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Die Massengymnastikveranstaltungen in Nordkorea

2019-08-22

© KBS

Südkoreas Präsident Moon Jae-in besuchte im September des vergangenen Jahres Pjöngjang. Dort schaute er sich auch eine der Massengymnastikveranstaltungen an, die Nordkoreas Regime regelmäßig im Stadion “Erster Mai” in der Haupstadt organisiert. Im Juni dieses Jahres wurde auch Chinas Präsident Xi Jinping während eines Staatsbesuchs zu dieser Schau eingeladen. Welche Bedeutung hat diese Veranstaltung? Dazu sagt Professor Chung Eun-chan vom Institut für Vereinigungserziehung in Seoul: 


In Nordkorea ist die Massengymnastik-Schau eines der wichtigsten poltischen Ereignisse, die den Kollektivismus des Landes und die soziale Vorzüge demonstrieren. Es ist ein außerordentliches Spektakel mit Gymnastik, Tanz und artistischen Einlagen. Zehntausende von Menschen werden für das Programm mobilisiert. Nordkorea sagt, dass die Schau von der Blumen-Gymnastikveranstaltung ausgeht, die von Staatsgründer Kim Il-sung als Teil der Aktivitäten für die Agrarrevolution in der Mandschurei in den 1930er Jahren eingeführt wurde, während des Kampfs gegen die japanische Kolonialherrschaft über Korea. Am 19. September 1961 hielt Nordkorea eine Gruppen-Gymnastikschau unter dem Titel “Die Ära der Arbeiterpartei” im Moranbong-Stadion in Pjöngjang ab. Diese gilt als Originalform der Massengymnastikschau. 


Nordkorea beschreibt das Ereginis als Form des Massensports, bei der athletische Techniken mit ideologischem und artistischem Inhalt verbunden werden. Seit Ende der japanischen Kolonialherrschaft gab es im Norden etwa 80 solcher Programme: 


Das Wort “Masse” umfasst “Gruppe”. Nordkorea nutzt die Schau, um den Kollektivsinn zu zeigen, ein typisches Merkmal sozialistischer Staaten. An der Oberfläche soll sie helfen, die physische Stärke der Jugendlichen und Arbeiter zu verbessern. Wichtiger ist sie jedoch als Instrument, um einen hohen Grad an Organisation, Disziplin, Ideologie und Kollektivismus zu erzeugen. Im Gegensatz zu Massenspielen in westlichen Ländern liegt hier der Schwerpunkt auf dem Führer und der Geschichte sowie der politischen Ideologie. 


Für das Propagandaspektakel werden zahlreiche Nordkoreaner mobilisiert, um die Überlegenheit des Regimes zu zeigen. Gut trainierte Turner und Tänzer bewegen sich dabei in perfekt synchronisierter Form. Die Menschen auf den Rängen des Stadions halten bunte Schilder hoch, um damit das Bild eines gigantischen Mosaiks zu erzeugen. Dieser Teil wurde 1955 hinzugefügt. Seit 2000 wurde das Ereignis durch artistische Vorführungen noch größer. Die Schau trug seit 2002 den Namen Arirang, als etwa 100.000 Menschen aktiv daran teilnahmen und weltweit Aufmerksamkeit erhielt: 


Auch das Thema hat sich geändert, da die Schaus die ideologischen Richtlinien der verschiedenen Anführer zeigten. Im September des vergangenen Jahres organisierte Nordkorea eine Massenschau mit dem Titel “Ruhmreiches Land”, um den 70. Gründungstag des Regimes zu feiern. Zusätzlich zu Drohnen wurden Laser und andere moderne, bildgebende Techniken angewandt, um den Fokus Nordkoreas auf Wissenschaft und Technologie zu demonstrieren. Das war eine große Änderung im Vergleich zu früheren Spektakeln, bei denen es meistens um anti-amerikanische Gefühle und die Entwicklung von Atomwaffen durch Nordkorea ging. Während des Besuchs von Moon Jae-in betonte die Aufführung die Themen Frieden, Wohlstand und Wiedervereinigung. 


Als Xi Jinping im Juni in Pjöngjang war, umfasste die Massenschau vier Kapitel, die sich mit den Errungenschaften im sozialistischen Nordkorea sowie der traditionellen Freundschaft zwischen Nordkorea und China befassten: 


An der Schau nehmen zum großen Teil Studenten und Artisten teil. Sie müssen sich an dem politischen Ereignis beteiligen, ob sie wollen oder nicht. Falls sie sagen, sie wollen nicht, müssen sie sich einer ideologischen Prüfung unterziehen. Die Proben dauern sechs Monate oder länger. Die Studenten, die für das Halten der wechselnden Schilder herangezogen werden, müssen stundenlang an ihren Plätzen bleiben, denn das Fehlen auch nur eines Schilds könnte die gesamte Szene ruinieren. Einige harren so lange aus, dass sie ihre Blase nicht mehr halten können und sich eine Blasenentzündung holen. In extremen Fällen werden sie in ein Krankenhaus gebracht. 


Die teilnehmenden Studenten oder Schüler haben während der Probezeiten sechs Monate lang keinen Unterricht. Das Training kann so intensiv sein, dass einige das Bewusstsein verlieren. Es werden Kinder herangezogen, die erst vier Jahre alt sind, was heftig kritisiert wurde. Eine UN-Untersuchungskommission berichtete, dass die nordkoreanischen Kinder im Unterricht fehlen und tagelang probem müssten. Teilnehmer, die ihre Rollen nicht richtig ausfüllten, würden körperlich bestraft oder müssten an Extraproben teilnehmen. Die auf Nordkorea spezialisierte Reiseagentur Koryo Tours berichtete im Mai, dass die Massenschau dieses Mal von Juni bis Oktober daure, 800 Euro würden VIP-Plätze und 500 Euro die Erste-Klasse-Sitze kosten:


Das nordkoreanische Regime hat die Gymnastikschau zum Zweck der Propaganda und Diplomatie benutzt. Auch verdient sie daran als touristisches Projekt. Bedenkt man diesen Nutzen und den großen Stolz, den Nordkorea wegen dieser Veranstaltung zeigt, so wird das Land das Ereignis wahrscheinlich beibehalten, und mehr Schüler werden weiter dafür leiden müssen.

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