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Park Wan-suh: „Für die Sehnsucht“

#Literatur zum Hören l 2019-08-20

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Literaturkritikerin Jeon So-yeong:

Die Erzählerin findet, dass das Leben ihrer Cousine unter ihrem Niveau ist. Verglichen mit der Erzählerin ist ihre Cousine jedoch viel freier darin, ihre Wünsche und Gefühle auszudrücken. Gemessen an materiellem Reichtum kann man das Leben der Cousine als völligen Misserfolg betrachten. Aber ihr Leben ist doch erfüllter, weil sie lieben und geliebt werden konnte. Sie denkt, dass ihr hartes Leben durch die letzte Liebeserklärung ihres Mannes für sie entschädigt wurde, und das ist genug, um sie glücklich zu machen. Die einzige, die sie nicht versteht, ist die Ich-Erzählerin, die gefühllos geworden ist.



Eine Insel im Südmeer, die im Sommer kühl und im Winter mild ist. Ein Ort, an dem gelbe Gingkoblätter auf grünes Gras fallen.

Eine Insel, auf der ein attraktiver 70-jähriger Fischer zu seiner hübschen Frau zurückkehrt und stolz einen rosafarbenen Schnapper in der Hand hält, den er gerade im glitzernden Meer gefangen hat.

Wenn ich an eine solche Insel denke, füllt sich mein Herz mit Sehnsucht.

Das Verlangen nach etwas ist ein Segen. Ich habe mich bis jetzt nie nach irgendetwas gesehnt. Ich wusste nicht, wie vertrocknet mein Herz war, weil ich mich nach nichts gesehnt habe.

Meine Kinder wollen im nächsten Sommer einen Urlaub auf der Insel verbringen, auf der meine Cousine wohnt, aber ich nicht. Um meiner Sehnsucht willen.

Stattdessen werde ich auf den Tag warten, an dem meine Cousine mir einen rosafarbenen Schnapperfisch schickt. 




Park Wan-suh (1931-2011) zählt zu Koreas renommiertesten Autorinnen. Zu ihren bekanntesten Werken gehören „War der Berg wirklich dort?“ und „Wer hat nur den ganzen Knöterich gegessen?“ Die Erzählung „Für die Sehnsucht“ stammt aus dem Jahr 2001 und wurde mit dem Hwang-Su-Won-Literaturpreis ausgezeichnet. Sie handelt von der Beziehung der Ich- Erzählerin zu ihrer Cousine und davon, wie sich die Ich-Erzählerin von ihrem Hochmut befreit.

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