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Kultur

Kim Seong-joong: „Der Grenzmarkt“

#Literatur zum Hören l 2019-07-16

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Ein Mann wird an einer Landesgrenze von den Kontrollbehörden aufgegriffen. Außer einem löchrigen Gedächtnis und etwas gelbem Pulver in seiner Tasche hat er nichts weiter vorzuweisen. Der Mann gibt zu Protokoll, dass er und seine Reisegefährten Juko und Rona vom Wege abgekommen waren und auf einen Grenzmarkt stießen. Die Geschichte handelt von ihren sonderbaren Erlebnissen auf diesem Markt.



Der Geldwechsler lächelte uns an.

„Wer von Ihnen möchte Geld umtauschen?“

Rona und ich zögerten, während Juko einen Schritt nach vorn wagte.

„Welche Erinnerung möchten Sie verkaufen? Für gewöhnlich werden bei den ersten Transaktionen Erinnerungen von der Geburt bis zu den ersten zwei oder drei Jahren weggegeben.“

„Gut. Die verkaufe ich. Ich kann mich sowie nicht an diese Jahre erinnern.“

Etwa fünf Minuten später kam Juko zurück und ließ sich auf das Sofa neben uns fallen.

„Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, wie ich da lag und Öl auf meine Stirn gerieben wurde.“



Professor Bang Min-ho von der Abteilung für koreanische Literatur an der Seoul National University:

Erinnerungen können eine schwere Last sein. Ironischerweise können Menschen ohne sie aber nicht existieren. Würden sie verschwinden, hinterließen sie eine Leere, und mit dieser Leere in ihnen könnten die Menschen nicht leben. Ohne Erinnerungen schwinden die Menschen dahin, da diese ein ganz wesentlicher Bestandteil von ihnen sind. Die Geschichte über den Handel mit Erinnerungen lässt uns darüber nachdenken, warum wir trotz schmerzhafter Erinnerungen weiterleben und warum wir so verzweifelt versuchen, sie loszuwerden. Diese Erzählung lotet die Tiefe der menschlichen Seele aus.



Ich klopfte frustiert auf meine Brust. Ängstlich wich Rona ein paar Schritte zurück. Dann, so als erinnerte sie sich an etwas, streckte sie mir ein Foto entgegegen. Abgebildet waren Rona und ich. Auf der Rückseite stand geschrieben: „Gib das Foto dem Mann, der mich aufsuchen wird.“

„Wenn du diese Nachricht liest, werde ich dich nicht mehr kennen. Ich habe alle meine Erinnerungen aufgegeben, um dieses Geschäft zu kaufen.“

Gleich beim ersten Satz wusste ich bereits, was geschehen war.

„Komm und besuch mich beim nächsten Vollmond.“

Sie hatte mir diese Nachricht hinterlassen, bevor sie ihre letzten Erinnerungen verkaufte. Rona war nicht länger Rona. Die smarte Singlefrau war verschwunden.




Kim Seong-joong, geboren 1975, debütierte im Jahr 2008 mit der Erzählung „Geben Sie mir meinen Stuhl zurück“. Im selben Jahr wurde er mit dem „Joongang-Literaturpreis für Nachwuchsschriftsteller“ ausgezeichnet. Seine Erzählung „Der Grenzmarkt“ erschien 2011.

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