bekannt geworden. Sie ist die Tochter eines Diplomaten, der früher einmal in London stationiert war. Auf ihrem Kanal beschreibt Song-A “Harry Potter” als ihr Lieblingsbuch. Das Werk von J.K. Rowling hat eine Art neues Kapitel in der Fantasy-Literatur geöffnet. Die Jugendromanreihe dreht sich um den Zauberer Harry Potter, der Schüler an einer Zaubererschule wird. Von den sieben Büchern der Harry-Potter-Reihe wurden über 500 Millionen Kopien in mehr als 200 Ländern verkauft. Sie erschienen in 80 verschiedenen Sprachen. Auch in Nordkorea erschien die Geschichte des jugendlichen Zauberers:


Nordkorea übersetzt und publiziert ausländische Bücher, obschon es als das am stärksten abgeschottete Land der Erde gilt. Viele Nordkoreaner haben etwa “Die Elenden” oder “Vom Winde verweht” gelesen. Doch werden nicht alle literarischen Werke aus dem Ausland veröffentlicht. Es werden keine Romane übersetzt, die die Leser desillusioniert und ihnen Angst vor dem sozialistischen System und dem menschlichen Leben einjagt, wie etwa George Orwells “1984” oder Franz Kafkas Geschichte “Die Verwendlung”, die von einem Mann erzählt, der eines Morgens aufwacht und sich in ein Insekt verwandelt sieht. Nordkorea hat auch nicht Albert Camus’ “Der Fremde” übersetzt, bei dem es um existenzielle Themen geht, oder “Der scharlachrote Buchstabe”, der von einigen als obszön beschrieben wird. Diese Werke sind nicht mit nordkoreanischen Ethik-Standards zu vereinbaren. Doch zeigt sich Nordkorea großzügig, wenn es um die Akzeptanz von Kinderliteratur geht, in der unrealistische Fantasie erlaubt ist. Es ist zwar für Nordkorea eher ungewöhnlich, zeitgenössische Werke aufzunehmen. Doch zu den ausländischen Büchern, die nordkoreanische Kinder begeisten, gehören “Die Schneekönigin”, “Alice im Wunderland” und der “Zauberer von Oz”. Das deutet an, dass das isolierte Land mit den globalen Trends Schritt halten will. 


Das nordkoreanische Fremdsprachen-Verlagshaus veröffentlichte 2018 den ersten Teil von “Harry Potter”. Das entsprechende E-Book kann im nordkoreanischen App-Store “My Companion” heruntergeladen werden. Es ist die nordkoreanische Version von Google Play Store oder App Store. Die Nutzer zahlen mit Punkten. “Harry Potter” wird für die meisten Punkte verkauft:


In Nordkorea findet man keine gedruckten “Harry-Potter”-Bücher. Doch scheint “Harry Potter” auf der Online-Plattform My Companion 4.3 in E-Book-Format erhältlich zu sein. Die Einwohner können Inhalte wie Musik, E-Books und Videos auf der Plattform herunterladen, die seit 2020 den Service anbietet. Es ist nicht bekannt, wer das Buch übersetzt hat. Jemand, der das Buch herunterladen will, muss mit 3000 Punkten zahlen, das ist der höchste Preis für ein Programm auf der Plattform. “Harry Potter” steht auch oben auf der Liste populärer Programme, was zeigt, dass das Buch bei den lokalen Lesern auf positive Resonanz stößt. 


Im Juni 2020, zwei Jahre nach der Veröffentlichung von “Harry Potter” in Nordkorea, hieß es in dem einheimischen Magazin “Literaturzeitung” des Verbands der Joseon-Schriftsteller, dass das Interesse der Leser an dem Kinderbuch zunehme. Das Buch sei in mehreren Ländern herausgekommen und seitdem populär bei Kindern wie auch bei Erwachsenen. Es kann als ungewöhnlich beschrieben werden, dass Nordkorea einen ausländischen Roman über Magier einführt und diesem sogar eine günstige Kritik gibt. Im Oktober desselben Jahres jedoch veröffentlichten die einheimischen Medien einen Artikel mit dem Titel “Die Grenzen von Harry Potter”: 


Diesmal wurde das Buch dafür kritisiert, dass es die Leser in die Irre führen kann. Sie könnten denken, dass sie Herr über ihr eigenes Geschick sind, solange sie die Fähigkeiten in einer kapitalistischen Gesellschaft haben. Auch wurde es dafür kritsiert, nur das Interesse der Leser im Sinn zu haben und dass es etwas Bizarres kreiert. Selbst wenn die Geschichte progressive Ideen über Kinder enthalte, die ihren eigenen Weg gehen, gehe es um Magie, die nichts mit der Realität zu tun habe. 


“Harry Potter” muss in Nordkorea, das glaubt, Literatur müsse in der Realität wurzeln, wie ein Traumbuch klingen. Science-Fiction wird dagegen anders wahrgenommen. SF wird in Nordkorea auch als “Science-Fantasy” bezeichnet. Laut einer SF-Theorie, die 1993 von dem Autor Hwang Chong-sang veröffentlicht wurde, porträtieren Science-Fantasy-Geschichten Aktivitäten, Kämpfe und das Leben von Menschen, die sich mit Wissenschaft und Technologie auseinandersetzen: 


In Nordkorea muss Phantastik auf solider Wissenschaft beruhen, nicht auf magischen Elementen. Fantasy sollte als ideale Welt beschrieben werden, die sich die Menschen einmal in der Zukunft aufbauen können. Nordkorea begann Mitte der 1950er Jahre, also kurz nach dem Korea-Krieg damit, SF zu schaffen, die sich an Kinder und Jugendliche richtet. SF boomte in Nordkorea, nachdem die Sowjetunion 1957 den ersten Satelliten, Sputnik, gestartet hatte. Der historische Start erweiterte den Fantasie-Horizont von der Erde auf das Weltall, was zu einer Bereicherung der literarischen Schöpfung beitrug. Insbesondere der Wettlauf ins All zwischen den USA und der Sowjetunion in den 60er Jahren förderte den SF-Boom in Nordkorea.  


