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Nordkorea

Das Transportsystem in Nordkorea

#Blick auf Nordkorea l 2019-06-06

Schritte zur Wiedervereinigung

© KBS

Heute werfen wir einen Blick auf das Transportsystem in Nordkorea. Eine zentrale Rolle kommt dort Transporten von Personen und Gütern auf der Straße zu. Die aus Nordkorea geflüchtete Kang Mi-jin, die für die in Seoul beheimatete Online-Zeitung Daily NK schreibt, sagt:


1995 kamen in Nordkorea die Logistikfahrzeuge Servi-cha auf. Angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten konnte der Staat nicht länger Lebensmittel verteilen. Die Menschen mussten durch den Handel auf Märkten überleben. Für den Verkauf mussten sie schnell von einem Ort zum anderen fahren. Sie nutzten dafür Lkw, die zuvor von staatlichen Organisationen benutzt worden waren. Weil Nordkoreaner den Transport gegen Bezahlung mit dem Konzept des Service in Verbindung brachten, nannten sie die Fahrzeuge Servi-cha oder Service-Autos. 


Früher war die Eisenbahn in Nordkorea das wichtigste Transportmittel. Doch veralteten die Eisenbahnen und Schienen, was zu Störungen führte. Als seine Alternative etablierten sich Servi-cha, eine Wortneuschöpfung aus „Service“ und „Cha“, das koreanische Wort für Auto. Gemeint sind alle Arten von Fahrzeugen, die für den Transport von Gütern und Menschen gegen Entgelt eingesetzt werden. Diese Art von Transportdienstleistung begann sich Mitte der 1990er Jahre zu etablieren. 


Wer Waren verschicken will, geht zu einem Parkplatz, wo Busse und Lkw stehen. Jedes Fahrzeug hat eine Nummer zur Kennzeichnung des Zielorts. Will jemand etwas nach Hamheung schicken, wählt er das passende Fahrzeug aus. Er verhandelt mit dem Fahrer über den Preis und es werden Telefonnummern ausgetauscht. Vor der Ankunft in Hamheung informiert der Fahrer den Empfänger über die erwartete Ankunftszeit und bittet ihn, zum örtlichen Parkplatz zu kommen. Dort kann der Empfänger das an ihn adressierte Paket abholen. 


Die Servi-cha-Fahrer liefern schnell und zuverlässig. Während anfangs vor allem staatliche Lkw ausgeliehen wurden, kommen heute auch Busse, Transporter und Motorräder zum Einsatz. Im Lauf der Zeit bildeten sich transparente Marktpreise heraus.


Vor dem Auftauchen der Servi-cha legten die Fahrer oder Zugbetreiber die Transportpreise fest. Heute kann zwischen verschiedenen Dienstleistern gewählt werden. Weil Wettbewerb herrscht, müssen die Betreiber der Transportfahrzeuge die Preise auf einem gewissen Niveau aufrechterhalten. Die Kunden können außerdem Informationen über die Gebühren per Mobiltelefon austauschen. Die Betreiber können die Preise daher nicht willkürlich anheben. 


Servi-cha spielen eine wichtige Rolle, um Großhändler mit Händlern auf den privaten Märkten, den Jangmadang, in Kontakt zu bringen. Mit dem schnellen Wachstum der Jangmadang wuchs auch die Nachfrage nach den Servi-cha. Die Servi-cha brachten zudem weitere Veränderungen mit sich. 


Eine Freundin lebt in Hyesan, in der Provinz Ryanggang. Früher habe das Verschicken eines Paketes von Hyesan nach Haeju in der Hwanghae-Provinz üblicherweise acht Tage gedauert. Da sie nun Servi-cha benutzen könne, dauere es nur zwei oder drei Tage. Früher verschickten die Nordkoreaner Waren per Post, heute bevorzugten sie wegen der zusätzlichen Optionen und geringeren Verlustquote Servi-cha.


Beim Versand mit Servi-cha bestehen keine Einschränkungen hinsichtlich Größe und Gewicht der Pakete. Selbst Frischware wie Fisch und Obst lässt sich bequem verschicken. Im Bereich der Lieferdienste entstanden viele Jobs. Doch ist Privatleuten das Betreiben von Servi-cha nicht erlaubt.


Nordkorea erlaubt das Geschäft in gewissem Maße. Doch gibt es im sozialistischen Norden grundsätzlich keine privaten Lieferdienste. Wer privates Geld in ein solches Geschäft investiert, kann dies nicht unter seinem Namen tun. Denn Eigentümer ist immer ein staatliches Unternehmen. Für die Nutzung des Namens des Staatsunternehmens müssen Gebühren bezahlt werden. Doch solange diese entrichtet werden, darf das Geschäft nach Belieben betrieben werden.


Durch den Handel auf den Märkten reich gewordene Nordkoreaner, die als Donju bekannt sind, importieren Fahrzeuge direkt aus China, um in das lukrative Transportgeschäft einsteigen zu können. Die Behörden lassen sie gewähren, weil Störungen bei der Lieferung die Preise steigen lassen können. Dann könnten die Bürger schnell unzufrieden werden. Der Staat selbst kann kein Transportnetzwerk aufrechterhalten, daher werden auch in diesem Sektor marktwirtschaftliche Prinzipien eingeführt.

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