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Geschichte

Koreas Raumfahrtprogramm: der Griff nach den Sternen

2015-11-17

Koreas Raumfahrtprogramm: der Griff nach den Sternen
Am 11. Juni 2009 eröffnete im Bezirk Goheung in der Provinz Süd-Jeolla an der südlichen Spitze der koreanischen Halbinsel das Naro-Raumfahrtzentrum. Dies machte Korea zum dreizehnten Land auf der Welt mit einer eigenen Raketenstartrampe. Mit dem Naro-Raumfahrtzentrum war Korea in der Lage, Raketen mit selbst entwickelter Technologie in den Weltraum zu schicken, was Korea in den Rang einer eigenständigen Großmacht in der Luft- und Raumfahrtindustrie katapultierte.

Am 11. August 1992 begann am Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana in Südamerika der Countdown zum Start von Koreas erstem Satelliten, dem KITSAT-1 oder Wooribyul-1. Mit einem ohrenbetäubenden Dröhnen zwischen roten Flammen und weißem Rauch raste die Ariane-Rakete mit dem KITSAT-1 gen Himmel. Der kleine Wissenschaftssatellit mit einem Gewicht von nur ca. 50 kg trat 23 Minuten nach dem Start sicher in seine Umlaufbahn ein. Um 19:35 Uhr desselben Tages wurde der Kontakt zur Bodenstation in Daedeok im Zentrum von Korea hergestellt; Korea war damit das weltweit zweiundzwanzigste Land, das einen funktionierenden Satelliten im All hatte. Dr. Hwang Jin-young, der Chef der Zentrale für Zukunftsstrategie am koreanischen Forschungsinstitut für Luft- und Raumfahrt (Korea Aerospace Research Institute, KARI) erklärt uns die besondere Bedeutung des KITSAT-1 für Korea, einem Nachzügler in der Raumfahrt.

KITSAT-1 war ein Wissenschaftssatellit, der vom Forschungszentrum für Satellitentechnologie am KAIST entwickelt worden war. Seine Entwicklung war wichtig für Korea, um in der Satellitentechnologie und bei der Ausbildung von Wissenschaftlern und Ingenieuren auf diesem Gebiet Fortschritte zu machen. Bis dahin hatte Korea Erfahrung in den Technologien der Leichtindustrie, der Haushaltselektronik und beim Auto- und Schiffsbau, aber in technologische Spitzenbereiche wie der Luft- und Raumfahrt stieg Korea erst viel später als andere Länder ein. KITSAT-1 war das Symbol für Koreas erste Errungenschaft auf diesem Gebiet.

Koreas Luft- und Raumfahrtindustrie war bis 1989 extrem unterentwickelt, als das KITSAT-1-Entwicklungsprojekt am KAIST (Korea Advanced Institute of Science & Technology) begann. Dr. Hwang Jin-young vom KARI erklärt uns mehr über den desolaten Zustand der koreanischen Raumfahrtwissenschaft damals.

Als wir KITSAT-1 entwickelten, hatte Korea noch keine Erfahrung bei der Satellitenentwicklung, und ein entsprechendes Regierungsprojekt begann erst, nachdem der grundlegende Plan für die Förderung der Raumfahrt 1996 erstellt war. 1989 war ein sehr bedeutsames Jahr für Korea, denn damals wurden das Forschungszentrum für Satellitentechnologie am KAIST sowie das KARI als Organisation des koreanischen Instituts für Maschinen und Materialien eröffnet. Man kann sagen, dass die Geschichte der Raumfahrtentwicklung in Korea eigentlich 1989 begann.

Allerdings besaß Korea damals noch nicht die notwendigen Technologien, um einen Satelliten zu bauen. Daher schickte Korea im September 1989 ausgewählte Studenten vom KAIST zur University of Surrey in England, um dort die Grundlagen der Raumfahrtwissenschaft zu studieren. Dazu Dr. Hwang Jin-young vom KARI:

Das Hauptziel der Studenten bestand darin, die Grundlagen der Satellitentechnik zu erlernen. Das Satellitentechnologie-Forschungszentrum eröffnete im Jahr 1989 und wählte einige Studenten aus dem Master-Programm aus, um sie zur University of Surrey in Großbritannien zu schicken. Diese Studenten nahmen an einem einfachen Satellitenentwicklungsprogramm der Universität teil, um die Kenntnisse zum Bau des KITSAT-1 zu erwerben.

Der koreanische Name des Satelliten, „Wooribyul“, bedeutet „unser Stern“, doch da er von der Gesamtplanung bis zu den Einzelteilen mit britischer Hilfe entwickelt worden war, wurde er als „anderer Leute Stern“ verunglimpft. Der Start von Wooribyul-1 war aber ein Erfolg und verdiente Lob und Anerkennung, da Koreas junge Wissenschaftler sich ihre Kenntnisse über Satellitentechnik in einem fremden Land weit weg von zu Hause von anderen abgeschaut hatten.