Viele denken an SF, wenn über die negative Utopie “Brave New World” von Aldous Huxley gesprochen wird. Sie beschreibt eine futuristische Welt, in der sich Wissenschaft und Zivilisation extrem gut entwickelt haben. Babies werden durch künstliche Befruchtung gezeugt, sie kennen ihre Eltern nicht. Der Staat ist allein verantwortlich für die Kindesbetreuung und die Erziehung. Die Zukunft des Einzelnen wird durch seine Intelligenz bestimmt. Durch die Handhabung von Geräten können die Menschen ihre Rolle automatisch erfüllen, und ein Beruhigungsmittel wird an alle Bürger verteilt. Auf diese Weise warnen viele SF-Geschichten davor, blind dem wissenschaftlichen Fortschritt zu folgen. Doch die nordkoreanische SF-Literatur ist davon verschieden: 


Nordkorea geht davon aus, dass seine SF wissenschaftliche Fantasie in realistischer und hoffnungsvoller Weise beschreibt, während die westliche SF als lächerlich unrealistisch und pessimistisch kritisiert wird. Geschichten über Roboter, die Menschen angreifen, oder negative Utopien, die durch eine Invasion von Außerirdischen zerstört wird, findet man in nordkoreanischer Science-Fiction-Literatur vergeblich. Ein SF-Buch mit dem Titel “Blaues Ohr” von Hwang Chong-sang, einem der promintesten SF-Autoren in Nordkorea, porträtiert junge Wissenschaftler, die in einem vereinigten Korea Pflanzen kultivieren, die den Krebs bekämpfen. Nordkoreanische Science-Fiction dreht sich vor allem um neue Technologien. Neue Materialien werden entdeckt, um das Leben der Menschen zu verbessern und zur nationalen Entwicklung beizutragen. Das nordkoreanische SF-Buch “Ein Luftschiff, das Blitze fängt” dreht sich um die Nutzung von Blitz-Energie, um eine unerschöpfliche Stromquelle zu haben. Im Buch “Hügel von morgen” entwickeln Genetiker supergroße Pflanzen. Nordkoreanische SF-Geschichten erzählen typischweise davon, wie die chronische Nahrungsmittel- und Energie-Knappheit überwunden wird. Sie zeigen, wie Wissenschaft und Technologie zum Aufbau einer Utopie beitragen. 


Das SF-Buch “Junger Mann auf dem Regenbogen”, das 2001 von “Joseon-Literatur” veröffentlicht wurde, erzählt davon, wie nach einem reichen Fischfang eine riesige Menge von Fisch transportiert wird:

 

In diesem Buch geht es um Shin Seung-gu, einen Forscher, der Sauerstoff in das Meer leitet und dadurch nähstoffreiche Gewässer erzeugt, die viele Fische produzieren. Es scheint, als ob das Ernährungsproblem gelöst ist. Doch ist es angesichts des Mangesls an entsprechenden Fahrzeugen schwierig, diesen enormen Fang in alle Winkel des Landes zu bringen. Ein junger Mann schlägt deshalb als wissenschaftliche Lösung vor, die Fische fliegen zu lassen. Der zuständige Beamte für die Fischlieferung weist diesen Vorschlag zurück, weil fliegende Fische in den Bereich der Märchen gehören würden.


Der junge Mann entwickelt Wirbelwind-Röhren, die unter Verwendung von Solarlinsen betrieben werden, die in einer Weltraumstation installiert sind. Schließlich können die Fische durch diese Röhren fliegen:


In der Erzählung ist der junge Mann auf dem Regenbogen der Sohn eines Forsches. Weil er schädlichen elektromagnetischen Wellen ausgesetzt war, mit denen Nährstoffe in den Ozean geleitet werden sollten, schlief er fünf Jahre in einem Labor in einer Unterwasserklinik, die auf Kryotherapie spezialisiert war, einer Therapie, die exteme Kälte verwendet. Es ist nicht ungewöhnlich für nordkoreanische SF-Literatur, fantastische Hightech-Motive wie etwa auch KI-Roboter, Raumschiffe mit Überlichtgeschwindigkeit, fliegende Autos und die Theorie eines Parallel-Universums zu beschreiben. 


Nordkoreanische SF-Bücher sollen die Ideale der Regierung auf wissenschaftliche Weise realisieren. Doch Beobachter weisen darauf hin, dass ein rosiges Ende auf der Basis utopischer Ideale die kreative Imagination beschränken könnten: 


Theoretisch haben nordkoreanische SF-Geschichten eine wissenschaftliche Basis, doch enthalten sie poltische und ideologische Elemente. Sie werden daher als Mittel genutzt, um das Regime zu erhalten. Wenn sich die imaginierte Welt in der Fiktion der realen Politik annähert, so stoßen die Romane auf Grenzen, und sie zeigen keine Vielfalt. Doch Nordkorea wird vermutlich weiter SF-Literatur produzieren, da Wissenschaft und Technologie als treibende Kräfte gelten, von der die Zukunft der Gesellschaft abhängt.

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