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Über erste Begegnungen - Folge 1

#Was mir zu Korea einfällt l 2018-09-08

Hörerecke

 Von einem Sportfest und automatischen Fensterhebern.


ⓒ KBS News

Wann habe ich eigentlich das erste Mal etwas von Korea gehört? Um ehrlich zu sein, so ganz genau weiß ich es nicht mehr. In meiner Kindheit kam Korea so gut wie nicht vor. Nicht in der Schule, nicht in meinen Kinderbüchern, nicht im Fernsehen. Gehört und gelesen hatte ich mit großem Interesse von China und Japan, und Ostasien wurde für mich als Kind zu einem exotischen Märchenland. Aber Korea war für mich kein Begriff. Irgendwann entdeckte ich wohl in dem Atlas, in dem ich als Kind gerne blätterte, dass es zwischen China und Japan noch ein Land gab, das Korea hieß und in einen nördlichen und einen südlichen Staat geteilt war. Aber mehr stand da auch nicht, und so war Korea für mich zunächst nicht mehr als ein Name auf einer Landkarte. 


Dass ich das Land Korea das erste Mal bewusst wahrnahm, muss 1988 gewesen sein. Vor genau 30 Jahren. Die olympischen Sommerspiele in Seoul waren damals wahrscheinlich für viele Menschen in Deutschland und auf der ganzen Welt die erste Begegnung mit Korea. Ich war 12 Jahre alt, begeisterte mich für alle möglichen Sportarten und verbrachte regelmäßig viele Stunden vor dem Fernseher, um das internationale Sportgeschehen zu verfolgen. Olympia war für mich ein absolutes Highlight. Wenn ich an Seoul 88 denke, fallen mir vor allem unzählige Siege von DDR-Sportlern, Steffi Grafs Goldmedaille und die aufkommende Dopingproblematik ein, aber zum ersten Mal lernte ich auch ein paar Dinge über das Land Korea. 

Das fing mit Banalitäten an. Im Fernsehen wurde dem unkundigen Zuschauer erklärt, wie der Name der Hauptstadt Südkoreas denn genau auszusprechen sei: „Seoul“. Heute mag man darüber schmunzeln, dass damals vereinzelt tatsächlich von der Olympiade von „Suhl“ oder dem „Söhler Olympiastadion“ zu hören war, aber wenn ich dieser Tage im Flugzeug nach Deutschland sitze und neben mir einen deutschen Geschäftsmann darüber schwadronieren höre, er kenne „Se-oul“ mittlerweile so gut wie seine Westentasche, dann möchte ich nicht nur nicht wissen, wie es in seiner Westentasche aussieht, sondern wünsche mir auch, er hätte damals bei Olympia – und vielleicht auch sonst – einfach mal genau hingehört.


Neben diesen Banalitäten rückten aber auch ernsthaftere Aspekte in den Blickpunkt. So hatte die Olympiade, wie ich mich erinnere, damals schon im Vorfeld bei uns zu Hause für Diskussionen gesorgt. Denn als die Spiele vergeben wurden, war Südkorea noch keine Demokratie, und in meinem politisch engagierten Elternhaus sah man es nicht unkritisch, dass ausgerechnet solch ein Land zum olympischen Austragungsort erkoren wurde. Erst kurz vor den Spielen kam es in Südkorea zu substantiellen politischen Reformen, die das Ende der jahrzehntelangen Militärdiktatur besiegelten, und im Nachhinein kann man heute wohl sagen, dass die Olympischen Spiele der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Koreas nachhaltig geholfen haben. 


Und noch etwas ist mir von der Olympiade 1988 in Seoul in Erinnerung geblieben: die prächtige Eröffnungsfeier mit den Trommlern, Taekwondo-Kämpfern und aufsteigenden Friedenstauben. Son Ki-jung, Marathon-Olympiadesieger von Berlin 1936, trug die olympische Fackel ins Stadion. Gut im Ohr habe ich auch heute noch den offiziellen Olympiasong: „Hand in Hand“, gesungen von der Gruppe Koreana. Während mir der Name der Band schon damals verdächtig unoriginell vorkam, ist das Lied selbst ein echter Ohrwurm, und – so finde ich – bis heute einer der besten Olympiasongs. Vielleicht erinnert sich ja der eine oder die andere noch an das Video des Sängerduos mit den gegelten Haaren und den runden Sonnenbrillen. Der ursprünglich englische Text wurde übrigens nachträglich mit den Worten „Sone son jabgo“ ziemlich wörtlich ins Koreanische übersetzt. 


Musik: Hand in Hand


Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass ich dem, was ich dort im Fernsehen sah, später einmal sehr nahekommen würde. Wenn man mir damals gesagt hätte, dass der Dichter des koreanischen Textes des Olympiasongs später einer meiner Lehrer an der Seoul National University sein würde, dass sich mein späterer Arbeitsplatz unmittelbar neben dem Seouler Olympiastadion befinden würde, und dass ich die Gedenkstätte für Marathon-Olympiasieger Son Ki-jung und das Namdaemun, den koreanischen Nationalen Kulturschatz Nr. 1, einst aus dem Fenster meiner Wohnung würde sehen können – ich hätte ihn für verrückt erklärt.


Nach der Olympiade war Korea aus meiner Wahrnehmung wieder verschwunden und tauchte erst fünf Jahre später kurz wieder auf. Korea hatte sich – auch dank der Olympiade – politisch und wirtschaftlich positiv weiterentwickelt und begann, mit seinen Produkten neue Märkte zu erschließen. Eines dieser Produkte stand eines Tages vor unserer Haustür. Mein Großvater, ein leidenschaftlicher Autofahrer, hatte sich einen neuen Wagen gekauft, den er uns nun stolz vorführte. „Ein Koreaner! Nein, kein Japaner, ein Koreaner! Marke Kia, Modell Sephia, ganz neu auf dem deutschen Markt.“ Das Auto enthielt, soweit ich mich erinnerte, ein paar kleine technische Spielereien, die meinen Großvater gewaltig beeindruckt hatten. Dazu zählten damals beispielsweise auch noch die elektrischen Fensterheber, die er uns begeistert vorführte. Staunend standen wir da. Dass sich das Fenster zwar reibungslos öffnen, dann aber aufgrund irgendeiner Fehlfunktion plötzlich nicht mehr schließen ließ, so dass die gesamte Rückfahrt zähneknirschend und zähneklappernd bei geöffnetem Fenster und winterlichen Temperaturen erfolgen musste und Oma sich infolgedessen eine langwierige Lungenentzündung zuzog, ist eine andere Geschichte, die mein späteres Verhältnis zu Korea aber glücklicherweise nicht nachhaltig getrübt hat. 


Als ich meinen Schulabschluss machte, wusste ich ein paar Dinge über Korea. Dass es den Koreakrieg und die Teilung des Landes gegeben hatte und dass Korea eine aufstrebende Wirtschaftsmacht war, war in der Schule besprochen worden. Aber es verband mich nichts mit Korea. Noch bestand Korea für mich nur aus vereinzelten Bildern oder abstraktem Wissen. 


Denn was fehlte, war eine persönliche, menschliche Verbindung. Diese Verbindung kam später, zur Zeit meines Studiums. Und was mir dazu einfällt, erzähle ich beim nächsten Mal. 

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