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Kultur

Cho Hae-il: „Die Hörner“

#Literatur zum Hören l 2022-03-15

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Der Mann hatte das beladene Gestell hochgehievt, die Schultergurte angeschnallt und wollte nun losgehen. 

Vielleicht lag es daran, dass die Hörner dieses Gestells besonders lang waren. Mit diesen Hörnern, die über der Ladung in den Himmel ragten und sich parallel zum Boden erstreckten, glich der Träger, der sich nun zum Aufbruch bereit machte, einem fantastischen gehörnten Wesen. Wie schön er aussah!

Aber als Ga Sun-ho beobachtete, wie sich der Mann bewegte, geschah etwas Seltsames.

Der erste Schritt, den der Mann tat, war nicht vorwärts, sondern rückwärts. Der Jige-Träger ging rückwärts. Er richtete sein Gesicht auf Ga Sun-ho, entgegengesetzt zu der Richtung, die er einschlagen sollte. Sein Gesicht glühte vor Freude und nahm einen wunderbaren Ausdruck an.

Die starken, prächtigen Hörnern nach vorne und den Körper nach hinten gerichtet, begann dieses nie zuvor gesehene, seltsame Wesen nun, schnell und elegant zu voranlaufen wie ein mächtiges Tier.

Ga Sun-ho spürte überwältigende Freude. Er lief nun hinter dem mächtigen Tier her, während er weiter auf das strahlende Gesicht des Mannes blickte.


Da waren seine Eltern, die eine kleine Kirche am Stadtrand führten und sich immerzu nach Gott sehnten, der älteste Bruder, der das Leben eines gewohnheitsmäßigen Dissidenten ohne politische Überzeugung führte, ein anderer älterer Bruder, der die Militärakademie als Jahrgangsbester abgeschlossen hatte und jetzt nach rasantem Aufstieg auf der Karriereleiter als Oberstleutnant diente, eine jüngere Schwester, die als Sekretärin bei einer ausländischen Firma arbeitete und unbeirrt den Plan verfolgte, nach Amerika zu gehen, und noch ein anderer älterer Bruder, der sich in der Arbeiterbewegung engagierte, ohne die organisatorischen Fähigkeiten eines Idealisten zu besitzen. Und dann war da noch Ga Sun-ho selbst, der mit dem wenigen Geld, das er verdiente, indem er Übersetzungsarbeiten übernahm oder ein paar Zeilen für eine Zeitschrift schrieb, kaum seine Unterkunft und Verpflegung bezahlen konnte und der regelmäßig die Cafés in der Nähe des Zeitschriftenverlages besuchte, um seine intellektuellen Freunde zu treffen. Von all den Menschen, an die er sich erinnerte, lebte keiner ein anständiges Leben ...




Cho Hae-il (1941-2020): „Die Hörner“

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