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Wirtschaft

Die Diskussion um die Arbeitsflexibilisierung in Südkorea

#Thema der Woche l 2018-12-03

Wirtschaft Aktuell

© YONHAP News

Die Pläne der südkoreanischen Regierung, das System der flexiblen Arbeitszeiten auszudehnen, werden derzeit in der Wirtschaft heftig diskutiert. Die Regierung und die Parteien wollen das System als eine Alternative ausbauen, um die Nebenwirkungen der 52-Stunden-Woche zu reduzieren, die erst im Juli dieses Jahres eingeführt wurde. Da jedoch die Gewerkschaften gegen das Projekt sind, wird sich der Konflikt um Änderungen des Systems womöglich verschärfen. Zum Thema sagt der Ökonomie-Professor Choi Bae-geun von der Konkuk-Universität: 


Wie wir von der Bezeichnung des Systems ableiten können, kann der Arbeitgeber die Arbeitszeiten innerhalb der legalen Arbeitswochengrenze ausbauen oder reduzieren. Unter dem jetzigen Flexibilisierungssystem können die Unternehmen die Arbeitszeit während extremer Phasen erhöhen und sie kürzen, wenn es weniger Arbeit gibt, solange die Arbeitszeit der Beschäftigten unter den durchschnittlichen 52 Stunden in der Woche liegt. Diese Flexibilität ist für drei Monate möglich. Doch angesichts der Klagen von Unternehmen plant die Regierung, diese Zeitbeschränkung auf sechs Monate oder ein Jahr auszudehnen. 


In Übereinstimmung mit dem koreanischen Standard-Arbeitsgesetz begannen öffentliche und private Unternehmen mit 300 oder mehr Beschäftigten am 1. Juli damit, die maximale Wochenarbeitszeit von 68 auf 52 Stunden zu verringern. Doch die Regelung wurde umgehend dahin kritisiert, dass sie dabei nicht die Realität einiger Industrien richtig berücksichtige. Als zusätzlicher politischer Akt wurde die Arbeitsflexibilisierung eingeführt: 


Zahlreiche Firmen in Korea hängen von geringverdienenden Beschäftigten ab, die lange Arbeitszeiten haben. Die kürzere Wochenarbeitszeit und die Drei-Monats-Grenze wird daher unweigerlich die Wettbewerbsfähigkeit dieser Unternehmen schwächen. Falls die Regelung zu streng ausgelegt wird, müssten wahrscheinlich viele Firmen dichtmachen. Hinzu kommt, dass einige Unternehmen über Monate hinweg eine starke Konzentration auf die Arbeit verlangen, während es in anderen Monaten weniger Arbeit gibt. Die Unternehmen sagen, dass unterschiedliche Industriestandards berücksichtigt werden sollten, wenn es um die Flexibilisierung geht. 


Tatsache ist, dass die wirtschaftlichen Indikatoren sehr schwach sind und dass die Arbeitsmarktsituation sich verschlechtert. Die Regierung und die politischen Parteien einigten sich daher am 5. November darauf, die Arbeitszeitflexibilisierung innerhalb eines Jahres auszudehnen: 


Unter dem jetzigen System erhalten diejenigen, die mehr als 52 Wochenarbeitsstunden innerhalb von drei Monaten haben, Geld für die Mehrarbeit erhalten. Doch wenn der Zeitraum auf ein Jahr verlängert wird, müssen die Arbeitgeber keine Überstunden mehr zahlen, wenn die Beschäftigten vier oder fünf Monate lang mehr als 52 Stunden pro Woche arbeiten. 


Die koreanische Konföderation der Gewerkschaften sagt, dass der Ausbau des Systems zu einer Reduzierung der Arbeitseinkommen um sieben Prozent führe und dass dies ein Risiko für die Gesundheit der Arbeitnehmer darstelle, da die Lasten höher werden. Der Grund, warum die 52-Stunden-Woche eingeführt wurde, war, die Risiken einer Überbeanspruchung zu entschärfen und den Erwerbstätigen mehr Zeit für ihre Familien zu geben: 


Das deutsche System verdient dabei Aufmerksamkeit. Die deutschen Arbeitnehmer haben Arbeitszeitkonten. Wenn sie Mehrarbeit verrichten, wird diese auf ihren Konten angerechnet. Die gespeicherte Zeit kann mit bezahltem Urlaub oder mit finanziellem Ausgleich aufgewogen werden. Ich denke, dass es für die Regierung nicht wünschenswert ist, die Arbeitszeitflexibilisierung zu strikt auf die Unternehmen anzuwenden. Die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite sollten ein Abkommen über ihre eigene Flexibilisierung und das richtige Niveau des Ausgleichs für Überstunden schließen. 


In den Industrieländern gibt es verschiedene Modelle der Arbeitszeitflexibilisierung. In Großbritannien beispielweise müssen die Beschäftigten ihre Arbeitszeit über einen Zeitraum von 17 Wochen lediglich unter durchschnittlich 48 Stunden pro Woche halten. Doch sind Ausnahmen auf der Grundlage einer Vereinbarung zwischen dem Management und der Arbeitnehmerseite möglich. Für Korea ist es nötig, andere Modelle im Ausland zu studieren, um schließlich eine Win-win-Lösung zu finden: 


Der Schlüssel ist, einen angemessenen Ausgleich für die Arbeitnehmer zu schaffen, wenn sie Überstunden machen. In vielen Fällen wollen sie selber mehr arbeiten. So könnte es ihnen auf Basis einer Vereinbarung ermöglicht werden, die Stunden auszusuchen, in denen sie am liebsten arbeiten wollen. 


Am 22. November wurde ein Beraterausschuss gebildet, der einen Dialog über wirtschaftliche, soziale und arbeitstechnische Fragen in Gang setzen soll. Zu den Themen dieses multilateralen Gremiums gehören auch die Arbeitszeitflexibilisierung und die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

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