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Kultur

Im Sun-deuk: „Tochter und Mutter“

#Literatur zum Hören l 2019-11-19

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Die Geschichte handelt von Hyeon-sun und ihrer Mutter. Hyeon-sun ist verwitwet, und ihre Mutter wünscht sich, dass sie wieder heiratet. Auch ihr Sohn Hyeong-du soll heiraten, aber seine Freundin genügt den Ansprüchen der Mutter nicht. 



„Mutter, was ist los? Warum hast du denn Hyeon-dus Lieblingshose zerrissen?“, fragte Hyeon-sun.

Hyeon-sun begann die Stofffetzen aufzuräumen und entdeckte unter der zerrissenen Hose das Foto ihrer Freundin. 

„Das ist ein schmutziges Bild. Wirf es in den Ofen!“, rief die Mutter.

„Mutter, was ist denn in dich gefahren?", fragte Hyeon-su.

„Los, mach schon. Wirf das weg. Warum seid ihr beiden in letzter Zeit so ungehorsam? "

Die Mutter griff die Tochter beim Handgelenk, um ihr das Foto wegzunehmen. Hyeon-sun spürte sich ihrer Mutter plötzlich sehr fern

„Ich habe nicht wieder geheiratet und euch beide alleine großgezogen, weil ich gehofft habe, dass ihr ein besseres Leben habt und dass mein Junggesellensohn nicht irgendwelche Gebrauchtware bekommt.“ 

„Bitte beruhige dich, Mutter.“

Hyeon-sun nahm ergriff beide Hände ihrer Mutter.

„Dann gehöre ich ja eigentlich auch auf den Abfallhaufen. Ich bin schließlich auch Gebrauchtware, wie Yeon-Gyeong.“

Dies sagte sie mit einem Lächeln, aber der Gesichtsausdruck der Mutter änderte sich plötzlich. Es war deutlich erkennbar, dass die alte Frau versuchte, ihre Verlegenheit hinter ihrem strengen Gesicht zu verbergen.

Hyeon-sun glaubte, dass dies der richtige Zeitpunkt war, um sie zu überzeugen, wie die Dinge waren.

„Würde es dir gefallen, wenn jemand mein Bild so behandelt hätte?“, fragte sie.

„Was fällt dir ein? Kannst du nicht den Mund halten?“

Mutter schüttelte Hyeon-suns Hände ab und drehte sich weg.



Literaturkritikerin Jeon So-yeon:

In dieser Geschichte wird die Mutter zunächst als aufgeschlossene Frau beschrieben, die sowohl auf ihre Tochter als auch auf ihren Sohn stolz ist. Sie möchte, dass ihre verwitwete Tochter wieder heiratet, stellt sich jedoch ironischerweise gegen ihren Sohn, der eine geschiedene Frau heiraten will. Das mag paradox erscheinen, aber typisch für jene Zeit. Die Koreaner befolgten eine Reihe sehr strenger konfuzianischer Regeln, die es verwitweten Frauen nicht erlaubten, wieder zu heiraten. Diese Regeln wurden abgeschafft, als das Land modernisiert wurde. Aber institutionelle Veränderung bedeutet nicht automatisch Veränderung der Mentalität. Viele Menschen dachten immer noch negativ über Frauen, die wieder heiraten, und die Geschichte zeigt deutlich, dass diese veraltete, patriarchalische Haltung auch bei selbsternannten fortschrittlichen Menschen wie Hyeon-suns Mutter durchaus noch verbreitet war.



„Was soll ich tun, wenn Hyeon-du seine Anzughose sucht?“, fragte die Mutter.

„Er wird zuerst nach dem Bild suchen“, erwiderte Hyeon-sun.

„Kannst du kein anderes Bild von ihr besorgen?", fragte die Mutter.

„Das wollte ich gerade.“

„Kein Wort darüber, was heute passiert ist, auch wenn ihr beiden enge Freunde seid.”

Mutter stand auf, öffnete die Tür und sah in den verhangenen Himmel.

„Ich wünschte, ein Regenschauer würde alles wegspülen", sagte sie. 

„Dass du dich heute so verhalten hast, muss am heißen Wetter gelegen haben“, sagte Hyeon-sun.

Mutter hielt Hyeon-sun auf, gerade als sie nach draußen gehen wollte.

„Bring sie mit, wenn du kannst“, sagte sie. 




Im Sun-deuk, geboren 1915, war eine der ersten feministischen Literaturkritikerinnen Koreas. Ihre Erzählung „Mutter und Tochter“ stammt aus dem Jahr 1949.

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