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Geschichte

Harmonie von Natur und Kultur: der Stadtfluss Cheonggyecheon

2015-11-10

Harmonie von Natur und Kultur: der Stadtfluss Cheonggyecheon
Die Innenstadt von Seoul ist eine moderne Gegend, die durch hohe Gebäude und eine hektische Betriebsamkeit charakterisiert ist. Inmitten des alltäglichen Großstadtlärms kann man aber das Plätschern von Wasser ausmachen. Es kommt vom Flüsschen Cheonggyecheon, einem insgesamt 10,84 Kilometer langen Wasserlauf, der mitten durch die Viertel Jongno-gu und Jung-gu in der Seouler Innenstadt fließt. Seit seiner Freilegung im Jahr 2005 wurde der Cheonggyecheon zu einem beliebten Ort für Seoul Bürger und Touristen gleichermaßen, um eine Pause einzulegen und mitten in der geschäftigen Stadt ein wenig Natur zu genießen.

Frau 1: Ich bin hier mit meinen Mitarbeitern. Es ist sehr erholsam, so etwas in der Stadt zu haben, denn es gibt Wasser und viele Bäume.

Frau 2: Ich fühle mich weniger müde, wenn ich mit meinen Freunden hier bin und die Menschen beobachte. Ich fühle mich im Innern sogar ein wenig jünger.

Frau 3: Dieser Ort ... Es ist wie zu Hause, wo ich Energie tanken kann. Es ist ein Ort der Ruhe, nicht nur für die Seouler, sondern für alle Koreaner.


Die Geschichte dieses Fließgewässers ist mit der Geschichte von Seoul eng verbunden. Hanyang, das heutige Seoul, wurde Hauptstadt, als das Königreich Joseon im Jahre 1392 gegründet wurde. Umringt von Bergen wurde der östliche Teil der Stadt, der leicht niedriger lag, bei schweren Regenschauern jedes Mal überschwemmt. Um die Überschwemmungen zu verhindern, unternahm Joseons erster König Taejong als eine der ersten Aufgaben die Verbesserung des Wasserabflusses. Hier ist Dr. Lee Sang-bae vom Institut zur Erfassung der Geschichte Seouls.

Der Name Cheonggyecheon kommt von einem Flüsschen namens Cheongpunggyecheon, der in der Nähe des Berges Inwangsan in Seoul entspringt. Der Bach war etwa 5,84 Kilometer lang und führte durch die Bezirke Jung-gu und Jongno-gu. Der Cheonggyecheon diente der Stadt während der Joseon-Ära als Abfluss. Wenn es regnete, floss frisches Wasser durch den Lauf, und wenn es trocken war, wurde das Abwasser aus den Häusern hindurchgeleitet.

Der Cheonggyecheon war also dazu da, Überschwemmungen zu verhindern und die Stadt während der Joseon-Ära sauber zu halten. Am Bach entlang entstanden Märkte und bildeten dort ein Zentrum des Handels und kulturellen Austausches. Dazu erneut der Historiker Dr. Lee Sang-bae.

Es gab viele Brücken über den Cheonggyecheon, auf denen unter anderem Geschichtenvorleser, Straßenverkäufer und Künstler, die ihre Zeichnungen verkauften, zu finden waren. Auch wurden verschiedene traditionelle Spiele auf den Brücken gespielt, wie etwa ein Springspiel bei Vollmond für Glück und Gesundheit. In der Gegend um den Cheonggyecheon trafen die verschiedenen Kulturen und Traditionen der Stadt aufeinander.

Während der japanischen Besetzung ließen sich verstärkt verarmte Menschen auf der Suche nach einer Unterkunft in der Gegend nieder und der Wasserlauf verschmutzte immer mehr. Nach dem Koreakrieg wurde die Situation nur noch schlimmer. Der Stadthistoriker Dr. Lee erklärt uns mehr dazu.

Besonders nach dem Koreakrieg kamen massenweise Flüchtlinge in die Gegend um den Cheonggyecheon und wurden in Elendsquartieren zusammengepfercht. Die provisorischen und unhygienischen Lebensbedingungen führten zur Ausbreitung von Infektionskrankheiten und erhöhten das Brandrisiko. Deshalb wurde der Bach in den 1950er Jahren allmählich immer weiter zugedeckt.