Am Morgen des 26. September 1993 startete dann der KITSAT-2 in den Weltraum. Der Start von KITSAT-2 war vielleicht noch wichtiger als der seines Vorgängers, denn obwohl es sich um das gleiche Modell wie beim KITSAT-1 handelte, waren Konstruktion und Zusammenbau ganz allein von koreanischen Wissenschaftlern und Ingenieuren durchgeführt worden. Fast drei Jahre später, am 26. Mai 1999, startete Korea den KITSAT-3, der nun im wahrsten Sinne des Wortes „unser Stern“ war, da Design, die Einzelteile und der Zusammenbau aus rein einheimischer Produktion stammten. Dr. Hwang Jin-young dazu:

Die Modelle der Wooribyul-Serie waren für Satelliten sehr klein, etwa 50 Kilogramm schwer und nur 30 Zentimeter lang. Sie wurden nicht gebaut, um einen bestimmten Forschungsauftrag zu erfüllen, sondern um Wissenschaftler und Ingenieure in der Satellitentechnik zu trainieren. Die Satelliten waren so programmiert, dass sie nur einfache wissenschaftliche Aufgaben wie die Messung radioaktiver Strahlung im Raum, das Aufspüren energiearmer Teilchen und die Überprüfung von Infrarot-Strahlungsdetektoren durchführen konnten.

Die offizielle Lebensdauer des KITSAT-1 betrug ursprünglich fünf Jahre, doch er wurde weitere sieben Jahre lang bis 2004 betrieben, insgesamt also 12 Jahre. KITSAT-2 von 1993 kommunizierte bis 2002 mit der Bodenstation, und der letzte Satellit der KITSAT-Serie von 1999 hatte mit drei Jahren die kürzeste Lebensdauer, bevor sein Dienst eingestellt wurde.

Nachdem durch die KITSAT-Programme die Grundlagen für eine fortgeschrittene Satellitenentwicklung gelegt waren, wagte Korea sich an ein weitaus ambitionierteres Satellitenprojekt heran. In den Jahren 1995 und 1996 starteten die Kommunikationssatelliten KOREASAT 1 und 2, auch als Mugunghwa 1 und 2 bekannt, benannt nach Koreas Nationalblume, der Scharonrose. Damit katapultierte sich Korea in die Ära der Hochgeschwindigkeits-Datenkommunikation. Das Land setzte 1999 sein Satellitenprogramm mit dem Start von KOMPSAT-1 oder Arirang-1, einem unbemannten Mehrzweck-Satelliten, fort. Dr. Hwang Jin-jung erzählt uns mehr dazu.

Der Mehrzweck-Satellit beobachtet die Erde und macht Fotos und Videos. Er führt eine Reihe von Funktionen aus. So machte er zum Beispiel Bilder von der koreanischen Halbinsel aus dem All, die in der Landentwicklung und Stadtplanung eingesetzt wurden. Der Satellit registriert auch topografische Veränderungen in Korea, wie die Änderung von Küstenlinien und Bodenerosionen, und stellt auch Daten zur Vorbeugung gegen Überschwemmungen, Dürren und andere Naturkatastrophen zur Verfügung. Darüber hinaus spielt der Mehrzwecksatellit eine entscheidende Rolle bei der nationalen Sicherheit.

Vier Jahre später, im Jahre 2003, schickte Korea den Wissenschafts- und Techniksatelliten STSAT-1 ins All, um die Galaxie zu beobachten und die Erde zu erforschen. Die Entwicklung dieses Wissenschaftssatelliten brachte Korea einen Schritt näher an die führenden Länder in der Luft- und Raumfahrtindustrie heran. Hier ist erneut Dr. Hwang.

Korea hatte bis dahin bereits eine breite Palette von Satelliten entwickelt. Das Land hatte mit den sehr kleinen Satelliten der Wooribyul-Serie angefangen. Dann entwickelten koreanische Wissenschaftler STSAT-1 und 2 sowie die erste Trägerrakete für Satelliten, die Naro 1, für wissenschaftliche Zwecke. Es gibt auch mehrere Mehrzweck-Satelliten, die ausschließlich mit einheimischer Technologie hergestellt wurden. Bis heute hat Korea 12 Satelliten entwickelt, von denen sieben bereits stillgelegt wurden, während noch sechs in Betrieb sind. Zu den sechs funktionierenden Satelliten gehören STSAT-3, der wissenschaftliche und technologische Aufgaben durchführt, sowie vier Mehrzwecksatelliten.

Die Serie erfolgreicher Satellitenstarts veranlasste Korea zur Entwicklung eigener Raketen, die in der Lage waren, Nutzlasten in den Weltraum zu befördern. Koreanische Satelliten waren bis dahin mit ausländischen Raketen von Startrampen im Ausland in den Weltraum gestartet. Nun wurde der Wunsch dringender, eine eigene Rakete und Startrampe zu bauen. Dr. Hwang Jin-young erklärt uns, was die Raketenentwicklung mit sich brachte.

