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Kultur

Lee Beom-seon: „Der Tod wird verschoben“

#Literatur zum Hören l 2020-08-25

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Herr Park hatte auch Tuberkolose gehabt. Er sah furchtbar aus damals. Bei jeder Gelegenheit hatte er sich im Nachtdienstzimmer hingelegt. Cheol hatte ihm damals empfohlen, sich auszuruhen, genauso wie es ihm der Arzt nun empfahl.  

Das neue Schuljahr hatte begonnen und einen Monat später war Park nicht mehr zur Schule gekommen. Es wurde ein Vertretungslehrer für ihn angestellt. Bevor der junge Mann sich an den Tisch setzte, den zuvor Herr Park benutzt hatte, wischte er ihn mehrfach sorgfältig mit einen Desinfektionswattebausch ab. 

Als Cheol ungefähr einen Monat später eines Morgens die Tür zum Lehrerzimmer öffnete, trat ihm plötzlich Herr Park entgegen.

„Oh, Herr Park! Sind Sie zurück?“

„Ja, na sowas, alles in Ordnung bei Ihnen?“

Die Glocke läutete zur allmorgendlichen Lehrerversammlung und alle nahmen ihre Plätze ein. Doch auf dem Platz von Herr Park saß der junge Lehrer, während Herr Park auf einer länglichen Sitzbank Platz nahm, die für Besucher gedacht war. 

Auch am darauf folgenden Tag saß Herr Park wieder dort am Rand auf der Besucherbank. Die übrigen Lehrer, die alle mit ihrer eigenen Arbeit beschäftigt waren, deuteten lediglich ein Lächeln an, wenn sie an ihm vorbeigingen. Der Studiendirektor, der ihm direkt gegenübersaß, war schon seit einer Weile in irgendwelche Unterlagen vertieft. Von Zeit zu Zeit hob er kurz den Kopf. Jedesmal trafen sich kurz ihre Blicke. Dann tauchte der Studiendirektor seinen Kopf wieder in die Unterlagen und Herr Park schob sich die leicht heruntergerutschte Brille wieder zurecht. Herrn Parks Blick wanderte zwischen dem Foto des Staatspräsidenten und dem darunter sitzenden und offenbar vor sich hin dösendem Studiendirektor hin und her. 

Es war 5 Uhr am Nachmittag. Zeit, nach Hause zu gehen. Herr Park beobachtete den Studiendirektor aus der Ferne. Dieser war dabei, seinen Schreibtisch aufzuräumen. Nachdem er seine Schubladen abgeschlossen hatte, stand er langsam auf und nahm den Hut vom Kleiderhaken. Herr Park nahm sein mitgebrachtes Mittagessen, das er nicht gegessen hatte, und ging nach Hause.

Am nächsten Morgen kam Herr Park früh zur Schule. Wieder saß er auf der Besucherbank. Für ein oder zwei Minuten schloss er die Augen und öffnete sie dann wieder. Dann schaute er auf das Foto des Präsidenten an der gegenüberliegenden Wand und als seine Augen geschlossen waren, erinnerte er sich daran, was der Schulleiter an seinem ersten Schultag gesagt hatte.

„Ja, das sind gute Nachrichten, aber könnten Sie mir bitte etwas mehr Zeit geben? Obwohl er ein Ersatzlehrer ist, ist es schwierig, ihn zu entlassen, wenn er weniger als einen Monat hier ist. Wollen Sie damit sagen, dass Sie jetzt vollständig geheilt sind?“

Immer wenn Herr Park sich daran erinnerte, begann sein Hals wieder zu kitzeln und er spürte wieder den Hustenreiz. Er schluckte schwer, um den Husten zu unterdrücken ... 




Lee Beom-seon (1920-1982) begann seine Schriftstellerlaufbahn im Jahr 1955 und wurde mit verschiednene Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Dongin-Literaturpreis im Jahre 1961. Die Erzählung „Der Tod wird aufgeschoben“ erschien 1958. Sie handelt von Cheol, einem Grundschullehrer, der eine sechste Klasse unterrichtet und an Tuberkolose erkrankt ist. Ein wichtige Rolle spielt auch ein Kollege von ihm, Herr Park.

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