1955 wurden 135 Meter des Oberlaufs in der Nähe der Brücke Gwangtonggyo abgedeckt, und 1958 begann die Abdeckung des gesamten Bachs in der Innenstadt von Seoul. Zu der Zeit wurde die Abdeckung des Cheonggyecheon als ein Symbol der Entwicklung und Modernisierung angesehen. Hier ist der damalige Bürgermeister von Seoul, Yoon Tae-il, der 1961 an der Zeremonie zur Feier der vollständigen Abdeckung des Cheonggyecheon teilnahm.

Es ist mir eine große Ehre, hier zu sein, um den Abschluss der Arbeiten an der Abdeckung des Cheonggyecheon zu feiern. Das war ein alter, mehr als 500 Jahre lang gehegter Wunsch. Es wird die Dynamik des Wiederaufbaus der Nation verstärken und einen großen Einfluss auf das Wohlergehen der Bürger haben. Durch die Bevölkerungszunahme und die industrielle Entwicklung war dies nur noch ein Abwasserkanal, der nicht nur die öffentliche Gesundheit gefährdete, sondern auch das Erscheinungsbild beeinträchtigte und die weitere Entwicklung der Stadt einschränkte. Heute wurde endlich ein großer Schritt zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit, des Verkehrs, des Wohnungsbaus und des Stadtbildes erreicht.

1967 begannen über dem abgedeckten Wasserlauf die Bauarbeiten für die Cheonggyecheon-Überführungsstraße, um die berüchtigten Staus in der Innenstadt von Seoul in den Griff zu kriegen. Die Cheonggyecheon-Hochstraße wurde 1976 eröffnet, und mit der Fertigstellung der Majangdong-Eisenbahnbrücke im Jahr 1977 kam das Cheonggyecheon-Abdeckungsprojekt zum Abschluss. Der Abschnitt zwischen den Brücken Gwanggyo und Ogansugyo verschwand aus dem Blickfeld und die Baracken in der Nähe des Cheonggyecheons wurden zur Verbesserung des Erscheinungsbildes und der Kanalisation abgerissen.

Doch seit den 1990er Jahren gab es Stimmen, die die Wiederherstellung des Cheonggyecheon forderten. Historiker erinnerten an wichtige kulturelle Artefakte, die bei dem Projekt verschüttet worden waren, und Umweltschützer argumentierten, dass das Fließgewässer unter dem Beton erosionen auslösen würde. In den 2000er Jahren wurde auch die Sicherheit der Überführungsstraße immer mehr in Frage gestellt. Im Jahr 2002 versprach Lee Myung-bak, ein Kandidat um das Amt des Bürgermeisters von Seoul, den Cheonggyecheon wiederherzustellen, und die Frage wurde zu einem der am heftigsten diskutierten Themen bei der Bürgermeisterwahl.

Nach der Wahl von Lee Myung-bak zum neuen Bürgermeister von Seoul begannen die Wiederherstellungsarbeiten des Cheonggyecheon am 1. Juli 2003. Dabei wurden zuerst die Cheonggyecheon-Hochstraße und die Straße Cheonggye-Ro abgerissen, danach wurden der Kanallauf und angrenzende Gebiete restauriert. Im August, etwa einen Monat nach Beginn der Restaurierungsarbeiten, zeigte sich endlich das Wasser wieder, das unter all dem Betonschutt verschüttet war.

Frau: Er ist viel klarer, als ich gedacht hatte, und ich kann nicht glauben, dass wir das bis jetzt ignoriert haben. Ich bin froh, dass wir den Kanal wiederhergestellt haben.

Am 1. Oktober 2005 wurde eine Zeremonie zur Eröffnung des neuen Wasserlaufs durchgeführt, und der Kanal, der 1958 vor der Öffentlichkeit verschwunden war, war nach 47 Jahren endlich wieder für die Bürger Seouls da. Zehntausende Menschen versammelten sich am Cheonggyecheon, um an diesem Tag seine Wiedergeburt zu feiern.

Mann 1: Es ist ein bewegender Moment.

Mann 2: Wir können den kleinen Bach nicht mit dem vergleichen, was er vorher war. Es ist wie ein Neuanfang.

Frau 1: Dies hätte schon vor langer Zeit passieren sollen. Es sieht so viel besser aus.