Bei der Verwendung von Raketen aus anderen Ländern für unsere Satelliten konnte Korea die Satelliten oft nicht nach eigenen Wünschen ins All schicken. Alle großen Raumfahrtnationen haben ihre eigenen Raketen, aber anders als bei Satelliten ist es sehr schwierig, die Spitzenreiter der Industrie dazu zu bringen, einem ihre Raketentechnik zu überlassen. Es gibt viele Einschränkungen bezüglich eines Raketentechnologietransfers, da Raketen dazu missbraucht werden können, Massenvernichtungswaffen zu tragen. Die führenden Luft- und Raumfahrtnationen wollen ihre Geschäftsgeheimnisse daher nicht gern mit anderen Ländern teilen. Deshalb ist im Gegensatz zur Satellitentechnologie die internationale technische Zusammenarbeit in der Raketenentwicklung sehr begrenzt, doch Korea braucht seine eigenen Raketen, wenn das Land eigenständig den Weltraum erobern will.

Im Jahr 2009 wurde nach 8 Jahren und 6 Monaten Bauzeit das Naro-Raumfahrtzentrum fertiggestellt. Das neue Raumfahrtzentrum wurde mit den modernsten Geräten zum Raketenstart ausgestattet und hob das Land in die Reihen der führenden Raumfahrnationen.

Am 30. Januar 2013 gab es gute Nachrichten, die in ganz Korea Aufregung verursachten. Eine KSLV-Rakete (Korea Space Launch Vehicle), auch als Naro-1 bekannt, startete mit einem in Korea hergestellten Satelliten auf einer einheimischen Startrampe. Dieser Start war ein Meilenstein in Koreas Geschichte der Raumfahrtentwicklung, denn die Rakete, seine Nutzlast und die Startrampe waren allesamt mit einheimischer Technologie hergestellt. Dr. Lee Chang-jin von der koreanischen Stiftung zur Förderung von Wissenschaft, Forschung und Kreativität (KOFAC) erklärt uns die Bedeutung des Starts der Naro-Rakete.

Es gibt mehrere wichtige Folgerungen aus der Tatsache, dass die Trägerrakete, der Satellit und die Startrampe aus eigener Produktion stammten. Zunächst war der Weltraum nicht länger nur ein Objekt der Beobachtung, sondern der Erforschung. Die erfolgreiche Einführung der Naro-Trägerrakete brachte die Möglichkeit der Erforschung des Weltraums viel näher an Korea heran. Zweitens bedeutet der Raketenstart, dass die technologischen Möglichkeiten Koreas dermaßen gewachsen waren, dass die eigenständige Erforschung des Weltraums in greifbare Nähe rückte.

Jedoch kostete es eine Reihe von Versuchen und Irrtümern, bis das Naro-Projekt ein Erfolg wurde. Der erste Start von Naro-1 im August 2009 scheiterte aufgrund eines Problems mit der Verkleidung. Nach vielen Lehren aus dem ersten gescheiterten Versuch war Korea sicher, dass der zweite Naro-Start im Juni 2010 erfolgreich verlaufen würde. Doch die Rakete explodierte nach nur 137 Sekunden Flugzeit mitten in der Luft. Der dritte Start war ebenfalls mit Problemen behaftet, er wurde zweimal verschoben. Im Laufe des zehnjährigen Naro-Entwicklungsprojekts wurde der Start zehn Mal aufgeschoben und scheiterte zweimal. Doch der dritte Start am 30. Januar 2013 klappte endlich und erfüllte einen koreanischen Traum. Obwohl die Naro-3-Rakete nicht allein mit koreanischer Technologie gebaut war, hatte sich Korea durch die umfangreiche Beteiligung seiner Wissenschaftler und Ingenieure das rechtmäßige Eigentum an der Trägerrakete verdient. Dr. Hwang Jin-young erklärt es uns.

Die dritte Naro-Trägerrateke des Modells KSLV-1 war in der Lage, einen Satelliten der 100-Kilogramm-Klasse in eine niedrige Umlaufbahn zu schicken. Die Rakete war in Zusammenarbeit mit Russland entwickelt worden. Der Antrieb der ersten Stufe war ein Import aus Russland, aber der Feststoffantrieb für die zweite Stufe stammte aus Korea. Wir arbeiten derzeit an der eigenständigen Entwicklung der nächsten Trägerrakete, KSLV-2, und hoffen, bis 2020 ganz allein einen 1,5-Tonnen-Satelliten ins All zu bringen.

Die Menschheit hat immer davon geträumt, den Grenzen der Erde zu entkommen und nach den Sternen zu greifen. Korea hat zwar eher spät damit angefangen, den Weltraum zu erforschen, doch bis zum Jahr 2020 hat sich das Land das Ziel gesetzt, den Mond zu erreichen.

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