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Kultur

Cheon Myeong-kwan: „Feierabend“

#Literatur zum Hören l 2019-11-12

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Seine Erzählung „Feierabend“ stammt aus dem Jahr 2014. Die Geschichte spielt in nicht allzu ferner Zukunft und malt ein Bild des Horrors. Die Preise steigen ungebremst und die Arbeitslosenquote liegt 90%. Die Gesellschaft teilt sich in wenige Superreiche und unzählige notdürftige Bürger. 



„Das nimmt ja gar kein Ende. Wie viele Decken gibt es?”, fragte der erste Koordinator.

„Decken“– das waren diejenigen, die von staatlich ausgestellten Gutscheinen lebten. Der Name blieb hängen, weil die arbeitslosen Obdachlosen zerlumpte Decken überzogen, um sich vor der Kälte zu schützen.

“Ich bin mir nicht sicher. Die Regierung sagt, es gibt drei Millionen von ihnen, aber einige sagen, es sind tatsächlich mehr als fünf Millionen”, erwiderte der zweite Koordinator.

„Verdammt, diese Werbegeschenke machen das Land noch bankrott. Aber man kann sie ja nicht alle zu Öl pressen und in Seife verwandeln“, meinte der erste.

„Das würde sich auch nicht lohnen. Es wäre besser, sie wie Schweine eine Grube zu schmeißen und abzuknallen“, sagte der zweite. 

Die „Decken“ in der Nähe hörten wahrscheinlich, wie die beiden Regierungsangestellten sie verhöhnten, hielten aber still, um ihre Gutscheine zu bekommen.

„Nummer 4506!“

Der Mann mit der Nummer 4506 hatte ein Kind an der Hand. 



„Mein Kind muss Medikamente gegen sein Asthma nehmen, aber die Medikamente sind so teuer“, sagte der Mann.

„Das hast du dir selber eingebrockt, indem du ein Kind bekommen haben, das du dir nicht leisten kannst“, entgegnete der Koordinator.



Professor Bang Min-ho von der Seoul National University: 

Bei den Decken in dieser Geschichte handelt es sich um übrig gebliebene Arbeitskräfte, die nirgendwo eingesetzt werden könnten. Sie sind überschüssig und werden daher nicht als wertvoll angesehen. Da es so viele von ihnen gibt, fragen sich die Superreichen, wie weit sie gehen würden, um zu überleben. Die Reichen experimentieren mit Menschen, wie sie es mit Laborratten tun würden, und zeigen, dass die Würde des Lebens für diese überzähligen Wesen nicht gilt. Dies ist eine völlige Dehumanisierung der Menschen. Das Anheben der Arzneimittelpreise zum Spaß ist ein Beispiel dafür, wie verdorben diese dystopische Welt geworden ist.

 



Cheon Myeong-kwan, geboren 1964, debütierte 2003 mit der Erzählung „Frank und ich“. Er wurde mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet.

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