Der restaurierte Wasserlauf erstreckt sich nun über 5.84 Kilometer vom Cheonggyecheon Plaza bis zur Shindap-Eisenbahnbrücke. In dem Bereich wurden 252 Quadratkilometer Grünflächen geschaffen und Wanderwege über insgesamt 12 Kilometer wurden an beiden Seiten des Kanals angelegt. Durch den Cheonggyecheon fließt nun wie zu seinen besten Zeiten klares Wasser, und man kann zu jeder passenden Jahreszeit Bäume, Blumen und andere Pflanzen, darunter auch koreanische Azaleen, in voller Blüte sehen. Fische, Frösche, Enten und Reiher bevölkern den Wasserlauf erneut und bringen ein Stück verloren geglaubte Natur in die Innenstadt. Alle zweiundzwanzig Brücken entlang des Kanals wie Gwangtonggyo und Ogansugyo wurden restauriert, eine Reminiszenz an alte Zeiten. Hier ist erneut der Historiker Dr. Lee Sang-bae.

Die Wiederherstellung des Cheonggyecheon veränderte die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger von Seoul. Wo in der Vergangenheit nur Betonungetüme waren, gibt es jetzt einen offenen Wasserlauf mitten im Zentrum der Stadt, und die Natur fügt sich harmonisch zu den modernen Gebäuden. Dieses Naturerlebnis in nächster Nähe änderte die Lebensweise der Bürger Seouls.

Der Bach Cheonggyecheon symbolisiert das Leid und die Freude des koreanischen Volkes, wie er in verschiedenen Stadtentwicklungsprojekten Phasen der Dunkelheit und der Helligkeit durchmachte. Derzeit ist er immer voller Leute, die an seinen Ufern spazieren gehen, sich einfach ausruhen und natürlich Selfies machen. Der Cheonggyecheon wird in der Nacht noch schöner und macht den Wasserlauf zu einer Top-Attraktion in Seoul. Nach der Seoul Metropolitan Facility Management Corporation, die für den Kanal zuständige Behörde, belief sich die Anzahl der Besucher des Cheonggyecheon in den letzten zehn Jahren bis August 2015 auf insgesamt mehr als 191,4 Millionen Menschen. Auch für ausländische Touristen ist der Cheonggyecheon ein Muss: Laut Kulturministerium betrug die Zahl der ausländischen Besucher allein im vergangenen Jahr mehr als 814.000 Personen.

Frau: Mein Name ist Isatel und ich bin aus Malaysia. Ich habe gehört, dass der Cheonggyecheon in der Vergangenheit sehr schmutzig war, aber er wurde gründlich restauriert. Er ist so friedlich und schön.

Mann: Ich komme aus Chicago. Ich habe eine Menge großartiger Dinge über den Cheonggyecheon gehört. Es ist toll, so einen sauberen Kanal in der Stadtmitte zwischen all den Gebäuden zu sehen. Nachts ist er besonders schön, also habe ich eine Menge Fotos gemacht. Ich werde sie online posten, um sie meinen Freunden und meiner Familie zu zeigen.


Die Wiederherstellung des Cheonggyecheon diente auch erster Schritt dazu, verschiedene andere Flussläufe in Seoul ökologisch zu restaurieren. Hier ist noch einmal der Stadthistoriker Dr. Lee Sang-bae.

Als der Cheonggyecheon in seiner ursprünglichen Form wiederhergestellt war, stellte er für andere Wasserläufen in Seoul wie dem Hongjecheon, dem Yangjecheon oder dem Anyangcheon ein Vorbild dar, ebenfalls zum Ursprung zurückzugehen. Anders ausgedrückt war die Restaurierung des Cheonggyecheon eine Gelegenheit, das Bewusstsein über die Bedeutung und die Erhaltung der Natur zu erwecken, also ein ganz anderer Schwerpunkt als bei den Entwicklungsprojekten in der Vergangenheit.

Der Stadtfluss Cheonggyecheon ist ein Kind des Königreichs Joseon, und seine Geschichte spiegelt die Geschichte des koreanischen Volkes. Der Wasserlauf ist inzwischen ein beliebter Ort der Ruhe, wo Geschichte, Natur und Menschen in Harmonie vereint sind, ein Stück natürlicher Kultur in den geschäftigen Augenblicken der Innenstadt.

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